Normalerweise füllt sich die Extraktionsalveole innerhalb von Stunden mit einem Blutkoagulum — dem Ausgangspunkt für die Wundheilung. Bei der Alveolitis sicca (auch Dry Socket genannt) löst sich dieses Koagulum vorzeitig auf oder bildet sich gar nicht erst. Die Knochenwände der Alveole liegen frei und sind von Bakterien und deren Toxinen exponiert. Das Ergebnis: intensiver, stechender Schmerz der auf Knochennerven zurückzuführen ist und auf normale Analgesie kaum anspricht.
Beginn typischerweise 2–4 Tage nach Extraktion — nach einer anfänglich schmerzarmen Phase. Schmerz: intensiv, kontinuierlich, ausstrahlend (oft bis zum Ohr oder zum Auge). Klinisch: leere, weißlich belegte oder grau-bräunliche Alveole ohne sichtbares Koagulum. Fötider Geruch. Kein oder minimales Fieber (keine systemische Infektion). Druckempfindlichkeit über der Alveole.
Rauchen ist der stärkste Risikofaktor: Nikotin verursacht Vasokonstriktion (weniger Blutversorgung), der Sog beim Rauchen kann das Koagulum mechanisch lösen. Patienten unbedingt vor Extraktion informieren. Orale Kontrazeptiva: erhöhen das Risiko moderat, möglicherweise durch Einfluss auf die Fibrinolyse. Traumatische Extraktion mit ausgedehntem Knochentrauma. Schlechte Mundhygiene, lokale Infektion vor Extraktion. Mandibula häufiger betroffen als Maxilla (schlechtere Blutversorgung).
Wunde schonend ausspülen (körperwarme Kochsalzlösung oder CHX 0,12%) — keine aggressive Kürettage, kein Ausräumen des Koagulums. Das Ziel ist nicht das Reinigen der Alveole von Knochen, sondern die Entfernung von Detritus und Bakterien aus dem Wundgebiet.
Antiseptische Einlage: Alveogyl (enthält Eugenol, Butylaminobenzoat, Jodoform) ist das am häufigsten verwendete Produkt. Jodoformtamponade als Alternative. Wechsel alle 2–3 Tage bis der Schmerz nachlässt, typischerweise 2–5 Wechsel nötig. Keine Naht über der Einlage — Drainage ist wichtig.
Schmerztherapie: Ibuprofen 600 mg oder Metamizol als bevorzugte Optionen. Paracetamol oft unzureichend bei Alveolitis. Antibiotikum nur bei systemischen Entzündungszeichen (Fieber, Lymphadenopathie) — keine Routinegabe.
Alveolitis sicca heilt vollständig aus — sie hinterlässt keinen dauerhaften Schaden. Heilungsdauer: 2–4 Wochen. Nach Abheilung kann in den meisten Fällen ein Implantat geplant werden. Patienten brauchen Beruhigung: das sieht schlimmer aus als es ist. Das Wichtigste: nicht rauchen, nicht spülen, keinen Strohhalm benutzen in den ersten Tagen nach Extraktion.