Parodontologie Vertiefung 6 Min

Parodontitis unter onkologischer Therapie

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Drei Wochen bis zum Therapiebeginn — was lässt sich in dieser Zeit erreichen, und was gehört bewusst verschoben? Die Antwort hängt an einem Zeitfenster und an einer Absprache.

1Warum vor Therapiebeginn saniert wirdEin Infektionsherd wird unter Immunsuppression zum Problem.
2Was in drei Wochen realistisch istUnd warum die Heilung Zeit braucht.
3Was während der Therapie giltDie Entscheidung liegt nicht bei dir allein.
4Was danach wichtig wirdAuch nach der Therapie ändert sich die Betreuung.
6 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen4 Quellen

„Wie viel schaffen Sie in drei Wochen?“

Überweisung durch die Onkologie52 Jahre, Mammakarzinom, Beginn der Chemotherapie in drei Wochen. Parodontitis Stadium II mit mehreren Taschen von 5 bis 6 Millimetern. „Mein Onkologe hat gesagt, ich soll vorher noch zum Zahnarzt. Wie viel können Sie in drei Wochen noch machen?“

Einiges — wenn die Planung rückwärts vom Therapiebeginn erfolgt und nicht vorwärts vom heutigen Tag.

Der springende PunktNicht der Behandlungsumfang begrenzt die Planung, sondern die Zeit, die Wunden zum Heilen brauchen. Invasive Maßnahmen müssen abgeschlossen und verheilt sein, bevor die Immunsuppression einsetzt.

Warum vorher saniert wird

Unter onkologischer Therapie sinkt die Abwehrfähigkeit. Ein parodontaler Infektionsherd, der vorher beherrschbar war, kann dann zur Ausgangsstelle einer schweren, im ungünstigen Fall lebensbedrohlichen Infektion werden. Dazu kommt die orale Mukositis als häufige Begleiterscheinung — eine geschädigte Schleimhaut neben einem entzündeten Parodont ist eine ungünstige Kombination.

Deshalb wird rückwärts geplant: Der letzte invasive Eingriff liegt so weit vor Therapiebeginn, dass die Heilung abgeschlossen ist. Was danach noch offen ist, wird verschoben.

Die Instrumentierung lässt sich in dieser Zeit durchführen, ebenso die Beseitigung akuter Infektionsherde und die Entfernung nicht erhaltungsfähiger Zähne. Was nicht hineinpasst: elektive chirurgische Eingriffe und aufwendige Rekonstruktionen. Die Priorität liegt eindeutig auf der Infektionsfreiheit, nicht auf dem vollständigen Behandlungsergebnis.

Elektive Eingriffe werden verschoben. Bei Notfällen entscheidet nicht die zahnärztliche Praxis allein: Ob und wann behandelt werden kann, hängt vom aktuellen Blutbild und vom Therapiezyklus ab — und diese Beurteilung gehört in die Hände der behandelnden onkologischen Praxis. Konkrete Grenzwerte für Leukozyten und Thrombozyten werden dabei individuell festgelegt, nicht aus einer allgemeinen Tabelle abgelesen.

Was nach der Therapie wichtig wird

Punkt Warum
Engmaschige Nachsorge Die orale Situation bleibt oft längere Zeit verändert
Mundtrockenheit Nach Bestrahlung im Kopf-Hals-Bereich häufig dauerhaft, mit erhöhtem Kariesrisiko
Antiresorptive Begleittherapie In der Onkologie häufig — dann gilt zusätzlich das erhöhte Nekroserisiko
Bestrahlungsfeld Bei Bestrahlung im Kieferbereich verändert sich die Abwägung für invasive Eingriffe dauerhaft
⚠️ Der Punkt, der übersehen wird

Viele onkologische Patienten erhalten zusätzlich antiresorptive Substanzen — etwa bei Knochenmetastasen. Damit gilt für sie das erhöhte Risiko einer Kiefernekrose, und zwar in der Hochrisikogruppe. Diese Frage gehört gestellt, auch wenn es zunächst um die Chemotherapie geht.

Drei Fragen

Eine Patientin beginnt in drei Wochen eine Chemotherapie und hat eine Parodontitis Stadium II. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Ein elektiver Eingriff, dessen Heilung in die Immunsuppression fällt, schafft genau das Problem, das vermieden werden soll.Offene FrageWas passiert mit dem, was nicht mehr hineinpasst? Es wird nach Abschluss der onkologischen Therapie nachgeholt — und in der Zwischenzeit engmaschig kontrolliert. Der Behandlungsplan wird verschoben, nicht aufgegeben.

Welche Aussagen zur Behandlung unter onkologischer Therapie treffen zu?

Drei. Die Grenzwerte werden individuell festgelegt, und die orale Situation bleibt nach der Therapie oft längere Zeit verändert — besonders nach Bestrahlung im Kopf-Hals-Bereich.Offene FrageWarum keine allgemeinen Grenzwerte? Weil sie vom Therapieprotokoll, vom Zyklus und vom Verlauf abhängen. Eine Zahl aus einer Tabelle ersetzt die Rücksprache nicht — sie erzeugt nur den Eindruck von Sicherheit.

Welche Frage gehört gestellt, auch wenn es zunächst um die Chemotherapie geht?

Die erste. In der Onkologie werden antiresorptive Substanzen häufig zusätzlich gegeben — und damit gehört die Patientin in die Hochrisikogruppe für eine Kiefernekrose.Offene FrageWas ändert sich dadurch? Die Abwägung vor jedem invasiven Eingriff, und zwar dauerhaft. Diese Information ist wichtiger als vieles andere in der Anamnese — und sie steht selten von selbst im Überweisungsschreiben.

Das, was hängenbleiben soll

Rückwärts planen vom Therapiebeginn — und nach der antiresorptiven Begleittherapie fragen.

Quellen

  • Elad S, Cheng KKF, Lalla RV et al.: MASCC/ISOO clinical practice guidelines for the management of mucositis secondary to cancer therapy. Cancer 2020; 126(19): 4423–4431 — Empfehlungen zur oralen Versorgung von Patienten unter onkologischer Therapie. DOIDeckt ab: orale Versorgung vor, während und nach onkologischer Therapie, Sanierung von Infektionsherden und Umgang mit Mukositis
  • Sanz M, Herrera D, Kebschull M et al. Treatment of stage I–III periodontitis — The EFP S3-level clinical practice guideline. Journal of Clinical Periodontology 2020; 47 (Suppl 22): 4–60.Deckt ab: Durchführung der Parodontitistherapie und ihre zeitliche Planung
  • Ruggiero SL, Dodson TB, Aghaloo T, Carlson ER, Ward BB, Kademani D. American Association of Oral and Maxillofacial Surgeons position paper on medication-related osteonecrosis of the jaws — 2022 update. Journal of Oral and Maxillofacial Surgery 2022.Deckt ab: Risiko der Kiefernekrose unter antiresorptiver Begleittherapie in der Onkologie
  • Bürgerliches Gesetzbuch §§ 630c bis 630f — Informations-, Aufklärungs- und Dokumentationspflichten.Deckt ab: Abstimmung mit der behandelnden Praxis und Dokumentation der getroffenen Absprachen

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