Parodontologie Vertiefung 6 Min

Furkationsbeteiligung einordnen

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Der Furkationsbefund verändert Prognose und Therapieplanung mehr als fast jeder andere Einzelbefund — und er lässt sich nur mit dem richtigen Instrument erheben.

1Warum die normale Sonde nicht reichtDer Eingang liegt nicht dort, wo sie hinkommt.
2Was die Grade bedeutenHorizontal gemessen, nicht vertikal.
3Warum die Furkation die Prognose ändertEin Bereich, der der Reinigung entzogen ist.
4Welche Wege es gibtVier, und ihre Auswahl hängt am Grad.
6 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen4 Quellen

Die Tasche, die nicht besser wird

Reevaluation58 Jahre, nach abgeschlossener Instrumentierung. An 36 bukkal weiterhin 6 Millimeter Sondierungstiefe und Blutung, während die übrigen Stellen deutlich besser geworden sind. Mit der gebogenen Sonde lässt sich die Furkation horizontal etwa 4 Millimeter sondieren.

Die Stelle, die nicht auf die Therapie anspricht, ist selten zufällig gewählt. Hier erklärt der Furkationsbefund, warum.

Der springende PunktDer Furkationsbereich ist mit den üblichen Instrumenten nicht vollständig zu erreichen — weder vom Behandler noch vom Patienten. Deshalb bleibt dort Entzündung zurück.

Wie gemessen wird

Der Furkationsbefund wird horizontal erhoben, nicht vertikal. Gemessen wird, wie weit sich die Sonde von außen zwischen die Wurzeln schieben lässt. Dafür braucht es eine gebogene Sonde — eine gerade Parodontalsonde erreicht den Eingang häufig nicht und liefert deshalb einen falsch negativen Befund.

Grad Befund Bedeutung
I horizontal bis etwa ein Drittel der Zahnbreite sondierbar beginnender Verlust, meist gut beherrschbar
II weiter als ein Drittel, aber nicht durchgängig der Bereich ist nicht mehr vollständig zu reinigen
III durchgängig sondierbar die Furkation ist von einer zur anderen Seite offen

Am Unterkiefermolaren bukkal und lingual — beide Seiten gehören sondiert. Am Oberkiefermolaren bukkal sowie mesial und distal von palatinal; die mesiale Furkation liegt dabei weiter palatinal, als viele vermuten, und wird deshalb regelmäßig übersehen. Wer nur bukkal sondiert, findet die Hälfte der Befunde nicht.

Der Furkationsbereich hat eine unregelmäßige Anatomie mit Konkavitäten und Schmelzausläufern. Weder Kürette noch Ultraschallspitze erreichen ihn vollständig, und die häusliche Reinigung erst recht nicht. Damit bleibt ein Reservoir bestehen, das die Entzündung unterhält — und genau deshalb spricht diese Stelle schlechter auf die Therapie an als der Rest des Gebisses.

Was daraus folgt

Grad Naheliegende Wege
I Instrumentierung, gegebenenfalls Zugangsverbesserung, engmaschige Nachsorge
II Chirurgische Optionen erwägen — regenerativ oder resektiv, je nach Defektform
III Erhalt schwieriger; Tunnelierung, Wurzelamputation oder Extraktion erwägen

Die Furkationsbeteiligung ist zugleich ein Kriterium der Stadieneinteilung: Sie erhöht die Komplexität und kann ein Stadium anheben. Sie ist deshalb nicht nur ein lokaler Befund, sondern beeinflusst die Einordnung des gesamten Falls.

⚠️ Was in die Aufklärung gehört

Dass diese Stelle schlechter zugänglich ist und deshalb eine schlechtere Prognose hat als der Rest — und dass sie engmaschiger kontrolliert wird. Ein Patient, der versteht, warum eine einzelne Stelle Sorgen macht, während der Rest gut aussieht, macht die Nachsorge eher mit.

Drei Fragen

An 36 bukkal besteht nach der Instrumentierung weiterhin eine Sondierungstiefe von 6 Millimetern, die Furkation ist horizontal 4 Millimeter sondierbar. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Eine gerade Sonde erreicht den Furkationseingang häufig nicht und liefert deshalb einen falsch negativen Befund. Für die Erhebung braucht es eine gebogene Sonde.Offene FrageWie oft wird die Furkation dadurch übersehen? Eine Zahl dazu gibt es nicht — was sich sagen lässt: Ein Molar mit therapieresistenter Tasche ohne dokumentierten Furkationsbefund ist ein Kandidat für eine erneute Sondierung mit dem richtigen Instrument.

Welche Aussagen zur Furkationsbeteiligung treffen zu?

Drei. Grad III schließt den Erhalt nicht aus — es gibt chirurgische Wege, und die Entscheidung hängt vom Gesamtbild ab. Und gemessen wird horizontal.Offene FrageWie gut sind die Ergebnisse bei Grad III? Deutlich schlechter als bei Grad I und II, und die Datenlage ist begrenzter. Was sich sagen lässt: Der Erhalt ist möglich, aber aufwendig und mit eingeschränkter Prognose — das gehört in die Aufklärung.

Warum spricht die Furkation schlechter auf die Instrumentierung an?

Die erste. Konkavitäten, Schmelzausläufer und der enge Zugang machen den Bereich mechanisch schwer erreichbar — für den Behandler wie für den Patienten.Offene FrageWas ändert daran die Chirurgie? Sie verbessert den Zugang, entweder indem sie ihn schafft oder indem sie die Anatomie verändert. Genau das ist der Grund, warum ab Grad II chirurgische Optionen ins Spiel kommen.

Das, was hängenbleiben soll

Horizontal messen, mit gebogener Sonde — und alle drei Furkationen am Oberkiefermolaren.

Quellen

  • Sanz M, Herrera D, Kebschull M, Chapple I, Jepsen S, Berglundh T, Sculean A, Tonetti MS. Treatment of stage I–III periodontitis — The EFP S3-level clinical practice guideline. Journal of Clinical Periodontology 2020; 47 (Suppl 22): 4–60.Deckt ab: Behandlung furkationsbeteiligter Zähne, Stellenwert nicht-chirurgischer und chirurgischer Verfahren
  • S3-Leitlinie „Die Behandlung von Parodontitis Stadium I bis III“, AWMF-Register-Nr. 083-043, federführend DG PARO und DGZMK. Deutsche Implementierung der EFP-Leitlinie, Stand Dezember 2020, Gültigkeit bis November 2025.Deckt ab: deutsche Implementierung der Empfehlungen zur Furkationsbeteiligung
  • Tonetti MS, Greenwell H, Kornman KS. Staging and grading of periodontitis: framework and proposal of a new classification and case definition. Journal of Clinical Periodontology 2018; 45 (Suppl 20): S149–S161.Deckt ab: Furkationsbeteiligung als Kriterium der Stadieneinteilung und der Komplexität
  • Papapanou PN, Sanz M, Buduneli N et al. Periodontitis: Consensus report of workgroup 2 of the 2017 World Workshop on the Classification of Periodontal and Peri-Implant Diseases and Conditions. Journal of Clinical Periodontology 2018; 45 (Suppl 20): S162–S170.Deckt ab: Einordnung des Befunds in die Falldefinition

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