Parodontologie Grundlagen 6 Min

Gingivitis und Parodontitis unterscheiden

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Beides blutet, beides ist entzündet — und trotzdem ist das eine vollständig rückbildungsfähig und das andere nicht. Der Unterschied liegt an einer Stelle, die man messen muss statt sie zu sehen.

1Was die beiden tatsächlich trenntAttachmentverlust — und wie man ihn feststellt.
2Warum die Sondierungstiefe allein nicht reichtSie täuscht in zwei Richtungen.
3Was ein reduziertes Parodont bedeutetDer Patient nach erfolgreicher Therapie ist ein eigener Fall.
4Warum die Unterscheidung im Gespräch zähltSie entscheidet über Aufwand und Perspektive.
6 MinutenGrundlagen3 Selbstcheck-Fragen4 Quellen

„Ist das schlimm?“

Kontrolluntersuchung32 Jahre. Das Zahnfleisch blutet beim Putzen, generalisiert gerötet und leicht geschwollen. Sondierungstiefen bis 4 Millimeter, kein Attachmentverlust nachweisbar, radiologisch unauffälliger Knochenverlauf. „Mein Zahnfleisch blutet beim Putzen. Ist das schlimm?“

Hier ist es eine Gingivitis — und die Botschaft an den Patienten ist eine gute: Sie bildet sich vollständig zurück.

Der springende PunktDie Sondierungstiefe von 4 Millimetern könnte auf beides hindeuten. Was den Fall entscheidet, ist das Fehlen von Attachmentverlust.

Der eine Unterschied

Bei der Gingivitis ist die Entzündung auf die Gingiva beschränkt. Der bindegewebige Attachmentapparat und der Knochen sind nicht betroffen. Wird die Ursache beseitigt, bildet sie sich vollständig zurück.

Bei der Parodontitis ist Attachment verloren gegangen. Dieser Verlust ist irreversibel — die Therapie kann ihn aufhalten, aber nicht rückgängig machen. Deshalb ist die Unterscheidung nicht akademisch: Sie entscheidet darüber, ob der Ausgangszustand wiederherstellbar ist.

Sie misst vom Gingivarand bis zum Taschenboden. Bei einer geschwollenen Gingiva liegt der Rand höher als normal — die Tiefe erscheint größer, ohne dass Attachment verloren wäre. Das ist die Pseudotasche. Umgekehrt kann bei einer Rezession Attachment verloren sein, während die Sondierungstiefe unauffällig bleibt. Beide Fehler entstehen aus derselben Ursache: Der Bezugspunkt der Messung bewegt sich.

Der klinische Attachmentlevel bezieht sich auf einen festen Punkt — die Schmelz-Zement-Grenze. Er ergibt sich aus Sondierungstiefe und Rezession und ist deshalb unabhängig davon, wo der Gingivarand gerade steht. Genau darin liegt seine Aussagekraft. Für die Falldefinition der Parodontitis ist der interdentale Attachmentverlust an mehreren nicht benachbarten Zähnen maßgeblich.

Der dritte Fall: das reduzierte Parodont

Ein Patient nach erfolgreich behandelter Parodontitis hat weniger Attachment als jemand, der nie erkrankt war. Er ist deshalb nicht krank — aber er ist auch nicht wie ein Gesunder zu beurteilen.

Situation Einordnung
Intaktes Parodont, keine Entzündung parodontal gesund
Intaktes Parodont, Entzündung Gingivitis
Reduziertes Parodont, keine Entzündung, keine Parodontitis-Vorgeschichte gesund auf reduziertem Parodont
Reduziertes Parodont nach Parodontitis, entzündungsfrei stabile Parodontitis in Nachsorge
Interdentaler Attachmentverlust an mehreren nicht benachbarten Zähnen Parodontitis
⚠️ Warum die vierte Zeile zählt

Ein Patient mit behandelter Parodontitis bleibt ein Parodontitispatient — auch wenn er entzündungsfrei ist. Er wird nicht in den normalen Recall entlassen, sondern in die strukturierte Nachsorge. Diese Unterscheidung ist der Grund, warum die Klassifikation den Zustand nach Therapie eigens benennt.

Drei Fragen

Bei einer 32-jährigen Patientin bestehen Blutung, Sondierungstiefen bis 4 Millimeter und kein Attachmentverlust. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Die Sondierungstiefe misst von einem beweglichen Bezugspunkt aus. Bei geschwollener Gingiva entsteht eine Pseudotasche ohne Attachmentverlust.Offene FrageWie erkennt man die Pseudotasche sicher? Über den Attachmentlevel, der sich auf die Schmelz-Zement-Grenze bezieht. Praktisch zeigt sich auch, dass die Tiefe nach Abklingen der Entzündung wieder geringer wird.

Welche Aussagen treffen zu?

Drei. Bei einer Rezession kann die Sondierungstiefe sogar unauffällig sein, obwohl Attachment verloren ist. Und nicht jede Gingivitis wird zur Parodontitis — sie ist eine Voraussetzung, keine Zwangsläufigkeit.Offene FrageWarum entwickelt der eine eine Parodontitis und der andere nicht? Das ist die zentrale offene Frage des Fachs. Bekannt sind Risikofaktoren wie Rauchen und Diabetes sowie eine genetische Komponente — eine vollständige Erklärung gibt es nicht.

Warum ist die Unterscheidung für das Patientengespräch wichtig?

Die erste. Bei der Gingivitis lautet die Botschaft: vollständig rückbildungsfähig. Bei der Parodontitis: aufhaltbar, aber nicht rückgängig zu machen. Das sind zwei sehr verschiedene Perspektiven.Offene FrageWie sagt man das, ohne zu entmutigen? Indem man betont, was erreichbar ist — Stillstand und Erhalt der Zähne. Das ist ein realistisches und trotzdem gutes Ziel, und es macht verständlich, warum die Nachsorge nicht endet.

Das, was hängenbleiben soll

Nicht die Tiefe entscheidet, sondern der Attachmentverlust.

Quellen

  • Chapple ILC, Mealey BL, Van Dyke TE et al. Periodontal health and gingival diseases and conditions on an intact and a reduced periodontium: Consensus report of workgroup 1 of the 2017 World Workshop. Journal of Clinical Periodontology 2018; 45 (Suppl 20): S68–S77.Deckt ab: Definition parodontaler Gesundheit, Abgrenzung von Gingivitis und Bewertung des reduzierten Parodonts
  • Papapanou PN, Sanz M, Buduneli N et al. Periodontitis: Consensus report of workgroup 2 of the 2017 World Workshop on the Classification of Periodontal and Peri-Implant Diseases and Conditions. Journal of Clinical Periodontology 2018; 45 (Suppl 20): S162–S170.Deckt ab: Falldefinition der Parodontitis anhand des interdentalen Attachmentverlusts
  • Tonetti MS, Greenwell H, Kornman KS. Staging and grading of periodontitis: framework and proposal of a new classification and case definition. Journal of Clinical Periodontology 2018; 45 (Suppl 20): S149–S161.Deckt ab: Kriterien, an denen sich Parodontitis von Gingivitis unterscheiden lässt
  • Sanz M, Herrera D, Kebschull M, Chapple I, Jepsen S, Berglundh T, Sculean A, Tonetti MS. Treatment of stage I–III periodontitis — The EFP S3-level clinical practice guideline. Journal of Clinical Periodontology 2020; 47 (Suppl 22): 4–60.Deckt ab: therapeutische Konsequenzen der Unterscheidung

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