Studien schätzen die Prävalenz periimplantärer Mukositis auf 40–50% aller Implantate nach 5 Jahren, Periimplantitis auf 10–25%. Das bedeutet: jedes vierte bis zehnte Implantat entwickelt innerhalb von 5–10 Jahren eine periimplantäre Erkrankung. Periimplantitis ist damit die häufigste Spätkomplikation in der Implantologie und verdient mehr Aufmerksamkeit als sie im Praxisalltag oft bekommt.
Periimplantäre Mukositis: Entzündung des Weichgewebes um das Implantat, ohne Knochenabbau. Analog zur Gingivitis am natürlichen Zahn: reversibel wenn konsequent behandelt. Diagnostisch: Blutung auf Sondierung, Rötung, Schwellung, Taschenvertiefung bis 4–5 mm. Kein Knochenabbau im Röntgen.
Periimplantitis: Entzündung plus irreversibler Knochenabbau. Analog zur Parodontitis — aber oft schneller progredient und schwieriger zu behandeln. Diagnostisch: BOP und/oder Eiter, Taschentiefen über 5 mm, Knochenabbau im Röntgen (Vergleich mit Baseline obligat).
Vier Seiten sondieren (mesial, bukkal, distal, oral). BOP dokumentieren. Taschentiefen mit Baseline vergleichen. Röntgen wenn klinischer Verdacht. Ein-mal-im-Jahr EZF zum Vergleich bei jedem Implantatpatienten. Ohne Baseline-Röntgen nach Kroneneinsetzen: kein sinnvoller Vergleich möglich.
Stufe 1 — nicht-chirurgisch: Professionelle Reinigung mit titanschonenden Instrumenten (Kunststoffküretten, Glycin-Pulverstrahl, kein Stahl auf Titanoberfläche). Systemisches Antibiotikum wenn Eiter vorhanden: Metronidazol 400 mg + Amoxicillin 500 mg, 7 Tage kombiniert (Synergismus gegen parodontopathogene Flora). CHX-Spülung täglich. Suprakonstruktion abnehmen wenn möglich für bessere Zugänglichkeit. Kontrolltermin nach 4–6 Wochen.
Stufe 2 — chirurgisch: Wenn nicht-chirurgisch keine ausreichende Verbesserung. Lappenoperation mit direkter Visualisierung. Dekontamination der Implantatoberfläche (Glycin-Pulver, Zitronensäure, photodynamische Therapie). Knochenersatzmaterial wenn regenerativer Ansatz. Aufwändiger Eingriff mit ungewissem Ergebnis — Prognose hängt stark vom Ausmaß des Defekts ab.
Stufe 3 — Explantation: Wenn Knochen nicht mehr ausreichend, Implantat mobil, Therapie ohne Ansprechen, Patient wünscht Entfernung. Keine Schande — besser frühzeitig entfernen als endlos zu behandeln.
Konsequenter Recall verhindert Periimplantitis oder erkennt sie früh wenn sie noch behandelbar ist. Mukositis — rechtzeitig erkannt — ist vollständig reversibel. Periimplantitis — spät erkannt — kann zum Implantatverlust führen. Der Unterschied liegt oft in einem einzigen versäumten Recalltermin.