Schwangere Patientin: Was darf ich bei Röntgen, Anästhesie und Schmerzmitteln?
Röntgen mit Indikation und ohne Schürze, Articain mit wenig Adrenalin, Paracetamol immer und Ibuprofen nur bis zur 28. Woche. Was Embryotox, SSK und Packungsbeilage für den Behandlungsalltag sagen.
Die Patientin hält sich die rechte Wange, 46 schmerzt seit zwei Nächten, und im Anamnesebogen steht „schwanger, 31. Woche“. Auf einmal wird jeder Handgriff zur Frage: Darfst du ein Einzelbild machen, Articain mit Adrenalin spritzen, Ibuprofen mitgeben? Hier steht, was Embryotox, die Strahlenschutzkommission und die Packungsbeilage dazu sagen, und an welcher Schwangerschaftswoche sich etwas ändert.
Wann du behandelst
Gesperrt ist kein Trimenon. Embryotox, das Beratungszentrum der Charité, schreibt ausdrücklich, dass die prophylaktische und, wenn indiziert, die therapeutische Zahnbehandlung in der Schwangerschaft empfohlen wird. Untersuchungen mit über 600 Schwangeren, die im 2. und 3. Trimenon zahnärztlich behandelt wurden, zeigten keine negativen Auswirkungen auf das Kind. Die US-amerikanische Konsenserklärung zur Mundgesundheit in der Schwangerschaft (überarbeitet 2026) sagt dasselbe: Notfall- und Akutbehandlung jederzeit, wenn der Befund es verlangt.
Für die Praxis heißt das: Schmerz, Entzündung und Infektion behandelst du sofort, egal in welcher Woche. Planbares legst du, wenn es sich schieben lässt, ins zweite Trimenon, für das auch die meisten Sicherheitsdaten vorliegen.
Röntgen: Indikation ja, Schürze nein
Die Strahlenschutzverordnung verlangt in § 120 drei Dinge. Du fragst jede gebärfähige Patientin vor der Aufnahme, ob eine Schwangerschaft besteht oder bestehen könnte. Bei bestehender Schwangerschaft prüfst du die Dringlichkeit. Ist die Aufnahme geboten, schöpfst du alle Möglichkeiten aus, die Exposition für Mutter und Kind zu senken. Konkret: nur die Aufnahme, die deine Frage beantwortet, also eher ein Zahnfilm als ein OPG, wenn es um einen einzelnen Zahn geht.
Die Bleischürze gehört nicht dazu. Die Strahlenschutzkommission hat 2022 festgehalten, dass die Strahlenenergien und Feldgrößen in der Zahnmedizin nur Streustrahlung mit geringen Dosen erzeugen und Patienten-Strahlenschutzmittel deshalb nicht benötigt werden. Selbst bei OPG und DVT brachte eine Schürze in Studien keine nennenswerte Dosiseinsparung. Bei Schwangeren sollst du das höhere Strahlenrisiko des Kindes in deine Abwägung einbeziehen und Abweichungen von der Empfehlung dokumentieren.
Frage nach Schwangerschaft und Antwort, Schwangerschaftswoche, Fragestellung der Aufnahme, warum sie jetzt nötig ist (Dringlichkeit), Art der Aufnahme. Ein kurzer Satz wie „Patientenschutzmittel gemäß SSK-Empfehlung 2022 nicht verwendet“ beantwortet die Nachfrage, die bei der nächsten Begehung oder von der Patientin kommt.
Lokalanästhesie: Articain, gern mit wenig Adrenalin
Embryotox bewertet den Erfahrungsumfang für Lokalanästhetika als hoch. Articain passiert die Plazenta in geringerem Ausmaß als andere Lokalanästhetika, im Serum Neugeborener findet sich etwa ein Drittel der mütterlichen Konzentration. Die Empfehlung lautet: Articain kann indikationsgerecht, auch mit Zusatz von Epinephrin, in der Schwangerschaft angewendet werden. Eine besser geeignete Alternative gibt es für die Zahnheilkunde laut Embryotox nicht.
Die Packungsbeilage von Ultracain D-S forte ist vorsichtiger formuliert. Dort steht, dass die Anwendung in der Schwangerschaft nur nach strenger Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen soll und bei Schwangeren vorzugsweise Ultracain D-S (Adrenalin 1:200.000) statt forte (1:100.000) verwendet werden sollte, weil es weniger Epinephrin enthält. Eine versehentliche intravasale Injektion kann über den Adrenalinanteil die Uterusdurchblutung vermindern. Ein Grund mehr, sorgfältig zu aspirieren.
Schmerzmittel: Die 28. Woche ist die Grenze
Hier passieren die meisten Fehler, weil Ibuprofen in der Frühschwangerschaft unproblematisch ist und später nicht mehr.
| Wirkstoff | Bis SSW 27 | Ab SSW 28 |
|---|---|---|
| Paracetamol | Mittel der Wahl | Mittel der Wahl |
| Ibuprofen | Mittel der Wahl neben Paracetamol, nicht tagelang ohne ärztlichen Rat | darf nicht angewendet werden |
Embryotox begründet die Grenze mit dem Risiko eines vorzeitigen Verschlusses des Ductus arteriosus und einer eingeschränkten fetalen Nierenfunktion mit Oligohydramnion. Die Empfindlichkeit steigt mit dem Gestationsalter. Fallberichte gibt es schon ab Mitte des 2. Trimenons, vor allem bei längerer Einnahme. Wurden NSAR zwischen Woche 20 und 28 regelmäßig über mehrere Tage genommen, empfiehlt Embryotox eine Doppler-Kontrolle des Ductus. Für Paracetamol gilt: indikationsgerecht und im zugelassenen Dosisbereich, aber auch nicht wochenlang ohne ärztlichen Rat.
Antibiotika: Penicilline zuerst
- Penicillin V und Amoxicillin sind laut Embryotox Antibiotika der Wahl in der Schwangerschaft.
- Cefuroxim kann bei passendem Keimspektrum in allen Phasen der Schwangerschaft eingesetzt werden.
- Clindamycin ist nur 2. Wahl. Besser geeignet sind Penicilline, Cephalosporine, gegebenenfalls Makrolide.
- Tetrazykline stehen in der US-Konsenserklärung unter „niemals in der Schwangerschaft“.
Lagerung und Prophylaxe
Die Konsenserklärung gibt für die Lagerung klare Hinweise: Kopf höher als die Füße, halb sitzend, so wie es die Patientin toleriert, und häufige Positionswechsel erlauben. Wird ihr schwindlig oder übel, legst du ein kleines Kissen unter die rechte Hüfte oder lässt sie sich leicht nach links drehen. Dahinter steckt ein Blutdruckabfall, wenn der Uterus in flacher Rückenlage auf die untere Hohlvene drückt (Vena-cava-Kompression).
PZR und Parodontitistherapie sind in der Schwangerschaft möglich und sinnvoll. Embryotox empfiehlt die prophylaktische Zahnbehandlung ausdrücklich. Das American College of Obstetricians and Gynecologists hält fest, dass einige Studien einen Zusammenhang zwischen Parodontitis und Frühgeburt fanden, die Behandlung in der Schwangerschaft den Schwangerschaftsausgang aber nicht verbessert hat. Bedenken zur Sicherheit der Behandlung ergaben diese Studien nicht. Du behandelst also für die Mundgesundheit der Mutter, ohne ihr bessere Geburtsergebnisse zu versprechen.
Patientin, 31. Schwangerschaftswoche, irreversible Pulpitis an 46. Behandelt wird sofort, eine Akutbehandlung wartet nicht bis nach der Geburt. Zahnfilm 46 nach Frage nach der Schwangerschaft und dokumentierter Dringlichkeit, ohne Schürze. Lagerung halb sitzend, Kissen unter der rechten Hüfte. Leitungsanästhesie mit Articain und Adrenalin 1:200.000, aspiriert. Trepanation und Wurzelkanalbehandlung. Für zu Hause: Paracetamol. Ibuprofen ist in Woche 31 tabu. Hätte sie schon zwei Tage Ibuprofen genommen, schickst du sie zur Gynäkologin, damit der Ductus per Doppler kontrolliert wird, und notierst das.
Ab der 28. Woche ist Ibuprofen tabu, Paracetamol und Articain mit Adrenalin bleiben erlaubt.
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Darf ich im ersten Trimenon betäuben?
Ja, wenn die Behandlung nötig ist. Zu Articain in der Frühschwangerschaft gibt es laut Embryotox keine systematischen Untersuchungen, aber auch keine Hinweise auf ein erhöhtes Fehlbildungsrisiko. Der Erfahrungsumfang für Lokalanästhetika insgesamt ist hoch.
In einer amerikanischen Tabelle steht, Articain sei zu meiden. Was gilt?
Die US-Konsenserklärung von 2026 führt Articain tatsächlich unter „in der Schwangerschaft vermeiden“. Embryotox bewertet es für Deutschland anders und nennt für die Zahnheilkunde keine besser geeignete Alternative. Halte dich an Embryotox und an die Packungsbeilage, also strenge Indikation und möglichst der niedrigere Adrenalinzusatz.
Die Patientin hat in Woche 30 schon Ibuprofen genommen. Was jetzt?
Nicht weiter nehmen lassen und auf Paracetamol umstellen. Bei wiederholter Einnahme nach der 28. Woche empfiehlt Embryotox eine Doppler-Kontrolle des Ductus arteriosus und den Ausschluss eines Oligohydramnions. Das organisiert die Frauenärztin. Kurz vor dem Entbindungstermin gilt das schon für Einzeldosen.
Darf ich eine stillende Mutter mit Articain betäuben?
Ja. Embryotox hält Articain, auch mit Epinephrin, in der Stillzeit für indikationsgerecht anwendbar, weil der Säugling keine nennenswerte Menge aufnimmt. Laut Packungsbeilage muss das Stillen bei kurzfristiger Anwendung nicht unterbrochen werden.
Quellen
- Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie, Charité – Universitätsmedizin Berlin. Embryotox, Arzneimittelinformationen zu Articain, Ibuprofen, Paracetamol, Amoxicillin, Penicillin V, Cefuroxim und Clindamycin. Abgerufen am 29.10.2026.
- Strahlenschutzkommission. Verwendung von Patienten-Strahlenschutzmitteln bei der diagnostischen Anwendung von Röntgenstrahlung am Menschen. Empfehlung, verabschiedet in der 321. Sitzung am 22./23. September 2022. ssk.de
- Verordnung zum Schutz vor der schädlichen Wirkung ionisierender Strahlung (Strahlenschutzverordnung – StrlSchV), § 120 Schutz von besonderen Personengruppen. gesetze-im-internet.de
- Sanofi-Aventis Deutschland GmbH. Gebrauchsinformation Ultracain D-S forte 1:100.000, Articainhydrochlorid/Epinephrinhydrochlorid, Abschnitt Schwangerschaft und Stillzeit. Abgerufen am 29.10.2026. Gebrauchsinformation (PDF)
- Oral Health Care During Pregnancy Expert Workgroup. Oral Health Care During Pregnancy: A National Consensus Statement (rev. ed.). Washington, DC: National Maternal and Child Oral Health Resource Center, Georgetown University; 2026. mchoralhealth.org
- American College of Obstetricians and Gynecologists. Oral Health Care During Pregnancy and Through the Lifespan. Committee Opinion No. 569, August 2013, reaffirmed 2025. acog.org
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Lehrmaterial für die zahnmedizinische Aus- und Weiterbildung, keine Handlungsanweisung für den Einzelfall. Maßgeblich sind die jeweils geltenden Leitlinien und die Fachinformation des verwendeten Präparats.