Radiologie Vertiefung 7 Min

Karies im Röntgen erkennen und einordnen

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Eine Aufhellung im Bild und ein unauffälliger klinischer Befund — die Kombination ist häufig und hat eine Erklärung, die die Behandlungsentscheidung mitbestimmt.

1Was die Aufnahme zeigt und was nichtSie zeigt Mineralverlust, keine Karies.
2Warum die Tiefe systematisch unterschätzt wirdEin Befund ist meist größer als er aussieht.
3Wie die Tiefe beschrieben wirdDie Systeme sind uneinheitlich.
4Warum das Bild allein nicht entscheidetDie Aktivität fehlt.
7 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen4 Quellen

„Klinisch war alles unauffällig“

Recall32 Jahre. Auf der Bissflügelaufnahme zeigen sich approximale Aufhellungen. Klinisch ist nichts sondierbar, keine Beschwerden. „Ich sehe da etwas auf dem Bild — aber klinisch war alles unauffällig.“

Das ist der Regelfall und kein Widerspruch. Approximale Läsionen sind klinisch lange nicht zugänglich — genau deshalb wird dort geröntgt.

Der springende PunktDas Bild zeigt Mineralverlust, nicht Karies. Ob die Läsion aktiv ist, sagt es nicht — und davon hängt die Behandlung ab.

Was die Aufnahme zeigt und was nicht

Zeigt Zeigt nicht
Mineralverlust ab einem gewissen Ausmaß Frühe Entkalkung unterhalb der Nachweisgrenze
Die ungefähre Ausdehnung Die tatsächliche Tiefe — sie wird unterschätzt
Approximalflächen, die klinisch nicht zugänglich sind Ob die Läsion aktiv ist oder stillsteht
Den Verlauf im Vergleich zur Voraufnahme Die Oberflächenbeschaffenheit

Eine Läsion wird radiologisch erst sichtbar, wenn ein erheblicher Teil des Minerals verlorengegangen ist. Was im Bild als schmale Aufhellung erscheint, ist im Zahn bereits weiter fortgeschritten.

Praktisch heißt das: Wer eine Läsion öffnet, findet in aller Regel mehr, als das Bild vermuten ließ. Das ist kein Fehler der Aufnahme, sondern eine Eigenschaft der Methode — und sie gehört in die Aufklärung des Patienten, bevor geöffnet wird.

Umgekehrt gilt: Eine im Bild eben erkennbare Läsion ist nicht die früheste, die es gibt. Die frühesten Stadien sind radiologisch nicht darstellbar.

Wie die Tiefe beschrieben wird

Es gibt verschiedene Klassifikationssysteme, und sie zählen unterschiedlich. Manche unterscheiden Schmelz- und Dentinstadien mit eigenen Buchstaben, andere durchnummerieren fortlaufend. Ein Kürzel allein ist deshalb im Befund nicht eindeutig.

Stadium Beschreibung
Schmelz, äußere Hälfte Nichtinvasive Maßnahmen möglich
Schmelz, innere Hälfte bis Schmelz-Dentin-Grenze Abhängig von Aktivität und Verlauf
Dentin, äußerer Anteil Invasive Versorgung in der Regel angezeigt
Dentin, pulpanah Versorgung mit Berücksichtigung der Pulpa

Was daraus für den Befund folgt: Die Tiefe wird beschrieben, nicht nur codiert. „Aufhellung approximal-distal 25, bis zur Schmelz-Dentin-Grenze reichend“ ist eindeutig; ein Kürzel ohne Angabe des verwendeten Systems ist es nicht — und beim Verlaufsvergleich in einigen Jahren, möglicherweise durch eine andere Person, wird das zum Problem.

⚠️ Zwei Aufhellungen, die keine Karies sind

Die zervikale Aufhellung am Übergang von Schmelz zu Wurzel: Sie entsteht, weil dort weniger Hartsubstanz liegt als darüber und darunter — ein Projektionsphänomen, kein Befund. Sie verläuft als gleichmäßiges Band und lässt sich klinisch nicht sondieren.

Die Aufhellung neben metallischen Restaurationen: Sie folgt der Metallkontur gleichmäßig und ist ein Streuphänomen. Die Abgrenzung steht in der nächsten Lektion.

Drei Fragen

Auf der Bissflügelaufnahme zeigen sich approximale Aufhellungen bei unauffälligem klinischem Befund. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Es ist umgekehrt: Wer eine Läsion öffnet, findet in aller Regel mehr, als das Bild vermuten ließ.Offene FrageWarum ist das so? Weil eine Läsion radiologisch erst sichtbar wird, wenn ein erheblicher Teil des Minerals verlorengegangen ist. Das gehört in die Aufklärung, bevor geöffnet wird.

Was zeigt die Bissflügelaufnahme nicht?

Drei. Die Aktivität ist der entscheidende Punkt — und sie lässt sich am Bild nicht ablesen.Offene FrageWas ergänzt das Bild? Die klinische Beurteilung: Oberflächenbeschaffenheit, Verfärbung, Plaquesituation — und der Verlaufsvergleich, der zeigt, ob sich etwas verändert hat.

Warum wird die Tiefe im Befund beschrieben und nicht nur codiert?

Die erste. Ein Kürzel ohne Angabe des Systems ist nicht eindeutig — beim Verlaufsvergleich in einigen Jahren wird das zum Problem.Offene FrageWas ist eindeutig? „Aufhellung approximal-distal 25, bis zur Schmelz-Dentin-Grenze reichend“. Das versteht auch, wer ein anderes System gelernt hat.

Das, was hängenbleiben soll

Das Bild zeigt Mineral, nicht Aktivität — und beim Öffnen ist es meist mehr.

Quellen

  • Schwendicke F, Tzschoppe M, Paris S: Radiographic caries detection: a systematic review and meta-analysis. Journal of Dentistry 2015; 43(8): 924–933 — Aussagekraft der Bissflügelaufnahme, Tiefenklassifikation approximaler Läsionen und die Grenzen der Methode. DOIDeckt ab: Aussagekraft der Bissflügelaufnahme, systematische Unterschätzung der Läsionstiefe und die uneinheitliche Tiefenklassifikation
  • Pitts NB, Ekstrand KR: International Caries Detection and Assessment System (ICDAS) and its International Caries Classification and Management System (ICCMS). Community Dentistry and Oral Epidemiology 2013; 41(1): e41–e52 — Zusammenführung von Läsionstiefe, Aktivitätsbeurteilung und Behandlungsentscheidung. DOIDeckt ab: Zusammenführung von Läsionstiefe und Aktivitätsbeurteilung für die Behandlungsentscheidung
  • S3-Leitlinie „Kariesprävention bei bleibenden Zähnen – grundlegende Empfehlungen“, AWMF-Registernummer 083-021, Version 2.0, 2025, sowie Schwendicke F, Kosan E, Banerjee A et al.: Deep caries management: EFCD-ESE-ORCA S3-level clinical practice guideline. International Endodontic Journal 2026; 59(7): 1298–1315 — nichtinvasive, mikroinvasive und invasive Optionen in Abhängigkeit von Tiefe und Aktivität. DOIDeckt ab: nichtinvasive, mikroinvasive und invasive Behandlungsoptionen je nach Tiefe und Aktivität
  • Dioguardi M, Guerra C, Sovereto D et al.: Radiographic artifacts in the diagnosis of dental caries: systematic review with meta-analysis. Oral Radiology 2026 — zervikale Aufhellung, Mach-Band-Effekt und dreieckige Aufhellungen als Ursache falsch positiver Befunde. DOIDeckt ab: zervikale Aufhellung und weitere Projektionsphänomene, die eine Läsion vortäuschen können

Melde dich an, damit dein Fortschritt gespeichert wird.