Zahn ausgeschlagen: Was am Telefon und in den ersten Minuten in der Praxis zu tun ist
Telefonanweisung, Lagermedium, Trockenzeit, Replantation und Schienung bei Avulsion eines bleibenden Zahns. Mit Kontrollplan und einem Fall: Kind, 9 Jahre, Fahrradsturz.
Das Telefon am Empfang klingelt, eine Mutter ist völlig aufgelöst: Ihr Sohn ist mit dem Fahrrad gestürzt, ein oberer Schneidezahn liegt in ihrer Hand. Was in den nächsten Minuten am Telefon gesagt wird, entscheidet mehr über die Prognose als alles, was später am Stuhl passiert. Hier steht, was die Praxis am Telefon sagt, was in der Praxis in welcher Reihenfolge passiert und wie es nach der Replantation weitergeht.
Am Telefon: die ersten zwei Minuten
Zuerst klärst du, ob es ein bleibender Zahn ist. Ein ausgeschlagener Milchzahn wird nicht replantiert. Gründe sind der Behandlungsaufwand für ein kleines Kind, das Risiko für den Zahnkeim darunter und vor allem die Gefahr, dass das Kind den Zahn aspiriert. Frag im Zweifel nach dem Alter und danach, ob an dieser Stelle schon der „neue“ Zahn stand.
Dann gibst du klare, kurze Anweisungen:
- Kind beruhigen, Zahn suchen.
- Den Zahn nur an der Krone anfassen, also am weißen Teil. Die Wurzel nicht berühren, nicht abschrubben, nicht abtrocknen.
- Ist der Zahn verschmutzt, kurz in Milch, Kochsalzlösung oder im Speichel des Kindes abspülen.
- Wenn möglich sofort zurück in die Lücke setzen und das Kind auf ein Taschentuch oder eine Kompresse beißen lassen.
- Geht das nicht, den Zahn sofort in ein Lagermedium legen: am besten eine Zahnrettungsbox, sonst H-Milch, Kochsalzlösung oder Speichel (in einen Becher spucken lassen). Wasser ist ein schlechtes Medium, aber besser als ein trockener Zahn.
- Sofort losfahren und den Zahn mitbringen.
Uhrzeit des Unfalls, wie lange der Zahn trocken lag, in welchem Medium er jetzt liegt und ob er schon wieder eingesetzt wurde. Aus diesen Angaben ergibt sich in der Praxis die Prognosegruppe. Wie lange der Zahn trocken lag, entscheidet über das Überleben der PDL-Zellen.
In der Praxis: Zahn ins Medium, dann Anamnese
Liegt der Zahn noch in der Hand oder einem Taschentuch, kommt er sofort in ein physiologisches Medium. Dort bleibt er, während du Anamnese, klinische Untersuchung und Röntgen machst. Zur Anamnese gehört der Tetanusstatus. Dann ordnest du den Zahn einer von drei Gruppen zu:
| Situation | PDL-Zellen | Was du tust |
|---|---|---|
| Zahn am Unfallort sofort oder innerhalb von etwa 15 Minuten replantiert | höchstwahrscheinlich lebensfähig | Zahn belassen, Bereich reinigen, Position klinisch und im Röntgenbild prüfen, Fehlstellung mit leichtem Fingerdruck korrigieren, schienen |
| in Milch, Rettungsbox, Speichel oder Kochsalz gelagert, Trockenzeit unter 60 Minuten | lebensfähig, aber beeinträchtigt | Debris im Medium abschwenken oder mit Kochsalz abspülen, replantieren, schienen |
| Trockenzeit über 60 Minuten, egal ob danach gelagert | wahrscheinlich nicht lebensfähig | trotzdem replantieren, schienen, Eltern über Ankylose und spätere Dekoronation aufklären |
Die Replantation ist auch nach langer Trockenzeit fast immer die richtige Entscheidung. Sie erhält Kontur, Breite und Höhe des Alveolarknochens und hält spätere Optionen offen.
Replantation und Schienung Schritt für Schritt
- Lokalanästhesie, vorzugsweise ohne Vasokonstriktor.
- Alveole mit steriler Kochsalzlösung spülen und inspizieren. Ein frakturiertes Alveolenwandfragment reponierst du mit einem geeigneten Instrument, das Koagulum kannst du mit einem Kochsalzstrahl entfernen.
- Den Zahn langsam mit leichtem Fingerdruck replantieren, ohne Gewalt.
- Position klinisch und im Röntgenbild kontrollieren.
- Für 2 Wochen passiv und flexibel schienen: Edelstahldraht bis 0,4 mm Durchmesser oder Nylonschnur (0,13–0,25 mm) labial, mit Komposit an den Nachbarzähnen befestigt. Komposit und Bonding von Gingiva und Approximalräumen fernhalten. Bei Kindern mit wenigen bleibenden Zähnen ist die Nylonschiene nicht geeignet.
- Gingivawunden nähen.
Liegt zusätzlich eine Alveolarfortsatz- oder Kieferfraktur vor, ist eine starrere Schiene für etwa 4 Wochen angezeigt. Kurze, unreife Wurzeln können eine längere Schienungszeit brauchen.
Antibiotikum, Tetanus und Anweisungen für zu Hause
Die IADT empfiehlt nach Avulsion und Replantation ein systemisches Antibiotikum, um infektionsbedingte Resorptionen zu verringern. Erste Wahl sind Amoxicillin oder Penicillin, dosiert nach Alter und Gewicht. Tetracyclin und Doxycyclin werden unter 12 Jahren wegen möglicher Verfärbungen der bleibenden Zähne in der Regel nicht gegeben. Den Tetanusschutz klärst du ab und schickst das Kind bei Zweifeln zum Arzt, der über eine Auffrischung entscheidet.
Für Kind und Eltern gilt:
- keine Kontaktsportarten,
- bis zu 2 Wochen weiche Kost,
- nach jeder Mahlzeit mit weicher Zahnbürste putzen,
- 2 Wochen lang zweimal täglich mit Chlorhexidin (0,12 %) spülen.
Wurzelkanalbehandlung je nach Wurzelwachstum
- Wurzelkanalbehandlung innerhalb von 2 Wochen nach Replantation beginnen
- immer unter Kofferdam, Klammer an den unverletzten Nachbarzähnen
- Calciumhydroxid als Einlage für bis zu einen Monat, dann Wurzelkanalfüllung
- alternativ Kortikoid-Präparat sofort oder kurz nach Replantation, mindestens 6 Wochen in situ
- Revaskularisierung möglich, deshalb zunächst keine Wurzelkanalbehandlung
- erst bei klinischen oder röntgenologischen Zeichen von Nekrose und Infektion behandeln
- dann Apexifikation, Revitalisierung oder Wurzelkanalbehandlung
- infektionsbedingte Resorption läuft bei Kindern sehr schnell ab, daher engmaschig kontrollieren
Medikamente vorsichtig in den Kanal einbringen und aus der Krone heraushalten, manche Präparate verfärben den Zahn.
Kontrollen
Bei geschlossenem Apex: nach 2 Wochen (Schienenentfernung), 4 Wochen, 3 und 6 Monaten, nach einem Jahr und dann mindestens fünf Jahre jährlich, jeweils klinisch und röntgenologisch. Bei offenem Apex enger: nach 2 Wochen, nach 1, 2, 3 und 6 Monaten, nach einem Jahr und dann jährlich für mindestens fünf Jahre. Ein hoher, metallischer Klopfschall und ein fehlender Parodontalspalt im Röntgenbild sprechen für eine Ersatzresorption bei Ankylose.
Junge, 9 Jahre, 32 kg, Fahrradsturz um 15:10 Uhr, Zahn 11 ausgeschlagen. Die Mutter hebt den Zahn auf, er liegt etwa 15 Minuten trocken im Taschentuch, bis sie anruft. Nach der Telefonanweisung kommt er in H-Milch. Ankunft in der Praxis um 15:50 Uhr. Gesamte Trockenzeit also rund 15 Minuten, gelagert in Milch: Gruppe 2, PDL-Zellen lebensfähig, aber beeinträchtigt. Im Röntgenbild zeigt 11 einen weit offenen Apex. Du spülst die Alveole mit Kochsalzlösung, replantierst mit leichtem Fingerdruck, kontrollierst im Röntgenbild und schienst mit einem 0,4-mm-Draht von 12 bis 21 für 2 Wochen. Er bekommt Amoxicillin, dosiert nach Gewicht, kein Doxycyclin. Der Impfpass ist nicht zur Hand, die Mutter klärt den Tetanusschutz noch am selben Tag mit der Kinderärztin. Keine Wurzelkanalbehandlung, stattdessen Kontrolle nach 2 Wochen mit Schienenentfernung, dann nach 1, 2, 3 und 6 Monaten.
Am Telefon zählt nur, dass der Zahn sofort zurück in den Mund oder in Milch kommt, alles andere erledigt die Praxis.
Die einzelnen Verletzungsarten und die Folgen für die Pulpa findest du in den Caseside-Lektionen Telefonberatung beim Zahntrauma, Avulsion eines bleibenden Zahns, Avulsion eines Milchzahns, Zahntrauma und endodontische Folgen und Interne und externe Resorption.
In Caseside43 Lektionen NotfälleVom Zahntrauma über die Anaphylaxie bis zur Reanimation, jeweils mit Fall, Selbstcheck und Quellen.›Häufige Fragen
Der Zahn lag zwei Stunden trocken. Lohnt sich die Replantation noch?
Ja, in fast allen Fällen. Die PDL-Zellen sind dann wahrscheinlich abgestorben und der Zahn wird ankylosieren, aber der Alveolarknochen bleibt erhalten und spätere Optionen wie Dekoronation oder Transplantation bleiben offen. Kläre die Eltern darüber auf.
Was ist mit einem ausgeschlagenen Milchzahn?
Nicht replantieren. Wichtig ist die Kontrolle der Entwicklung und des Durchbruchs des bleibenden Nachfolgers.
Zahnrettungsbox oder Milch?
Die deutsche S2k-Leitlinie nennt die Zahnrettungsbox als bevorzugtes Medium, als Alternativen H-Milch, isotone Kochsalzlösung, Speichel und Ringerlösung. Die IADT führt Milch vor HBSS, dem Medium in Rettungsboxen. Am Telefon gilt: Was sofort verfügbar ist, ist besser als ein trockener Zahn.
Muss ich mit Vasokonstriktor-freiem Anästhetikum arbeiten?
Die IADT nennt es als bevorzugt, betont aber auch, dass es kaum Belege für einen Verzicht auf Vasokonstriktoren gibt. Eine Lokalanästhesie empfiehlt sie in der Praxis in jedem Fall.
Quellen
- Fouad AF, Abbott PV, Tsilingaridis G, Cohenca N, Lauridsen E, Bourguignon C et al. International Association of Dental Traumatology guidelines for the management of traumatic dental injuries: 2. Avulsion of permanent teeth. Dent Traumatol 2020;36(4):331–342. doi:10.1111/edt.12573
- Day PF, Flores MT, O’Connell AC, Abbott PV et al. International Association of Dental Traumatology guidelines for the management of traumatic dental injuries: 3. Injuries in the primary dentition. Dent Traumatol 2020;36(4):343–359. doi:10.1111/edt.12576
- Leitlinien der International Association of Dental Traumatology für die Behandlung von traumatischen Zahnverletzungen. Deutsche Übersetzung von Holly M, Klimscha J, Schneider S, Thomanek K. iadt-dentaltrauma.org
- DGMKG, DGZMK. S2k-Leitlinie Therapie des dentalen Traumas bleibender Zähne, AWMF-Registernummer 083-004, Version 2.0, Stand März 2022. register.awmf.org
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Lehrmaterial für die zahnmedizinische Aus- und Weiterbildung, keine Handlungsanweisung für den Einzelfall. Maßgeblich sind die jeweils geltenden Leitlinien und die Fachinformation des verwendeten Präparats.