Parodontologie Vertiefung 6 Min

Parodontitis unter antiresorptiver Therapie

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Patientinnen kommen mit der Sorge, gar nichts machen lassen zu dürfen. Das Gegenteil ist richtig — und die Begründung dafür ist der Kern dieser Lektion.

1Warum die Parodontitistherapie das Risiko senktDie Entzündung ist selbst ein Auslöser.
2Wie sich die Risikogruppen unterscheidenDie Indikation der Therapie trennt sie am stärksten.
3Was ohne Weiteres möglich istUnd wo die Abwägung beginnt.
4Was vor invasiven Eingriffen zu klären istMit wem und worüber.
6 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen4 Quellen

„Ich darf beim Zahnarzt nichts machen lassen“

Erstvorstellung67 Jahre, nimmt seit fünf Jahren ein orales Bisphosphonat wegen Osteoporose. Parodontitis Stadium II mit Blutung und Taschen bis 5 Millimeter. „Meine Tochter hat im Internet gelesen, dass ich beim Zahnarzt nichts machen lassen darf wegen den Tabletten.“

Die Sorge ist verbreitet und führt regelmäßig dazu, dass Patientinnen jahrelang nicht behandelt werden — mit dem Ergebnis, dass das Risiko steigt statt sinkt.

Der springende PunktEine unbehandelte parodontale Entzündung gehört selbst zu den Faktoren, die eine Kiefernekrose begünstigen. Nichts zu tun ist deshalb nicht die sichere Variante.

Was das Risiko bestimmt

Die medikamentenassoziierte Kiefernekrose ist die gefürchtete Komplikation. Ihr Risiko hängt vor allem an Wirkstoff, Applikationsweg und Indikation — und diese drei hängen zusammen.

Konstellation Einordnung
Orale Gabe bei Osteoporose niedriges Risiko
Orale Gabe über längere Zeit oder mit Kortikosteroiden erhöhtes Risiko gegenüber der Basisgruppe
Intravenöse oder hochdosierte Gabe in onkologischer Indikation deutlich höheres Risiko
Zusätzliche antiangiogene Therapie weiter erhöhtes Risiko

Die Indikation trennt die Gruppen am stärksten. Die Dosierungen in der Osteoporosetherapie unterscheiden sich erheblich von denen in der Onkologie — das ist der Grund, warum die Patientin aus dem Fallbeispiel in einer anderen Lage ist als eine Patientin unter Tumortherapie.

Ein erheblicher Teil der berichteten Kiefernekrosen tritt nach einem zahnärztlichen Eingriff auf — vor allem nach Extraktionen. Diese Extraktionen erfolgen aber meist, weil ein Zahn wegen fortgeschrittener Parodontitis oder Infektion nicht mehr zu halten war. Wer die Parodontitis früh behandelt, verhindert genau diese Situation. Die Sanierung vor Beginn einer antiresorptiven Therapie ist aus demselben Grund in den Leitlinien vorgesehen.

Was möglich ist

Maßnahme Einordnung
Nicht-chirurgische Instrumentierung ohne Weiteres möglich und angezeigt
Professionelle Reinigung, Nachsorge ohne Weiteres möglich, engmaschig sinnvoll
Parodontalchirurgie Abwägung nach Risikogruppe, Aufklärung erforderlich
Extraktion Abwägung, bei hohem Risiko Abstimmung mit der behandelnden Praxis
Absetzen des Medikaments niemals eigenständig veranlassen
⚠️ Was vor invasiven Eingriffen zu klären ist

Wirkstoff, Applikationsweg, Dauer der Einnahme, Indikation und begleitende Medikation — insbesondere Kortikosteroide und antiangiogene Substanzen. Diese Angaben kommen aus dem Befundbericht oder über die verordnende Praxis, nicht aus der Erinnerung der Patientin. Aufklärung über das Risiko und die Dokumentation gehören dazu.

Drei Fragen

Eine Patientin nimmt seit fünf Jahren ein orales Bisphosphonat wegen Osteoporose und hat eine Parodontitis Stadium II. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Nichts zu tun ist nicht die sichere Variante — die unbehandelte Entzündung führt absehbar zu genau den Extraktionen, die das Risiko tragen.Offene FrageWoher kommt die verbreitete Sorge? Aus der Übertragung von Zahlen aus der Onkologie auf die Osteoporosetherapie. Die Dosierungen unterscheiden sich erheblich — und damit auch das Risiko.

Welche Angaben bestimmen die Risikoeinordnung?

Drei. Alter und Zahnzahl fließen nicht in die Risikoeinordnung ein — Wirkstoff, Weg, Indikation, Dauer und Begleitmedikation tun es.Offene FrageWoher bekommt man diese Angaben? Aus dem Befundbericht oder über die verordnende Praxis. Die Erinnerung der Patientin an den Präparatnamen reicht nicht — und ein Blick auf den Medikationsplan klärt es in einer Minute.

Wie beantwortest du die Sorge der Patientin fachlich sauber?

Die erste. Die Sorge ist nachvollziehbar und hat einen wahren Kern — sie ist nur falsch angewandt. Sie abzutun nimmt die Patientin nicht ernst, ihr zu folgen schadet ihr.Offene FrageWarum keine vorsorgliche Antibiotikagabe? Für die nicht-chirurgische Therapie gibt es dafür keinen Anlass. Bei invasiven Eingriffen in Hochrisikokonstellationen ist die Abstimmung mit der behandelnden Praxis der Weg — nicht die pauschale Gabe.

Das, was hängenbleiben soll

Nichts zu tun ist hier nicht die sichere Variante — die Entzündung ist selbst ein Risikofaktor.

Quellen

  • S3-Leitlinie „Antiresorptiva-assoziierte Kiefernekrosen (AR-ONJ)“, AWMF-Register-Nr. 007-091, federführend DGMKG und DGZMK. Hinweis: Die Gültigkeit dieser Fassung ist abgelaufen.Deckt ab: Risikoeinschätzung und Vorgehen bei antiresorptiver Therapie, Stellenwert der Sanierung vor Therapiebeginn
  • Ruggiero SL, Dodson TB, Aghaloo T, Carlson ER, Ward BB, Kademani D. American Association of Oral and Maxillofacial Surgeons position paper on medication-related osteonecrosis of the jaws — 2022 update. Journal of Oral and Maxillofacial Surgery 2022.Deckt ab: aktualisierte Definition, Stadieneinteilung und Risikobewertung der medikamentenassoziierten Kiefernekrose
  • Sanz M, Herrera D, Kebschull M et al. Treatment of stage I–III periodontitis — The EFP S3-level clinical practice guideline. Journal of Clinical Periodontology 2020; 47 (Suppl 22): 4–60.Deckt ab: Durchführung der nicht-chirurgischen Parodontitistherapie und ihre Sicherheit
  • Bürgerliches Gesetzbuch §§ 630c bis 630f — Informations-, Aufklärungs- und Dokumentationspflichten.Deckt ab: Aufklärung über das erhöhte Risiko vor invasiven Eingriffen und deren Dokumentation

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