Parodontologie Vertiefung 7 Min

Schwere Parodontitis bei jungen Patienten

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Ein starker Befund bei einer 24-Jährigen mit guter Mundhygiene — früher hieß das „aggressive Parodontitis“. Der Begriff ist entfallen, und was an seine Stelle getreten ist, ist präziser.

1Warum der alte Begriff aufgegeben wurdeEr ließ sich nicht trennscharf anwenden.
2Wie du den Fall heute einordnestDie Rechnung führt fast zwangsläufig zu Grad C.
3Was zusätzlich abzuklären istZwei Richtungen, eine davon außerhalb der Zahnmedizin.
4Was die Leitlinie zu Antibiotika sagtZurückhaltender, als viele annehmen.
7 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen4 Quellen

„Wie kann ich trotzdem so ein Problem haben?“

Erstvorstellung24 Jahre, Nichtraucherin, keine bekannten Allgemeinerkrankungen, gute Mundhygiene mit wenig Plaque. Auf der Übersichtsaufnahme deutlicher vertikaler Knochenverlust an den ersten Molaren, Sondierungstiefen dort 6 bis 8 Millimeter. Die Mutter trägt seit ihrem vierzigsten Lebensjahr eine Prothese. „Ich putze zweimal täglich und gehe regelmäßig zum Zahnarzt. Wie kann ich trotzdem so ein Problem haben?“

Die Frage ist berechtigt — und die Antwort lautet, dass Mundhygiene nur einer von mehreren Faktoren ist.

Der springende PunktEin schwerer Befund bei einem jungen Menschen mit guter Hygiene ist per Definition ein rasch fortschreitender Verlauf. Die Rechnung bestätigt nur, was der Blick schon nahelegt.

Warum der alte Begriff entfallen ist

Die Klassifikation von 1999 unterschied zwischen chronischer und aggressiver Parodontitis. Diese Trennung wurde 2018 aufgegeben: Sie ließ sich klinisch nicht trennscharf anwenden, die Übergänge waren fließend, und die Zuordnung hatte therapeutisch weniger Konsequenzen als angenommen.

An ihre Stelle trat ein Erkrankungsbild mit zwei Achsen. Was früher als aggressiv galt, wird heute über den Grad abgebildet — und zwar messbar statt über eine Zuschreibung.

Bei etwa 30 Prozent Knochenverlust und einem Alter von 24 Jahren ergibt sich ein Verhältnis von rund 1,25. Alles über 1,0 bedeutet Grad C. Es braucht dafür keine weiteren Risikofaktoren — die Patientin raucht nicht und hat keinen Diabetes. Der Verlauf selbst ist das Kriterium.

Ein Befall, der sich auf die ersten Molaren und die Schneidezähne konzentriert, wird in der Klassifikation als eigenes Verteilungsmuster geführt — neben lokalisiert und generalisiert. Es ist genau die Verteilung, die früher für die aggressive Form kennzeichnend war, und sie bleibt ein Hinweis auf einen raschen Verlauf.

Was zusätzlich zu klären ist

Richtung Was du erfragst oder veranlasst
Familienanamnese Früher Zahnverlust bei Eltern oder Geschwistern — die Prothese der Mutter ist ein Signal
Allgemeinerkrankungen Erkrankungen, die eine schwere Parodontitis erklären können
Verlauf Frühere Befunde, ältere Aufnahmen, Geschwindigkeit der Entwicklung
Risikofaktoren Rauchen und Diabetes ausdrücklich erfragen, auch wenn sie unwahrscheinlich scheinen

Die Klassifikation kennt eine eigene Kategorie für Parodontitis als Manifestation einer Allgemeinerkrankung. Bei einem schweren Befund in jungen Jahren ohne erkennbare lokale Erklärung gehört diese Möglichkeit erwogen — und die Abklärung erfolgt dann nicht in der Zahnarztpraxis, sondern über die hausärztliche.

⚠️ Zu den Antibiotika

Der Reflex, bei Grad C sofort systemisch zu behandeln, ist verbreitet. Die europäische Leitlinie ist an dieser Stelle deutlich zurückhaltender und empfiehlt, systemische Antibiotika nicht routinemäßig einzusetzen. Was das für diesen Fall bedeutet, steht in der Lektion zu den Antibiotika — hier gilt: Grad C allein ist keine Indikation.

Drei Fragen

Bei einer 24-Jährigen mit guter Mundhygiene besteht ein Knochenverlust von etwa 30 Prozent. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Der Begriff ist mit der Klassifikation von 2018 entfallen. Was er beschrieb, wird heute über den Grad abgebildet — messbar statt zugeschrieben.Offene FrageWarum ist das mehr als eine Umbenennung? Weil die alte Einteilung eine Entweder-oder-Zuordnung war, während der Grad ein Kontinuum beschreibt und modifizierende Faktoren einbezieht. Damit lässt sich auch der Patient einordnen, der früher zwischen den Kategorien fiel.

Was gehört bei diesem Befund zur weiteren Abklärung?

Drei. Die Leitlinie rät vom routinemäßigen Einsatz systemischer Antibiotika ab, und die Einordnung nach Grad ersetzt nicht die Suche nach der Ursache.Offene FrageWie geht man mit dem Verdacht auf eine Allgemeinerkrankung um? Über die hausärztliche Praxis, mit einer konkreten Fragestellung. Ein Befund, der sich zahnmedizinisch nicht erklären lässt, ist ein Grund zur Abklärung — keine Diagnose.

Wie beantwortest du die Frage der Patientin fachlich sauber?

Die erste. Die Patientin hat sich korrekt verhalten und braucht eine Erklärung, die das anerkennt. Ihr Nachlässigkeit zu unterstellen wäre falsch und würde die Mitarbeit gefährden.Offene FrageWie viel erklärt die Veranlagung tatsächlich? Sie ist ein anerkannter Faktor, aber keine vollständige Erklärung — warum der eine erkrankt und der andere nicht, ist die zentrale offene Frage des Fachs. Das lässt sich auch so sagen.

Das, was hängenbleiben soll

„Aggressiv“ gibt es nicht mehr — es gibt Grad C, und der lässt sich ausrechnen.

Quellen

  • Tonetti MS, Greenwell H, Kornman KS. Staging and grading of periodontitis: framework and proposal of a new classification and case definition. Journal of Clinical Periodontology 2018; 45 (Suppl 20): S149–S161.Deckt ab: Gradbestimmung über das Verhältnis von Knochenverlust zu Lebensalter; Einordnung schwerer Verläufe bei jungen Patienten
  • Caton JG, Armitage G, Berglundh T et al. A new classification scheme for periodontal and peri-implant diseases and conditions — introduction and key changes from the 1999 classification. Journal of Clinical Periodontology 2018; 45 (Suppl 20): S1–S8.Deckt ab: Entfall der Begriffe „aggressive“ und „chronische“ Parodontitis und die Gründe dafür
  • Papapanou PN, Sanz M, Buduneli N et al. Periodontitis: Consensus report of workgroup 2 of the 2017 World Workshop on the Classification of Periodontal and Peri-Implant Diseases and Conditions. Journal of Clinical Periodontology 2018; 45 (Suppl 20): S162–S170.Deckt ab: Falldefinition und Umgang mit Verläufen, die früher als aggressiv bezeichnet wurden
  • Sanz M, Herrera D, Kebschull M, Chapple I, Jepsen S, Berglundh T, Sculean A, Tonetti MS. Treatment of stage I–III periodontitis — The EFP S3-level clinical practice guideline. Journal of Clinical Periodontology 2020; 47 (Suppl 22): 4–60.Deckt ab: Therapieempfehlungen einschließlich der Frage adjuvanter Maßnahmen

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