Parodontologie Vertiefung 7 Min

Gingivale Rezession und Wurzeldeckung

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Patienten kommen wegen der Ästhetik oder der Empfindlichkeit. Ob sich die Wurzel decken lässt, entscheidet ein Befund, den man nicht an der Rezession selbst erhebt — sondern daneben.

1Warum der interdentale Bereich entscheidetEr bestimmt, wie viel Deckung erreichbar ist.
2Wie die Einteilung funktioniertDrei Typen, und sie sagen die Prognose voraus.
3Was der Phänotyp beiträgtEr entscheidet über die Machbarkeit mit.
4Was vor jedem Eingriff stehtDie Ursache — sonst wiederholt sich alles.
7 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen4 Quellen

„Die Zähne werden immer länger“

Sprechstunde44 Jahre. Rezessionen von 3 bis 4 Millimetern an mehreren Eckzähnen und Prämolaren, empfindliche Zahnhälse, ästhetische Beeinträchtigung. Die Patientin putzt kräftig mit einer harten Bürste. „Die Zähne werden immer länger. Kann man das Zahnfleisch wieder hochziehen?“

In vielen Fällen ja — und wie weit, verrät ein Blick auf den Bereich zwischen den Zähnen.

Der springende PunktDie erreichbare Deckung hängt nicht von der Tiefe der Rezession ab, sondern vom Attachmentniveau interdental. Dort liegt die Grenze, bis zu der Gewebe wachsen kann.

Die Einteilung nach dem interdentalen Attachment

Die heute gebräuchliche Klassifikation ordnet Rezessionen nach dem Verhältnis von interdentalem zu bukkalem Attachmentverlust — und sagt damit die erreichbare Deckung voraus.

Typ Befund Erwartbare Deckung
RT1 kein interdentaler Attachmentverlust vollständige Deckung erreichbar
RT2 interdentaler Verlust kleiner oder gleich dem bukkalen teilweise bis vollständige Deckung möglich
RT3 interdentaler Verlust größer als der bukkale vollständige Deckung nicht zu erwarten

Der Gedanke dahinter ist einfach: Das Weichgewebe orientiert sich am darunterliegenden Knochen- und Attachmentniveau. Ist interdental Attachment verloren, fehlt die Stütze, an der sich die Papille ausrichten könnte — und damit die Höhe, bis zu der gedeckt werden kann.

Die Dicke des Weichgewebes beeinflusst, wie gut ein Deckungsverfahren funktioniert. Ein dünner Phänotyp erschwert die Durchblutung des verlagerten Gewebes und macht ein Transplantat wahrscheinlicher. Der Phänotyp gehört deshalb zur Beurteilung dazu — er entscheidet weniger über das Ob als über das Wie.

Sie ist der Bezugspunkt für die Messung und für die Planung, wo der Gingivarand am Ende stehen soll. Bei keilförmigen Defekten oder Restaurationen im Zahnhalsbereich ist sie häufig nicht mehr auffindbar — das erschwert sowohl die Einteilung als auch die Planung und gehört im Befund vermerkt.

Was vor jedem Eingriff steht

Eine Rezession hat immer eine Ursache, und wenn sie fortbesteht, wiederholt sich der Befund — auch nach einer erfolgreichen Deckung.

Ursache Was zu tun ist
Traumatische Putztechnik Technik korrigieren, weichere Bürste, Druck reduzieren
Entzündung Parodontitistherapie — sie geht jeder plastischen Maßnahme voraus
Dünner Phänotyp mit dünner Knochenlamelle prädisponierend, nicht behebbar — bei der Planung berücksichtigen
Kieferorthopädische Bewegung nach bukkal in Abstimmung bewerten
Piercing oder Habit gezielt erfragen, oft nicht von selbst genannt
⚠️ Wann überhaupt behandelt wird

Nicht jede Rezession braucht einen Eingriff. Behandelt wird bei ästhetischer Beeinträchtigung, bei Überempfindlichkeit, die anders nicht beherrschbar ist, bei Progression trotz Ursachenbeseitigung oder wenn die Reinigung durch die Kontur behindert wird. Eine stabile, beschwerdefreie Rezession ist ein Beobachtungsbefund.

Drei Fragen

Bei einer Patientin bestehen Rezessionen von 3 bis 4 Millimetern, interdental ist kein Attachmentverlust nachweisbar. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Maßgeblich ist der interdentale Attachmentverlust, nicht die Tiefe der Rezession selbst. Eine tiefe RT1-Rezession hat eine bessere Deckungsprognose als eine flache RT3.Offene FrageWarum ist das so? Weil sich das Weichgewebe am interdentalen Attachmentniveau ausrichtet. Fehlt dort die Stütze, lässt sich der Gingivarand nicht darüber hinaus stabil positionieren.

Welche Aussagen zur Rezession treffen zu?

Drei. Eine stabile, beschwerdefreie Rezession ist ein Beobachtungsbefund. Und die Schmelz-Zement-Grenze fehlt bei Zahnhalsdefekten oder Restaurationen häufig — das erschwert Einteilung und Planung.Offene FrageWas macht man ohne auffindbare Grenze? Ersatzbezugspunkte verwenden und das dokumentieren. Für die Planung der Zielposition bleibt es eine Schätzung — und das gehört in die Aufklärung über das erreichbare Ergebnis.

Was steht vor jedem Deckungsversuch?

Die erste. Besteht die Ursache fort, wiederholt sich der Befund — auch nach einer technisch gelungenen Deckung. Das ist der häufigste Grund für Enttäuschung nach einem an sich erfolgreichen Eingriff.Offene FrageWie lange beobachtet man nach der Ursachenbeseitigung? Lange genug, um zu sehen, ob die Rezession stabil bleibt. Eine feste Frist gibt es nicht — was zählt, ist, dass keine Progression mehr erkennbar ist.

Das, was hängenbleiben soll

Nicht die Tiefe entscheidet, sondern was interdental noch da ist.

Quellen

  • Cairo F, Nieri M, Cincinelli S, Mervelt J, Pagliaro U. The interproximal clinical attachment level to classify gingival recessions and predict root coverage outcomes: an explorative and reliability study. Journal of Clinical Periodontology 2011; 38: 661–666.Deckt ab: Klassifikation gingivaler Rezessionen nach dem interdentalen Attachmentlevel und ihre Vorhersagekraft für die erreichbare Wurzeldeckung
  • Cortellini P, Bissada NF. Mucogingival conditions in the natural dentition: Narrative review, case definitions, and diagnostic considerations. Journal of Clinical Periodontology 2018; 45 (Suppl 20): S190–S198.Deckt ab: mukogingivale Befunde, Falldefinitionen, gingivaler Phänotyp und diagnostische Erwägungen
  • Jepsen S, Caton JG, Albandar JM et al. Periodontal manifestations of systemic diseases and developmental and acquired conditions: Consensus report of workgroup 3 of the 2017 World Workshop. Journal of Clinical Periodontology 2018; 45 (Suppl 20): S219–S229.Deckt ab: Einordnung der Rezession in die Klassifikation und prädisponierende Faktoren
  • Sanz M, Herrera D, Kebschull M et al. Treatment of stage I–III periodontitis — The EFP S3-level clinical practice guideline. Journal of Clinical Periodontology 2020; 47 (Suppl 22): 4–60.Deckt ab: Entzündungskontrolle vor jeder plastisch-parodontalen Maßnahme

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