Notfälle Vertiefung 6 Min

Der epileptische Anfall

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Ein Notfall, bei dem das Wichtigste ist, was man nicht tut — und bei dem eine einzige Zahl über den Notruf entscheidet.

1Was während des Anfalls zu tun istSchützen, nicht eingreifen.
2Warum nichts zwischen die Zähne kommtDer Schaden entsteht durch die Hilfe.
3Welche Zahl über den Notruf entscheidetUnd warum die Uhr mitläuft.
4Was nach dem Anfall kommtEine Phase, die dazugehört.
6 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen3 Quellen

„Soll ich ihr etwas zwischen die Zähne stecken?“

Im Behandlungsstuhl29 Jahre, bekannte Epilepsie. Plötzliche Verkrampfung, Bewusstlosigkeit, rhythmische Zuckungen. Ein Instrument liegt noch im Mund. „Sie zuckt — soll ich ihr etwas zwischen die Zähne stecken?“

Nein. Das ist die verbreitetste und eine der schädlichsten Vorstellungen zu diesem Notfall. Was jetzt zählt, ist das Instrument — und die Uhr.

Der springende PunktMan kann einen Zungenbiss nicht verhindern — er geschieht im ersten Moment. Was man mit einem Gegenstand im Mund erreicht, sind abgebrochene Zähne, Verletzungen und ein verlegter Atemweg.

Was während des Anfalls zu tun ist

Tun Nicht tun
Instrumente sofort aus dem Mund Etwas zwischen die Zähne schieben
Stuhl flach stellen Den Patienten festhalten
Kopf polstern und schützen Die Zuckungen unterdrücken wollen
Umgebung räumen Den Patienten allein lassen
Auf die Uhr sehen Sofort Medikamente geben

Das Wichtigste in diesem Fall ist das Instrument. Ein Spiegel oder Sauger im Mund einer krampfenden Patientin ist eine Verletzungsquelle — er wird als Erstes entfernt, noch vor allem anderen.

Die Dauer entscheidet über die Einordnung. Ein generalisierter Anfall endet in aller Regel innerhalb weniger Minuten von selbst. Dauert er deutlich länger an, spricht das für einen Status epilepticus — einen Zustand, der eine sofortige notfallmedizinische Behandlung erfordert.

Unter dem Eindruck des Geschehens wird die Dauer erheblich überschätzt. Deshalb: beim Beginn auf die Uhr sehen. Das ist die einzige verlässliche Grundlage für die Entscheidung.

Wann der Notruf abgesetzt wird

Situation Notruf
Anfall dauert deutlich länger als üblich an ja
Erster Anfall überhaupt ja
Kein Wiedererlangen des Bewusstseins ja
Zweiter Anfall ohne dazwischenliegende Erholung ja
Verletzung, Schwangerschaft, unklare Umstände ja
Bekannte Epilepsie, typischer Verlauf, rasches Ende meist nicht erforderlich
⚠️ Was nach dem Anfall kommt

Die postiktale Phase — Verwirrtheit, Müdigkeit, Desorientierung, manchmal über längere Zeit. Das ist kein Zeichen einer Komplikation, sondern gehört dazu. Die Patientin wird in stabile Seitenlage gebracht, beobachtet und nicht allein gelassen. Ansprechen, orientieren, Ruhe geben — und sie fährt an diesem Tag nicht selbst.

Ein Benzodiazepin ist beim verlängerten Anfall angezeigt — in einer Form, die ohne Zugang anwendbar ist, also nasal oder bukkal. Der intravenöse Weg scheidet beim Krampfenden praktisch aus.

Der Zeitpunkt richtet sich nach der Dauer: Bei einem Anfall, der von selbst endet, wird nicht behandelt. Die konkreten Angaben stehen in der Fachinformation und auf der Übersicht im Notfallkoffer. Nach der Gabe wird die Atmung besonders aufmerksam überwacht — Benzodiazepine können sie dämpfen.

Drei Fragen

Eine Patientin mit bekannter Epilepsie krampft im Behandlungsstuhl. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Der Zungenbiss geschieht im ersten Moment und lässt sich nicht verhindern — was man erreicht, sind abgebrochene Zähne, Verletzungen und ein verlegter Atemweg.Offene FrageWas ist in dieser Situation das Dringlichste? Das Instrument aus dem Mund. Ein Spiegel oder Sauger bei einer krampfenden Patientin ist eine unmittelbare Verletzungsquelle.

Wann wird der Notruf abgesetzt?

Drei. Ein typischer Anfall mit raschem Ende bei bekannter Epilepsie erfordert meist keinen Notruf — und die Verwirrtheit danach gehört zum normalen Verlauf.Offene FrageWarum die Uhr? Weil die Dauer unter dem Eindruck des Geschehens erheblich überschätzt wird. Sie ist die einzige verlässliche Grundlage für die Entscheidung.

Was gilt für die postiktale Phase?

Drei. Die Phase gehört zum normalen Verlauf — und nach dem Erwachen braucht es Orientierung und Zeit, nicht die Entlassung.Offene FrageWas ist mit dem Fahren? Nach einem Anfall ist die Fahrtüchtigkeit eingeschränkt. Der Hinweis gehört ins Gespräch, und die Begleitung nach Hause sollte organisiert werden.

Das, was hängenbleiben soll

Instrument raus, Kopf schützen, auf die Uhr sehen — und nichts zwischen die Zähne.

Quellen

  • S1-Leitlinie „Erster epileptischer Anfall und Epilepsien im Erwachsenenalter“ sowie die Leitlinien zum Status epilepticus, federführend Deutsche Gesellschaft für Neurologie.Deckt ab: Vorgehen beim generalisierten Anfall, Kriterien für den Status epilepticus und die Indikation zur notfallmedizinischen Versorgung
  • European Resuscitation Council Guidelines 2025, veröffentlicht im Oktober 2025, deutsche Übersetzung durch den Deutschen Rat für Wiederbelebung — einschließlich der Kapitel zu Basismaßnahmen und zum Vorgehen bei Bewusstlosigkeit.Deckt ab: Lagerung und Atemwegssicherung in der postiktalen Phase
  • Bürgerliches Gesetzbuch §§ 630c bis 630f — Informations-, Aufklärungs- und Dokumentationspflichten.Deckt ab: Dokumentation des Ereignisses und Information des Patienten über die Folgen

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