Fremdimplantat blutet beim Sondieren: Was tue ich als Allgemeinzahnarzt?
Mukositis oder Periimplantitis beim Implantat aus fremder Praxis: richtig sondieren, Röntgen und Referenz beschaffen, Ersatzkriterien ohne Vorbefund, was du selbst behandelst und wann du überweist.
Neuer Patient, 61 Jahre, zur Kontrolle. Regio 46 steht ein Implantat mit Krone, gesetzt vor einigen Jahren in einer anderen Praxis. Du sondierst, und mesial und distal blutet es. Unterlagen hat er keine, welches System es ist, weiß er nicht. Hier steht, wie du die Blutung einordnest, welche Werte du für die Diagnose brauchst, was du selbst behandelst und wann du überweist.
Blutung heißt Entzündung, die Diagnose steht erst mit dem Röntgenbild
Die Klassifikation von 2018 trennt zwei Erkrankungen. Bei beiden blutet oder eitert es beim vorsichtigen Sondieren. Den Unterschied macht der Knochen.
| Periimplantäre Mukositis | Periimplantitis | |
|---|---|---|
| Blutung und/oder Pus beim vorsichtigen Sondieren | ja | ja |
| Sondierungstiefe | mit oder ohne Zunahme gegenüber Vorbefund | Zunahme gegenüber Vorbefund |
| Knochen | kein Abbau über das initiale Remodelling hinaus | Abbau über das initiale Remodelling hinaus |
| Ohne Vorbefund | Knochen klinisch und röntgenologisch unauffällig | Sondierungstiefe ≥ 6 mm und Knochenniveau ≥ 3 mm apikal des koronalsten enossalen Implantatanteils, jeweils mit Blutung oder Pus |
Beim Fremdimplantat fehlt dir meist genau das, was die Definition voraussetzt: der Ausgangsbefund nach Eingliederung der Krone. Deshalb gibt es die Ersatzkriterien in der letzten Zeile. Sie gelten nur, wenn kein früherer Befund vorliegt.
Schritt 1: Richtig sondieren
Die EFP-Leitlinie von 2023 empfiehlt für jede Kontrolle:
- Sonde mit 0,5 mm Spitze, leichte Kraft von 0,2 N. Sondieren mit leichter Kraft ist am Implantat sicher und gehört zu jeder vollständigen Untersuchung.
- Zirkulär messen, idealerweise an sechs Stellen, und Blutung an jeder Stelle notieren.
- Pus gesondert festhalten.
- Breite der keratinisierten Mukosa messen und dokumentieren.
Unterscheide punktförmige Blutung von profuser Blutung. Für das Therapieziel bei Mukositis zählt die Leitlinie nur punktförmige Blutung bei leichter Kraft. Lässt die Kronenform kein sinnvolles Sondieren zu, beurteilst du die Entzündung über den modifizierten Sulkusblutungsindex.
Schritt 2: Röntgen und Referenz suchen
Wenn die Sondierungstiefe zugenommen hat oder du sie mangels Vorbefund nicht beurteilen kannst und es blutet oder eitert, empfiehlt die EFP eine intraorale Aufnahme, um das marginale Knochenniveau zu beurteilen. Gemessen wird vom koronalsten Punkt des enossalen Implantatanteils bis zum ersten Knochenkontakt.
Dann suchst du die Referenz. Idealerweise gibt es eine Aufnahme nach Abschluss des physiologischen Remodellings und einen Sondierungsbefund aus den ersten drei Monaten nach Eingliederung der Krone. Beides liegt in der implantierenden Praxis. Der Patient hat nach § 630g BGB Anspruch auf Abschriften seiner Behandlungsakte, die erste Abschrift ist unentgeltlich. Lass ihn die Röntgenbilder und den Implantatbefund anfordern oder fordere sie mit seiner Einwilligung selbst an.
Der Hersteller muss nach der EU-Medizinprodukteverordnung (Art. 18 MDR) einen Implantationsausweis mit Produktname, Seriennummer, Losnummer und UDI beilegen, die Praxis händigt ihn dem Patienten aus. Zahnimplantate stehen nicht auf der Ausnahmeliste. Frag gezielt nach diesem Ausweis oder einem älteren Implantatpass. Fehlt beides, frag in der implantierenden Praxis nach System, Durchmesser und Länge.
Schritt 3: Mukositis behandelst du selbst
Die nicht-chirurgische Behandlung der Mukositis kann laut EFP-Leitlinie in der allgemeinzahnärztlichen Praxis stattfinden, durch die Zahnärztin selbst, eine Dentalhygienikerin oder auf Überweisung beim Spezialisten. Was dazugehört:
- Mundhygiene instruieren und professionelle mechanische Reinigung (PMPR). Die Leitlinie empfiehlt beides zusammen.
- Instrumente: Ultraschall mit kunststoffbeschichteten Spitzen, Pulverstrahl mit Glycin, Titanküretten oder Chitosanbürstchen können jeweils allein verwendet werden.
- Prothetik prüfen. Ist die Krone nicht reinigungsfähig, empfiehlt die Leitlinie Reinigung, Abnahme oder Umgestaltung der Suprakonstruktion.
- Keine Antibiotika. Lokale Antibiotika werden nicht empfohlen, systemische Antibiotika ebenfalls nicht. Lokal applizierte Zusätze wie antiseptische Gele schlägt die Leitlinie als Ergänzung zur PMPR ebenfalls nicht vor.
Nach zwei bis drei Monaten kontrollierst du. Therapieziel ist am Implantat höchstens eine Stelle mit punktförmiger Blutung und kein Pus. Bei zwei oder mehr blutenden Stellen, einer profusen Blutung oder Pus wird erneut behandelt.
Schritt 4: Periimplantitis und wann du überweist
Auch die Periimplantitis beginnt mit einem nicht-chirurgischen Schritt. Dazu gehören laut EFP Mundhygieneinstruktion, Kontrolle der Risikofaktoren, Reinigung oder Umgestaltung der Prothetik, supra- und submarginale Instrumentierung und, falls nötig, die Parodontitistherapie an den Zähnen. Systemische Antibiotika werden routinemäßig nicht empfohlen. Nach sechs bis zwölf Wochen wird reevaluiert. Ziel sind Sondierungstiefen bis 5 mm, höchstens eine blutende Stelle und kein Pus.
Wird das Ziel nicht erreicht, folgt der chirurgische Schritt. Den sollen laut Leitlinie Behandelnde mit spezieller Ausbildung oder Spezialisten übernehmen. Für dich heißt das in der Praxis: Mukositis behandelst du selbst. Bei Periimplantitis kannst du den nicht-chirurgischen Schritt beginnen, wenn du die Ausstattung hast, und überweist, sobald eine Operation absehbar ist oder die Suprakonstruktion abgenommen werden muss und du das System nicht kennst.
Der Patient von oben: Implantat 46, sechs Messstellen. Mesial 4 mm mit punktförmiger Blutung, distal 4 mm mit Blutung, sonst 3 mm ohne Blutung, kein Pus. Kein Vorbefund vorhanden. Im Einzelbild liegt der Knochen etwa 1 mm unterhalb des koronalsten enossalen Implantatanteils. Die Ersatzkriterien für Periimplantitis (≥ 6 mm und ≥ 3 mm) sind nicht erfüllt. Arbeitsdiagnose: periimplantäre Mukositis. Du instruierst Interdentalbürstchen, reinigst mit Ultraschall und Kunststoffspitze und bestellst ihn in drei Monaten wieder. Parallel fordert er die Unterlagen aus der implantierenden Praxis an. Hätten sich distal 7 mm mit Pus und ein Knochenniveau von 4 mm gezeigt, wäre die Diagnose Periimplantitis.
Was in die Akte gehört
Nach § 630f BGB dokumentierst du alle für die jetzige und künftige Behandlung wesentlichen Befunde, Diagnosen, Therapien und Aufklärungen. Beim Fremdimplantat konkret: Sondierungstiefen an sechs Stellen, Blutung und Pus je Stelle, Breite der keratinisierten Mukosa, Röntgenbefund mit gemessenem Knochenniveau, Arbeitsdiagnose, dass kein Vorbefund vorlag, welche Unterlagen angefordert wurden und den Kontrolltermin. Diese Messung ist zugleich die Referenz für jede weitere Kontrolle in deiner Praxis.
Kläre auch über die Kosten auf. Die Nachsorge von Implantaten ist in Deutschland keine Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung, darauf weist auch die EFP-Leitlinie hin.
Blutung zeigt die Entzündung, erst das Röntgenbild mit Referenz zeigt, ob schon Knochen verloren ist.
Vertiefen kannst du das in den Caseside-Lektionen Implantat aus fremder Praxis, Periimplantäre Mukositis, Periimplantitis: Diagnose und nicht-chirurgische Therapie, Implantate im Röntgen und Das Implantat-Recall.
In Caseside50 Lektionen ImplantologieVon der Planung über die Versorgung bis zu Mukositis, Periimplantitis und Recall, jeweils mit Fall, Selbstcheck und Quellen.›Häufige Fragen
Darf ich am Implantat überhaupt mit der Parodontalsonde sondieren?
Ja. Der Konsensusbericht der Klassifikation von 2018 bezeichnet das Sondieren mit leichter Kraft als sicher und als wichtigen Teil jeder vollständigen Untersuchung. Die EFP-Leitlinie empfiehlt eine Sonde mit 0,5 mm Spitze und 0,2 N.
Brauche ich bei jeder Blutung ein Röntgenbild?
Nein. Die EFP-Leitlinie empfiehlt eine intraorale Aufnahme, wenn die Sondierungstiefe zunimmt und es gleichzeitig blutet oder eitert. Beim Fremdimplantat ohne Vorbefund kannst du die Zunahme nicht beurteilen, deshalb ist eine Aufnahme dort meist gerechtfertigt. Die rechtfertigende Indikation stellst du wie immer im Einzelfall.
Hilft Chlorhexidin-Gel bei Mukositis?
Die EFP-Leitlinie schlägt vor, lokal applizierte Mittel wie Antiseptika nicht als Ergänzung zur mechanischen Reinigung einzusetzen. Entscheidend sind die Reinigung und die häusliche Mundhygiene.
Was, wenn ich keinen Vorbefund bekomme?
Dann gelten die Ersatzkriterien: Sondierungstiefe ≥ 6 mm und Knochenniveau ≥ 3 mm apikal des koronalsten enossalen Implantatanteils, jeweils mit Blutung oder Pus. Deine eigene Erstmessung wird zur Referenz für alle weiteren Kontrollen.
Quellen
- Berglundh T, Armitage G, Araujo MG et al. Peri-implant diseases and conditions: Consensus report of workgroup 4 of the 2017 World Workshop on the Classification of Periodontal and Peri-Implant Diseases and Conditions. J Clin Periodontol 2018;45 Suppl 20:S286–S291. doi:10.1111/jcpe.12957
- Herrera D, Berglundh T, Schwarz F, Chapple I, Jepsen S, Sculean A, Kebschull M, Papapanou PN, Tonetti MS, Sanz M. Prevention and treatment of peri-implant diseases. The EFP S3 level clinical practice guideline. J Clin Periodontol 2023;50 Suppl 26:4–76. doi:10.1111/jcpe.13823
- Verordnung (EU) 2017/745 des Europäischen Parlaments und des Rates über Medizinprodukte (MDR), Artikel 18: Implantationsausweis und Informationen, die Patienten mit einem implantierten Produkt zur Verfügung zu stellen sind. gesetze.legal
- Bürgerliches Gesetzbuch, § 630f Dokumentation der Behandlung. gesetze-im-internet.de
- Bürgerliches Gesetzbuch, § 630g Einsichtnahme in die Patientenakte. gesetze-im-internet.de
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Lehrmaterial für die zahnmedizinische Aus- und Weiterbildung, keine Handlungsanweisung für den Einzelfall. Maßgeblich sind die jeweils geltenden Leitlinien und die Fachinformation des verwendeten Präparats.