Radiologie Vertiefung 6 Min

Parodontaler Knochenabbau im Röntgen

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Der Patient sieht auf dem Bild etwas, das ihm bisher niemand erklärt hat. Was das Bild zeigt, ist ein Teil des Befunds — die Diagnose braucht mehr.

1Wie horizontal und vertikal zu unterscheiden sindVerlauf und Ausdehnung.
2Was der Verlauf über die Ursache sagtEin vertikaler Defekt hat einen lokalen Grund.
3Warum das Bild die Diagnose nicht trägtZwei Gründe.
4Wie du es dem Patienten erklärstOhne den Vorbehandler zu bewerten.
6 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen3 Quellen

„Da sieht man doch was auf dem Bild?“

Erstvorstellung55 Jahre. Auf den Bissflügelaufnahmen liegt der Knochenrand an mehreren Unterkieferzähnen deutlich tiefer als erwartet. Der Patient war nie in parodontaler Behandlung. „Mein bisheriger Zahnarzt sagt, ich habe gesunde Zähne. Aber da sieht man doch was auf dem Bild?“

Er hat recht mit seiner Beobachtung. Was das Bild zeigt, ist allerdings nur ein Teil dessen, was für eine Diagnose gebraucht wird.

Der springende PunktDas Röntgen zeigt den Knochen zwischen den Zähnen. Die parodontale Diagnose braucht zusätzlich, was das Bild nicht zeigt — und das ist der größere Teil.

Horizontal und vertikal

Horizontal Vertikal
Verlauf Parallel zur Schmelz-Zement-Grenze, aber tiefer Einseitig trichterförmig abfallend
Ausdehnung Generalisiert oder über mehrere Zähne Lokalisiert, oft an einem Zahn
Bedeutung Gleichmäßiger Abbau über die Zeit Deutet auf einen lokalen Faktor

Er entsteht dort, wo eine zusätzliche Ursache wirkt. In Betracht kommen:

  • Ein lokaler Reizfaktor — Füllungsüberhang, unzureichender Kronenrand, Approximalkontakt
  • Eine kombinierte Läsion — endodontisch und parodontal, bei einem avitalen Zahn
  • Eine Furkationsbeteiligung — bei mehrwurzeligen Zähnen
  • Eine Wurzelfraktur — sie zeigt sich manchmal als schmaler, tiefer Defekt entlang der Wurzel

Praktisch heißt das: Ein vertikaler Defekt ist eine Aufforderung, nach der Ursache zu suchen. Ein horizontaler Abbau ist ein Befund über die Zeit — ein vertikaler ist ein Hinweis auf etwas Bestimmtes.

Warum das Bild die Diagnose nicht trägt

Grund Was fehlt
Nur interproximal abgebildet Vestibuläre und orale Flächen fehlen
Keine Aussage zur Aktivität Blutung auf Sondierung fehlt
Unterschätzung des Ausmaßes Der tatsächliche Befund ist meist ausgeprägter
Keine Sondierungstiefen Die Grundlage von Stadium und Grad

Für die Einordnung in Stadium und Grad wird der radiologische Knochenverlust ins Verhältnis zur Wurzellänge gesetzt und mit dem klinischen Attachmentverlust und weiteren Kriterien zusammengeführt. Die Systematik der Klassifikation steht in der Parodontologie.

⚠️ Wie du es dem Patienten erklärst

Über den Befund, nicht über den Vorbehandler. Dass auf dem Bild ein Knochenabbau erkennbar ist, dass das eine vollständige Untersuchung erfordert und dass danach feststeht, was zu tun ist — das ist die Auskunft.

Was nicht hilft, ist eine Bewertung der bisherigen Behandlung. Du kennst weder den damaligen Befund noch die Umstände, und eine Andeutung erzeugt Misstrauen ohne Nutzen. Der Patient ist jetzt hier — das ist der Ansatzpunkt.

Drei Fragen

Bei einem Patienten zeigt sich auf der Bissflügelaufnahme ein deutlicher Knochenabbau. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Es fehlen die vestibulären und oralen Flächen, die Sondierungstiefen und die Aktivität.Offene FrageWas zeigt das Bild dann? Den interproximalen Knochen und den Verlauf über die Zeit. Das ist ein wertvoller Teil des Befunds — aber ein Teil.

Was kommt bei einem vertikalen Defekt in Betracht?

Drei. Ein vertikaler Defekt ist lokalisiert — er entsteht dort, wo eine zusätzliche Ursache wirkt.Offene FrageWas ist der Unterschied zum horizontalen Abbau? Der horizontale ist ein Befund über die Zeit, der vertikale ein Hinweis auf etwas Bestimmtes. Er ist eine Aufforderung, nach der Ursache zu suchen.

Wie erklärst du dem Patienten den Befund?

Die erste. Du kennst weder den damaligen Befund noch die Umstände — eine Andeutung erzeugt Misstrauen ohne Nutzen.Offene FrageWarum den Befund trotzdem ansprechen? Weil der Patient ihn selbst gesehen hat und danach gefragt hat. Ihn nicht zu erklären wäre die schlechtere Antwort.

Das, was hängenbleiben soll

Das Bild zeigt interproximal — die Diagnose braucht die Sonde.

Quellen

  • Caton JG, Armitage G, Berglundh T et al. A new classification scheme for periodontal and peri-implant diseases and conditions. Journal of Clinical Periodontology 2018; 45 (Suppl 20): S1–S8 — Stadien- und Gradeinteilung einschließlich des radiologischen Knochenverlusts.Deckt ab: Stadien- und Gradeinteilung der Parodontitis einschließlich des radiologischen Knochenverlusts
  • Sanz M, Herrera D, Kebschull M et al. Treatment of stage I–III periodontitis — The EFP S3-level clinical practice guideline. Journal of Clinical Periodontology 2020; 47 (Suppl 22): 4–60.Deckt ab: diagnostisches Vorgehen und die Bedeutung des klinischen Befunds für die Diagnose
  • Duncan HF, Kirkevang LL, Peters OA et al. Treatment of pulpal and apical disease: the European Society of Endodontology (ESE) S3-level clinical practice guideline. International Endodontic Journal 2023.Deckt ab: Abgrenzung endodontisch bedingter Läsionen vom parodontalen Knochenabbau

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