Radiologie Vertiefung 6 Min

Kiefergelenk im OPG — Kondylus und Asymmetrie

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Ein Patient fragt, ob man sein Knacken auf dem Bild sieht. Die ehrliche Antwort ist nein — und die Begründung ist zugleich die wichtigste Information dieser Lektion.

1Was die Panoramaaufnahme zeigtKnochen, sonst nichts.
2Warum das Knacken nicht sichtbar istDie Ursache ist kein Knochen.
3Welche knöchernen Veränderungen erkennbar sindVier.
4Wann weiterführende Bildgebung sinnvoll istJe nach Fragestellung ein anderes Verfahren.
6 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen3 Quellen

„Sieht man das auf dem Bild?“

Sprechstunde52 Jahre, Knacken und zeitweise Schmerzen im rechten Kiefergelenk. Auf der Panoramaaufnahme erscheint der rechte Kondylus abgeflacht, links regelrecht. „Ich höre da immer ein Knacken und manchmal tut es weh. Sieht man das auf dem Bild?“

Die knöcherne Veränderung sieht man — das Knacken nicht. Und die häufigste Ursache für sein Knacken ist auf dieser Aufnahme grundsätzlich nicht darstellbar.

Der springende PunktDie Panoramaaufnahme zeigt Knochen. Das Knacken entsteht am Diskus — einer Struktur, die im Röntgenbild nicht erscheint.

Was erkennbar ist und was nicht

Erkennbar Nicht erkennbar
Form und Kontur des Kondylus Der Diskus und seine Lage
Seitenunterschiede in der Größe Der Gelenkspalt in seiner tatsächlichen Weite
Grobe Veränderungen der Kortikalis Entzündliche Weichgewebsveränderungen
Frakturen bei entsprechender Ausdehnung Feine knöcherne Veränderungen

Die Darstellung ist zudem eingeschränkt. Der Kondylus liegt am Rand des dargestellten Bereichs, wird von Nachbarstrukturen überlagert und projektionsbedingt verzerrt. Ein unauffälliges Bild schließt eine Veränderung deshalb nicht aus.

  • Abflachung — die runde Kontur ist verstrichen
  • Randanbauten — knöcherne Ausziehungen an der Gelenkfläche
  • Verdichtung der Knochenstruktur unter der Gelenkfläche
  • Unterbrechungen der Kortikalis — Substanzverlust an der Oberfläche

Diese Veränderungen sprechen für einen degenerativen Prozess. Sie sagen allerdings wenig über die Beschwerden: Es gibt Patienten mit ausgeprägten knöchernen Veränderungen ohne Symptome und Patienten mit erheblichen Beschwerden bei unauffälligem Knochen.

Deshalb gilt: Der Befund wird beschrieben, aber er ersetzt die klinische Funktionsdiagnostik nicht — und diese ist bei kraniomandibulären Beschwerden die eigentliche Grundlage.

Wann weiterführende Bildgebung sinnvoll ist

Fragestellung Geeignetes Verfahren
Diskuslage und Weichgewebe Magnetresonanztomographie
Knöcherne Strukturen im Detail Dreidimensionale Röntgenbildgebung
Verlauf einer bekannten Veränderung Vergleich mit der Voraufnahme
Keine therapeutische Konsequenz absehbar Keine weitere Bildgebung

Die letzte Zeile ist die häufigste. Bei kraniomandibulären Beschwerden steht am Anfang die klinische Funktionsdiagnostik, und die Behandlung beginnt in der Regel unabhängig von einer Bildgebung. Eine Aufnahme, die das Vorgehen nicht ändert, ist nicht gerechtfertigt — auch wenn der Patient sie erwartet.

⚠️ Zur Asymmetrie

Ein deutlicher Größenunterschied der Kondylen ist ein eigener Befund. Er kann auf eine Wachstumsstörung, eine überschießende Entwicklung einer Seite oder eine Veränderung nach einem Trauma hinweisen — und er gehört fachlich beurteilt.

Vorsicht ist allerdings geboten: Die Panoramaaufnahme verzerrt seitenabhängig, und eine leicht asymmetrische Kopfpositionierung erzeugt scheinbare Größenunterschiede. Bevor eine Asymmetrie als Befund gewertet wird, gehört die Bildqualität geprüft.

Drei Fragen

Ein Patient mit Kiefergelenkbeschwerden fragt, ob man sein Knacken auf dem Bild sieht. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Der Kondylus liegt am Rand des dargestellten Bereichs, wird überlagert und verzerrt — ein unauffälliges Bild sagt entsprechend wenig.Offene FrageWas verursacht das Knacken meist? Eine Verlagerung des Diskus — und der erscheint im Röntgenbild grundsätzlich nicht. Dafür wäre eine Magnetresonanztomographie erforderlich.

Welche knöchernen Veränderungen sind erkennbar?

Drei. Weichgewebe erscheint im Röntgenbild nicht — dafür ist ein anderes Verfahren erforderlich.Offene FrageWas sagen die knöchernen Veränderungen über die Beschwerden? Wenig. Es gibt ausgeprägte Veränderungen ohne Symptome und erhebliche Beschwerden bei unauffälligem Knochen.

Wann ist keine weiterführende Bildgebung angezeigt?

Die erste. Bei kraniomandibulären Beschwerden beginnt die Behandlung in der Regel unabhängig von einer Bildgebung.Offene FrageWas ist bei einer Asymmetrie zu bedenken? Dass die Panoramaaufnahme seitenabhängig verzerrt. Eine leicht asymmetrische Kopfpositionierung erzeugt scheinbare Größenunterschiede — die Bildqualität gehört zuerst geprüft.

Das, was hängenbleiben soll

Das Bild zeigt Knochen, das Knacken kommt vom Diskus — und der ist nicht darstellbar.

Quellen

  • Schiffman E, Ohrbach R, Truelove E et al.: Diagnostic Criteria for Temporomandibular Disorders (DC/TMD) for Clinical and Research Applications. Journal of Oral & Facial Pain and Headache 2014; 28(1): 6–27 — strukturierte Diagnostik, Aussagekraft der Panoramaschichtaufnahme und Indikation zur weiterführenden Bildgebung. DOIDeckt ab: bildgebende Diagnostik bei kraniomandibulären Dysfunktionen, Aussagekraft der Panoramaschichtaufnahme und Indikation zur weiterführenden Bildgebung
  • S3-Leitlinie „Indikationen zur implantologischen 3D-Röntgendiagnostik und navigationsgestützten Implantologie“, AWMF-Registernummer 083-011 sowie die S2k-Leitlinie „Dentale digitale Volumentomographie“, AWMF-Register-Nr. 083-005.Deckt ab: Abgrenzung der dreidimensionalen von der zweidimensionalen Darstellung
  • Bürgerliches Gesetzbuch §§ 630c bis 630f — Informations-, Aufklärungs- und Dokumentationspflichten.Deckt ab: Dokumentation des Befunds und der veranlassten Weiterleitung

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