Karies im Röntgen erkennen und einordnen
Schritt 1 ·
Was du danach erklären kannst
Eine Aufhellung im Bild und ein unauffälliger klinischer Befund — die Kombination ist häufig und hat eine Erklärung, die die Behandlungsentscheidung mitbestimmt.
„Klinisch war alles unauffällig“
Das ist der Regelfall und kein Widerspruch. Approximale Läsionen sind klinisch lange nicht zugänglich — genau deshalb wird dort geröntgt.
Was die Aufnahme zeigt und was nicht
| Zeigt | Zeigt nicht |
|---|---|
| Mineralverlust ab einem gewissen Ausmaß | Frühe Entkalkung unterhalb der Nachweisgrenze |
| Die ungefähre Ausdehnung | Die tatsächliche Tiefe — sie wird unterschätzt |
| Approximalflächen, die klinisch nicht zugänglich sind | Ob die Läsion aktiv ist oder stillsteht |
| Den Verlauf im Vergleich zur Voraufnahme | Die Oberflächenbeschaffenheit |
Praktisch heißt das: Wer eine Läsion öffnet, findet in aller Regel mehr, als das Bild vermuten ließ. Das ist kein Fehler der Aufnahme, sondern eine Eigenschaft der Methode — und sie gehört in die Aufklärung des Patienten, bevor geöffnet wird.
Umgekehrt gilt: Eine im Bild eben erkennbare Läsion ist nicht die früheste, die es gibt. Die frühesten Stadien sind radiologisch nicht darstellbar.
Wie die Tiefe beschrieben wird
Es gibt verschiedene Klassifikationssysteme, und sie zählen unterschiedlich. Manche unterscheiden Schmelz- und Dentinstadien mit eigenen Buchstaben, andere durchnummerieren fortlaufend. Ein Kürzel allein ist deshalb im Befund nicht eindeutig.
| Stadium | Beschreibung |
|---|---|
| Schmelz, äußere Hälfte | Nichtinvasive Maßnahmen möglich |
| Schmelz, innere Hälfte bis Schmelz-Dentin-Grenze | Abhängig von Aktivität und Verlauf |
| Dentin, äußerer Anteil | Invasive Versorgung in der Regel angezeigt |
| Dentin, pulpanah | Versorgung mit Berücksichtigung der Pulpa |
Was daraus für den Befund folgt: Die Tiefe wird beschrieben, nicht nur codiert. „Aufhellung approximal-distal 25, bis zur Schmelz-Dentin-Grenze reichend“ ist eindeutig; ein Kürzel ohne Angabe des verwendeten Systems ist es nicht — und beim Verlaufsvergleich in einigen Jahren, möglicherweise durch eine andere Person, wird das zum Problem.
Die zervikale Aufhellung am Übergang von Schmelz zu Wurzel: Sie entsteht, weil dort weniger Hartsubstanz liegt als darüber und darunter — ein Projektionsphänomen, kein Befund. Sie verläuft als gleichmäßiges Band und lässt sich klinisch nicht sondieren.
Die Aufhellung neben metallischen Restaurationen: Sie folgt der Metallkontur gleichmäßig und ist ein Streuphänomen. Die Abgrenzung steht in der nächsten Lektion.
Drei Fragen
Auf der Bissflügelaufnahme zeigen sich approximale Aufhellungen bei unauffälligem klinischem Befund. Welche Aussage trifft nicht zu?
Was zeigt die Bissflügelaufnahme nicht?
Warum wird die Tiefe im Befund beschrieben und nicht nur codiert?
Das, was hängenbleiben soll
Quellen
- Schwendicke F, Tzschoppe M, Paris S: Radiographic caries detection: a systematic review and meta-analysis. Journal of Dentistry 2015; 43(8): 924–933 — Aussagekraft der Bissflügelaufnahme, Tiefenklassifikation approximaler Läsionen und die Grenzen der Methode. DOIDeckt ab: Aussagekraft der Bissflügelaufnahme, systematische Unterschätzung der Läsionstiefe und die uneinheitliche Tiefenklassifikation
- Pitts NB, Ekstrand KR: International Caries Detection and Assessment System (ICDAS) and its International Caries Classification and Management System (ICCMS). Community Dentistry and Oral Epidemiology 2013; 41(1): e41–e52 — Zusammenführung von Läsionstiefe, Aktivitätsbeurteilung und Behandlungsentscheidung. DOIDeckt ab: Zusammenführung von Läsionstiefe und Aktivitätsbeurteilung für die Behandlungsentscheidung
- S3-Leitlinie „Kariesprävention bei bleibenden Zähnen – grundlegende Empfehlungen“, AWMF-Registernummer 083-021, Version 2.0, 2025, sowie Schwendicke F, Kosan E, Banerjee A et al.: Deep caries management: EFCD-ESE-ORCA S3-level clinical practice guideline. International Endodontic Journal 2026; 59(7): 1298–1315 — nichtinvasive, mikroinvasive und invasive Optionen in Abhängigkeit von Tiefe und Aktivität. DOIDeckt ab: nichtinvasive, mikroinvasive und invasive Behandlungsoptionen je nach Tiefe und Aktivität
- Dioguardi M, Guerra C, Sovereto D et al.: Radiographic artifacts in the diagnosis of dental caries: systematic review with meta-analysis. Oral Radiology 2026 — zervikale Aufhellung, Mach-Band-Effekt und dreieckige Aufhellungen als Ursache falsch positiver Befunde. DOIDeckt ab: zervikale Aufhellung und weitere Projektionsphänomene, die eine Läsion vortäuschen können
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