Notfälle Vertiefung 6 Min

Intrusion und Extrusion

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Zwei entgegengesetzte Verletzungen — und bei einer davon ist das Vorgehen im Milchgebiss genau umgekehrt zum bleibenden Gebiss.

1Warum die Intrusion die schwerste Luxationsform istZwei Strukturen sind zugleich verletzt.
2Wovon das Vorgehen beim bleibenden Zahn abhängtWurzelwachstum und Ausmaß.
3Warum beim Milchzahn abgewartet wirdDer Nachfolger liegt darunter.
4Was den Eltern zu sagen istEine Langzeitperspektive.
6 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen3 Quellen

„Ich sehe ihn kaum noch“

Notfalltermin5 Jahre, Sturz. Der obere Milchschneidezahn ist in die Alveole eingetrieben und nur noch teilweise sichtbar. Die Eltern sind sehr besorgt. „Der Zahn ist weg — ich sehe ihn kaum noch. Ist das schlimm für den bleibenden Zahn?“

Die Frage der Mutter trifft den entscheidenden Punkt. Bei einem Milchzahn geht es weniger um den Milchzahn selbst als um den Keim darunter.

Der springende PunktBeim Milchzahn wird nicht mit Gewalt reponiert — jeder Versuch kann den darunterliegenden Keim zusätzlich schädigen.

Warum die Intrusion die schwerste Form ist

Bei der Intrusion wird der Zahn in den Knochen getrieben. Dabei werden zwei Strukturen zugleich verletzt: der Zahnhalteapparat rings um die Wurzel und das Gefäß-Nerven-Bündel an der Wurzelspitze. Deshalb ist sie die Luxationsform mit der schlechtesten Prognose.

Bleibender Zahn Milchzahn
Grundsatz Reposition, je nach Ausmaß spontan oder aktiv Abwarten
Wovon abhängig Wurzelwachstum und Ausmaß der Intrusion Richtung der Verlagerung
Warum Junge Zähne können spontan wieder durchbrechen Der Keim darunter darf nicht gefährdet werden
Endodontie Bei abgeschlossenem Wurzelwachstum häufig nötig Nur bei Nekrosezeichen

Vor allem vom Stand des Wurzelwachstums. Ein Zahn mit offenem Wurzelwachstum hat eine erhebliche Eigenkraft — er kann von selbst wieder durchbrechen, wenn man ihm Zeit lässt.

Bei abgeschlossenem Wurzelwachstum ist das nicht zu erwarten. Dann wird aktiv reponiert — chirurgisch oder kieferorthopädisch, je nach Ausmaß.

Die zweite Größe ist das Ausmaß: Eine geringe Intrusion hat bessere Aussichten als eine tiefe. Die konkreten Grenzen und Zeiträume stehen in den Traumaleitlinien.

Warum beim Milchzahn abgewartet wird

Unter dem intrudierten Milchzahn liegt der Keim des Nachfolgers. Ein Repositionsversuch bewegt die Milchzahnwurzel — und wenn sie in Richtung des Keims verlagert ist, direkt gegen ihn.

Deshalb wird zuerst geklärt, wohin die Wurzel zeigt. Eine Aufnahme zeigt, ob sie zum Keim hin oder von ihm weg verlagert ist — und das bestimmt sowohl das Risiko als auch die Entscheidung über eine Entfernung.

Richtung der Wurzel Bedeutung
Vom Keim weg, nach labial Günstiger — abwarten ist meist möglich
Zum Keim hin Höheres Risiko — die Entfernung wird erwogen
⚠️ Was den Eltern zu sagen ist

Dass der Milchzahn in vielen Fällen von selbst wieder durchbricht — und dass der Nachfolger geschädigt sein kann, unabhängig davon, was jetzt gemacht wird. Mögliche Folgen sind Verfärbungen des Schmelzes, Formveränderungen oder ein gestörter Durchbruch.

Diese Aufklärung gehört an den Anfang und in die Dokumentation. Eltern, die Jahre später einen fleckigen bleibenden Zahn sehen, erinnern sich an den Sturz — und sie sollten sich auch daran erinnern, dass darüber gesprochen wurde.

Sie läuft bis zum Durchbruch des Nachfolgers — bei einem Fünfjährigen also über Jahre. Das ist der längste Nachsorgezeitraum in diesem Fachgebiet, und er gehört ausdrücklich vereinbart.

Kontrolliert wird der Durchbruchsstand und, wenn er erscheint, der Zustand des Zahns. Ein verzögerter oder ausbleibender Durchbruch ist ein eigener Befund und gehört kieferorthopädisch beurteilt.

Drei Fragen

Ein Milchzahn ist bei einem Fünfjährigen in die Alveole eingetrieben. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Ein Repositionsversuch bewegt die Milchzahnwurzel — und wenn sie zum Keim hin verlagert ist, direkt gegen ihn.Offene FrageWas entscheidet stattdessen? Die Richtung der Verlagerung. Zeigt die Wurzel vom Keim weg, ist Abwarten meist möglich; zeigt sie zum Keim hin, wird die Entfernung erwogen.

Warum ist die Intrusion die schwerste Luxationsform?

Drei. Der Zahn ist nicht immer verloren — insbesondere bei nicht abgeschlossenem Wurzelwachstum bestehen gute Aussichten.Offene FrageWas macht den Unterschied? Der Stand des Wurzelwachstums. Ein Zahn mit offenem Apex hat eine erhebliche Eigenkraft und kann von selbst wieder durchbrechen.

Was gehört in die Aufklärung der Eltern?

Drei. Eine Zusage über den Nachfolger lässt sich nicht geben — und die Nachsorge läuft über Jahre.Offene FrageWarum gehört das früh gesagt? Weil Eltern, die Jahre später einen fleckigen bleibenden Zahn sehen, sich an den Sturz erinnern. Sie sollten sich auch daran erinnern, dass darüber gesprochen wurde.

Das, was hängenbleiben soll

Beim Milchzahn abwarten — der Keim darunter entscheidet.

Quellen

  • Bourguignon C, Cohenca N, Lauridsen E et al. International Association of Dental Traumatology guidelines for the management of traumatic dental injuries: 1. Fractures and luxations. Dental Traumatology 2020; 36: 314–330.Deckt ab: Vorgehen bei Intrusion und Extrusion bleibender Zähne, Abhängigkeit vom Wurzelwachstum und die Schienungsdauer
  • Day PF, Flores MT, O’Connell AC et al. International Association of Dental Traumatology guidelines for the management of traumatic dental injuries: 3. Injuries in the primary dentition. Dental Traumatology 2020; 36: 343–359.Deckt ab: Vorgehen bei Intrusion im Milchgebiss und die Beurteilung der Keimlage
  • S2k-Leitlinie „Therapie des dentalen Traumas bleibender Zähne“, AWMF-Register-Nr. 083-004, Stand 10/2022. Federführend DGZMK und DGMKG.Deckt ab: deutsche Empfehlungen zur Therapie

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