Parodontologie Vertiefung 6 Min

Parodontitis bei Immunsuppression

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Drei sehr verschiedene Patientengruppen mit einem gemeinsamen Nenner: Die Abwehr, auf die sich die Parodontitistherapie stützt, ist herabgesetzt. Was daraus folgt, ist bei jeder Gruppe etwas anderes.

1Welche Gruppen gemeint sindTransplantierte, Biologika-Patienten und Menschen mit HIV.
2Was sich am Verlauf ändertNicht immer das, was man erwartet.
3Was der Zeitpunkt bedeutetVor der Immunsuppression ist alles einfacher.
4Welche Befunde besonders auffallen solltenZwei, die auf eine tiefere Ursache zeigen.
6 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen4 Quellen

Zwei Jahre nach der Transplantation

Recall49 Jahre, Nierentransplantation vor zwei Jahren, dauerhafte immunsuppressive Therapie. Deutliche Gingivawucherung, dazu Sondierungstiefen bis 6 Millimeter mit Blutung. „Seit der Transplantation ist mein Zahnfleisch anders. Darf ich überhaupt behandelt werden?“

Darf er — und er sollte. Bei diesem Befund kommen zwei Dinge zusammen: die medikamentenbedingte Wucherung und eine parodontale Entzündung, die unter der Immunsuppression anders verläuft.

Der springende PunktDie Immunsuppression ist kein Behandlungshindernis. Sie verändert den Verlauf, die Erwartung und den Zeitpunkt — nicht die Indikation.

Drei Gruppen, drei Besonderheiten

Gruppe Was auffällt
Nach Organtransplantation Dauerhafte Immunsuppression; bei bestimmten Substanzen zusätzlich Gingivawucherung
Unter Biologika bei Autoimmunerkrankungen Gezielte Hemmung einzelner Entzündungswege — teils mit unerwarteter Wirkung auf das Parodont
Mit HIV-Infektion Bei guter Therapie weitgehend unauffällig; bei unbehandelter Infektion charakteristische Befunde

Nicht immer das, was man erwartet. Die Immunsuppression dämpft die Abwehr gegen die Erreger — sie dämpft aber auch die entzündliche Gewebezerstörung, die einen Teil des Attachmentverlusts ausmacht. Bei manchen Substanzen, insbesondere solchen, die gezielt einzelne Entzündungsmediatoren blockieren, ist deshalb kein durchgehend schlechterer parodontaler Verlauf zu beobachten. Die Erwartung eines pauschal schwereren Verlaufs trifft nicht für jede Substanz zu.

Zwei: eine nekrotisierende Parodontalerkrankung und ein schwerer Befund ohne erkennbare lokale Erklärung. Beide gelten als Hinweise auf eine dauerhaft beeinträchtigte Abwehr — und bei einem Patienten ohne bekannte Immunsuppression sind sie ein Anlass zur hausärztlichen Abklärung. Das gilt insbesondere für die nekrotisierenden Formen, deren Einteilung ausdrücklich nach dem Immunstatus erfolgt.

Was du anpasst

Punkt Vorgehen
Zeitpunkt Sanierung vor Beginn der Immunsuppression, wo planbar — dann ist alles einfacher
Invasive Eingriffe Abstimmung mit der behandelnden Praxis, insbesondere bei Biologika
Nachsorgeintervall Kürzer als üblich — die Kontrolle ersetzt einen Teil der fehlenden Abwehr
Gingivawucherung Bei entsprechender Medikation eigenständig bewerten, nicht als Parodontitis
Infektionszeichen Können abgeschwächt sein — der Befund fällt milder aus, als er ist
⚠️ Was leicht übersehen wird

Dass die Entzündungszeichen abgeschwächt sein können. Weniger Rötung und weniger Blutung bedeuten hier nicht weniger Erkrankung — dasselbe Muster wie beim Raucher. Bei diesen Patienten wiegen Sondierungstiefe und Attachmentverlust deshalb schwerer als das entzündliche Erscheinungsbild.

Drei Fragen

Ein Patient zwei Jahre nach Nierentransplantation zeigt Gingivawucherung und Taschen bis 6 Millimeter. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Die Behandlung ist indiziert — sie braucht nur Abstimmung bei invasiven Eingriffen und eine angepasste Erwartung. Unbehandelt bleibt eine Infektionsquelle bei einem Patienten mit herabgesetzter Abwehr.Offene FrageWas ist bei der Wucherung zu beachten? Dass sie eigene Regeln hat — Sondierungstiefen ohne Attachmentverlust sind Pseudotaschen. Die Unterscheidung entscheidet über die Diagnose und über das, was behandelt wird.

Welche Aussagen zur Parodontitis bei Immunsuppression treffen zu?

Drei. Substanzen, die gezielt einzelne Entzündungswege blockieren, wirken nicht durchgehend verschlechternd. Und bei gut behandelter HIV-Infektion ist die parodontale Situation weitgehend unauffällig.Offene FrageWarum ist das so? Weil die Immunsuppression zwei gegenläufige Effekte hat — schwächere Erregerabwehr, aber auch gedämpfte entzündliche Gewebezerstörung. Welcher überwiegt, hängt von der Substanz ab.

Welcher Befund sollte bei einem Patienten ohne bekannte Immunsuppression aufhorchen lassen?

Die erste. Ihre Einteilung erfolgt ausdrücklich nach dem Immunstatus, und eine schwere oder wiederholte Ausprägung gilt als Hinweis auf eine dauerhaft beeinträchtigte Abwehr.Offene FrageWas tut man mit diesem Verdacht? Man leitet ihn weiter — mit dem Befund und einer konkreten Fragestellung. Die Abklärung erfolgt hausärztlich, und die parodontale Behandlung läuft parallel.

Das, was hängenbleiben soll

Kein Hindernis, aber ein anderer Verlauf — und weniger Blutung heißt auch hier nicht weniger Krankheit.

Quellen

  • Albandar JM, Susin C, Hughes FJ. Manifestations of systemic diseases and conditions that affect the periodontal attachment apparatus: case definitions and diagnostic considerations. Journal of Clinical Periodontology 2018; 45 (Suppl 20): S171–S189.Deckt ab: Falldefinitionen und diagnostische Erwägungen bei erworbenen Immundefekten und ihren parodontalen Manifestationen
  • Jepsen S, Caton JG, Albandar JM et al. Periodontal manifestations of systemic diseases and developmental and acquired conditions. Journal of Clinical Periodontology 2018; 45 (Suppl 20): S219–S229.Deckt ab: Einordnung immunsuppressionsbedingter parodontaler Veränderungen in die Klassifikation
  • Herrera D, Retamal-Valdes B, Alonso B, Feres M. Acute periodontal lesions and endo-periodontal lesions. Journal of Clinical Periodontology 2018; 45 (Suppl 20): S78–S94.Deckt ab: nekrotisierende Parodontalerkrankungen bei dauerhaft beeinträchtigter Abwehr
  • Sanz M, Herrera D, Kebschull M et al. Treatment of stage I–III periodontitis — The EFP S3-level clinical practice guideline. Journal of Clinical Periodontology 2020; 47 (Suppl 22): 4–60.Deckt ab: Anpassung der Parodontitistherapie und ihrer zeitlichen Planung

Melde dich an, damit dein Fortschritt gespeichert wird.