Parodontologie Vertiefung 7 Min

Systemische Antibiotika — wann tatsächlich

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Die Leitlinie ist an dieser Stelle deutlich zurückhaltender, als die Praxis vieler Kolleginnen und Kollegen vermuten lässt. Wer den Grund kennt, kann die Entscheidung begründen statt einer Gewohnheit zu folgen.

1Was die Leitlinie tatsächlich empfiehltNicht routinemäßig — und das ist eine klare Aussage.
2Wie groß der Zusatznutzen istMessbar, aber kleiner als erwartet.
3Was dem Nutzen gegenüberstehtNebenwirkungen und ein Argument, das über den Einzelfall hinausgeht.
4Wann sie doch in Betracht kommenEnge Situationen, klar benannt.
7 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen4 Quellen

„Bekomme ich jetzt auch Antibiotika?“

Nach der Instrumentierung38 Jahre, Parodontitis Stadium III, Grad C. Die Instrumentierung ist abgeschlossen. „Der Zahnarzt vorher hat mir immer gleich Antibiotika gegeben. Brauche ich das jetzt auch?“

Wahrscheinlich nicht — und das ist keine Sparmaßnahme, sondern die Empfehlung der Leitlinie.

Der springende PunktGrad C allein ist keine Indikation. Die Leitlinie empfiehlt ausdrücklich, systemische Antibiotika nicht routinemäßig als Ergänzung zur Instrumentierung einzusetzen.

Was die Leitlinie sagt

Die europäische S3-Leitlinie enthält eine ausdrückliche Empfehlung gegen den routinemäßigen Einsatz systemischer Antibiotika als Ergänzung zur subgingivalen Instrumentierung. Ihr Gebrauch soll auf bestimmte Fälle beschränkt bleiben.

Das ist bemerkenswert, weil die zugrunde liegende metaanalytische Auswertung durchaus einen Zusatznutzen gefunden hat. Die Empfehlung fällt trotzdem so aus — und der Grund liegt in der Abwägung.

Drei Argumente wirken zusammen. Erstens ist der Zusatznutzen im Mittel klein und für den einzelnen Patienten oft nicht spürbar. Zweitens stehen ihm Nebenwirkungen gegenüber — von Magen-Darm-Beschwerden bis zu allergischen Reaktionen. Drittens, und das wiegt am schwersten, geht es um die Resistenzentwicklung: Ein kleiner Nutzen für den einzelnen rechtfertigt keinen breiten Einsatz in einer Erkrankung, die einen erheblichen Teil der Bevölkerung betrifft.

Wenn ein Antibiotikum gegeben wird, dann nach abgeschlossener Instrumentierung — nicht davor und nicht statt ihrer. Der Biofilm schützt die Bakterien; erst wenn er mechanisch gestört ist, erreicht der Wirkstoff sie. Ein Antibiotikum vor oder ohne Instrumentierung ist deshalb nicht nur wirkungslos, sondern trägt zur Resistenzentwicklung bei, ohne etwas zu bewirken.

Wann sie doch in Betracht kommen

Situation Einordnung
Junge Patienten mit generalisiertem Stadium III am ehesten diskutiert, wenn der Verlauf rasch ist
Akuter Abszess mit Ausbreitungszeichen ergänzend zur Entlastung, nicht statt ihrer
Systemische Beteiligung mit Allgemeinsymptomen ergänzend
Bestimmte Formen der Immunsuppression individuelle Abwägung, in Abstimmung
Routinemäßig bei Stadium I bis II nicht indiziert
Als Ersatz für die Instrumentierung nicht indiziert
⚠️ Die häufigste Fehlanwendung

Die Gabe, weil der Befund schwer aussieht. Ein schwerer Befund ist ein Grund für gründliche Instrumentierung, engmaschige Kontrolle und gegebenenfalls chirurgische Maßnahmen — nicht automatisch für ein Antibiotikum. Genau diese Gleichsetzung will die Leitlinie aufbrechen.

Drei Fragen

Bei einer Patientin mit Stadium III, Grad C ist die Instrumentierung abgeschlossen. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Die Leitlinie kennt keine zwingende Indikation nach Grad. Sie empfiehlt im Gegenteil, den Einsatz auf bestimmte Fälle zu beschränken.Offene FrageWarum wird es trotzdem so oft anders gehandhabt? Weil ein schwerer Befund den Wunsch weckt, mehr zu tun — und weil die Empfehlung gegen den routinemäßigen Einsatz jüngeren Datums ist als die Gewohnheit.

Welche Argumente stützen die zurückhaltende Empfehlung?

Drei. Ein Zusatznutzen wurde durchaus gefunden — die Empfehlung folgt aus der Abwägung, nicht aus fehlender Wirksamkeit. Und im gestörten Biofilm wirken Antibiotika sehr wohl, deshalb die Reihenfolge.Offene FrageWas heißt „im Mittel klein“ konkret für den einzelnen Patienten? Dass der Unterschied für ihn möglicherweise gar nicht spürbar ist. Genau deshalb ist die Entscheidung eine Abwägung und keine Rechnung.

Wie beantwortest du die Frage der Patientin fachlich sauber?

Die erste. Die Empfehlung hat sich geändert — das lässt sich sagen, ohne jemanden zu beschuldigen. Und ein Verweis auf die Leitlinie ohne Begründung überzeugt niemanden, der jahrelang etwas anderes erlebt hat.Offene FrageWas, wenn sie darauf besteht? Dann gehört die Abwägung offengelegt: kleiner Nutzen, reale Nebenwirkungen, Beitrag zur Resistenzentwicklung. Die meisten Patienten verstehen das dritte Argument besser, als man erwartet.

Das, was hängenbleiben soll

Nicht routinemäßig — und wenn, dann nach der Instrumentierung, nie statt ihrer.

Quellen

  • Teughels W, Feres M, Oud V, Martín C, Matesanz P, Herrera D. Adjunctive effect of systemic antimicrobials in periodontitis therapy: a systematic review and meta-analysis. Journal of Clinical Periodontology 2020; 47 (Suppl 22): 257–281.Deckt ab: metaanalytische Auswertung des adjuvanten Effekts systemischer Antibiotika, Ausmaß des Zusatznutzens und Nebenwirkungen
  • Sanz M, Herrera D, Kebschull M, Chapple I, Jepsen S, Berglundh T, Sculean A, Tonetti MS. Treatment of stage I–III periodontitis — The EFP S3-level clinical practice guideline. Journal of Clinical Periodontology 2020; 47 (Suppl 22): 4–60.Deckt ab: Empfehlung gegen den routinemäßigen Einsatz und Eingrenzung auf bestimmte Situationen
  • S3-Leitlinie „Die Behandlung von Parodontitis Stadium I bis III“, AWMF-Register-Nr. 083-043, federführend DG PARO und DGZMK. Deutsche Implementierung der EFP-Leitlinie, Stand Dezember 2020.Deckt ab: deutsche Implementierung der Empfehlungen zur adjuvanten Antibiotikagabe
  • Tonetti MS, Greenwell H, Kornman KS. Staging and grading of periodontitis. Journal of Clinical Periodontology 2018; 45 (Suppl 20): S149–S161.Deckt ab: Einordnung von Stadium und Grad, auf die sich die Indikationsdiskussion bezieht

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