Dentinhypersensibilität entsteht wenn Dentin freigelegt ist und die Dentintubuli zur Oberfläche hin offen sind. Die heute akzeptierte Erklärung ist die hydrodynamische Theorie von Brännström: Thermische, osmotische oder taktile Reize verursachen eine Flüssigkeitsbewegung in den Tubuli — diese mechanische Veränderung aktiviert die Schmerzfasern im Pulpa-Dentin-Komplex. Das Ergebnis: kurzer, scharfer Schmerz der mit Entfernen des Reizes abklingt.
Die häufigste Ursache ist gingivale Rezession. Wenn das Zahnfleisch zurückgeht, liegt Wurzeldentin frei — das ist von Natur aus tubulär und empfindlich. Ursachen für Rezession: zu festes Bürsten (häufig), Bruxismus, parodontale Erkrankungen, anatomisch dünne Gingiva.
Erosion durch Säuren ist die zweithäufigste Ursache: Softdrinks, Fruchtsäfte, Wein, Refluxkrankheit — chronische Säureeinwirkung löst Schmelz auf und legt Dentin frei. Besonders tückisch: Säureerosion tritt oft ohne offensichtliche Symptome auf bis erhebliche Substanz verloren ist.
Attrition durch Bruxismus schleift Schmelz ab und legt Dentin okkusal frei. Keilförmige Defekte (Abfraxion) entstehen durch Biegestress am Zahnhals. Iatrogen: Überpräparation bei Kronenvorbereitung oder zu aggressives Scaling.
Wichtig für die Praxis: Dentinhypersensibilität ist eine Ausschlussdiagnose. Vor der Therapie müssen andere Ursachen ausgeschlossen sein. Karies (besonders Zervikalkaries) kann identische Symptome erzeugen. Gebrochene Höcker, Risse im Zahn, Pulpitis oder apikale Pathologie können ebenfalls kurze schmerzhafte Episoden auslösen. Gründliche Untersuchung inklusive Vitalprobe, Perkussion und ggf. Röntgen ist obligat.
Desensibilisierende Zahnpasten (Kaliumnitrat, Stanniumfluorid, Arginin-Kalziumkarbonat): wirken nach regelmäßiger Anwendung über 2–4 Wochen. Der Mechanismus ist entweder Tubulenverschluss (Arginin) oder Modulation der Nervenreizbarkeit (Kaliumsalze). Wirksam bei leichter bis mittlerer Sensibilität. Wichtig: konsequent anwenden, nicht nach Verbesserung aufhören.
Fluoridlack in der Praxis: Verschließt Tubuliöffnungen durch Calciumfluorid-Einlagerung. Wirkt schnell, hält Wochen bis Monate. Ideal als erste professionelle Maßnahme. Mehrfache Applikationen bei persistierender Sensibilität.
Dentin-Bonding-Agent auf freiliegenden Flächen: Effektiver Tubulenverschluss, länger haltend als Fluoridlack. Sinnvoll bei lokalisierten, ausgeprägten Bereichen.
Komposit-Restauration: Bei keilförmigen Defekten die eine strukturelle Komponente haben, ist Komposit sinnvoll — sowohl als Therapie der Sensibilität als auch als Substanzschutz.
Schleimhauttransplantat: Bei ausgeprägter Rezession mit freiliegender Wurzel ist die chirurgische Deckung (Bindegewebstransplantat, freies Schleimhauttransplantat) die einzige Möglichkeit um Rezession rückgängig zu machen. Langfristig effektivste Methode bei parodontaler Ursache.
Desensibilisierende Zahnpaste lindert Schmerzen — löst aber die Ursache nicht. Wer weiter mit zu hartem Druck bürstet, Säuregetränke konsumiert oder bruxiert, wird die Sensibilität immer wieder neu entwickeln. Putztechnik korrigieren (Bass-Technik mit weicher Bürste), Säurequellen reduzieren, Bruxismusschiene bei Parafunktion — das sind die Maßnahmen die langfristig wirken.