Notfälle Vertiefung 7 Min

Die hypertensive Krise

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Ein hoher Messwert allein entscheidet nichts. Was zählt, ist eine Unterscheidung, die über Klinikeinweisung oder Terminverschiebung entscheidet.

1Welche zwei Situationen zu trennen sindNotfall oder Dringlichkeit.
2Welche Symptome den Unterschied machenSie betreffen die Organe.
3Wann der Eingriff verschoben wirdUnd wann trotzdem behandelt wird.
4Was für das Lokalanästhetikum giltWeniger eindeutig, als oft angenommen.
7 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen3 Quellen

„Das ist normal bei mir“

Vor dem geplanten Eingriff62 Jahre. Die Routinemessung ergibt einen deutlich erhöhten Wert. Er klagt über Kopfschmerzen, neurologisch ist er unauffällig. „Ich hab öfter hohen Blutdruck. Das ist normal bei mir. Können wir trotzdem anfangen?“

Die Kopfschmerzen sind das, was die Situation verändert — nicht die Zahl allein. Bevor entschieden wird, wird allerdings ein zweites Mal gemessen.

Der springende PunktEin hoher Wert ohne Symptome ist etwas anderes als ein hoher Wert mit Symptomen. Diese Unterscheidung trägt die gesamte Entscheidung.

Die zwei Situationen

Hypertensiver Notfall Hypertensive Dringlichkeit
Kennzeichen Stark erhöhter Wert mit Organbeteiligung Stark erhöhter Wert ohne Organbeteiligung
Symptome Neurologisch, kardial, Sehstörung, Atemnot Keine oder unspezifisch
Vorgehen Notruf, sofortige Einweisung Ruhe, Kontrollmessung, ärztliche Abklärung
Zeitrahmen Sofort Zeitnah, nicht als Notfall

Die Organbeteiligung macht den Unterschied — nicht die Höhe des Werts. Ein sehr hoher Wert bei einem beschwerdefreien Patienten ist behandlungsbedürftig, aber kein Notfall. Ein moderater Anstieg mit neurologischen Ausfällen ist einer.

  • Neurologisch: Lähmung, Sprachstörung, Sehstörung, starke Kopfschmerzen mit Übelkeit
  • Kardial: Brustschmerz, Atemnot
  • Vegetativ: ausgeprägte Übelkeit mit Erbrechen

Bei diesen Zeichen ist der Notruf die richtige Maßnahme — nicht die Kontrollmessung. Die Kopfschmerzen im Fallbeispiel sind ein Grenzfall: allein und ohne neurologische Auffälligkeit sprechen sie eher für die Dringlichkeit als für den Notfall.

Die Situation in der Praxis erhöht den Blutdruck: Anspannung, Wartezeit, die Erwartung des Eingriffs. Ein einzelner Wert im Behandlungsstuhl ist deshalb wenig aussagekräftig.

Der Patient wird ruhig hingesetzt, einige Minuten in Ruhe gelassen und dann erneut gemessen — häufig liegt der zweite Wert deutlich niedriger. Erst dieser ist die Grundlage der Entscheidung.

Wann der Eingriff verschoben wird

Situation Vorgehen
Notfallzeichen vorhanden Notruf, keine Behandlung
Hoher Wert, keine Symptome, elektiver Eingriff Verschieben, hausärztliche Abklärung veranlassen
Hoher Wert, dringlicher Eingriff Behandeln — mit Vorsicht und unter Kontrolle
Wert nach Ruhe deutlich niedriger, keine Symptome Behandlung möglich

Der dritte Fall ist der wichtigste. Bei akuten Schmerzen oder einer Infektion ist das Verschieben oft die schlechtere Lösung: Der unbehandelte Schmerz treibt den Blutdruck weiter, und die Infektion schreitet fort. Die Behandlung wird dann durchgeführt — kurz, mit guter Schmerzausschaltung und unter Beobachtung.

⚠️ Was für das Lokalanästhetikum gilt

Der Reflex, bei Bluthochdruck auf vasokonstriktorhaltige Präparate zu verzichten, ist verbreitet — und die Datenlage stützt ihn nur begrenzt. Die im zahnärztlichen Bereich üblichen Mengen sind bei kontrollierter Hypertonie vertretbar, und eine unzureichende Schmerzausschaltung treibt den Blutdruck stärker als der Zusatz.

Was gilt: sparsam dosieren, sorgfältig aspirieren und langsam injizieren. Bei entgleistem Blutdruck oder instabiler kardialer Situation ist Zurückhaltung angezeigt — dann wird aber ohnehin die Frage nach der Behandlungsindikation gestellt.

Drei Fragen

Bei einem Patienten wird vor dem Eingriff ein deutlich erhöhter Blutdruck gemessen. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Ein sehr hoher Wert ohne Symptome ist behandlungsbedürftig, aber kein Notfall — ein moderater Anstieg mit neurologischen Ausfällen ist einer.Offene FrageWarum die Kontrollmessung? Weil die Situation in der Praxis den Blutdruck erhöht. Nach einigen Minuten Ruhe liegt der Wert häufig deutlich niedriger — und erst dieser ist die Grundlage.

Welche Zeichen sprechen für einen hypertensiven Notfall?

Drei. Es geht um Zeichen einer Organbeteiligung — die Einschätzung des Patienten und seine Anspannung gehören nicht dazu.Offene FrageUnd die Kopfschmerzen im Fallbeispiel? Ein Grenzfall. Allein und ohne neurologische Auffälligkeit sprechen sie eher für die Dringlichkeit — sie sind ein Grund, nicht zu behandeln, aber nicht zwingend für den Notruf.

Wann wird trotz erhöhtem Blutdruck behandelt?

Die erste. Der unbehandelte Schmerz treibt den Blutdruck weiter, und die Infektion schreitet fort — das Verschieben ist dann die schlechtere Lösung.Offene FrageWas gilt für die Lokalanästhesie? Sparsam dosieren, sorgfältig aspirieren, langsam injizieren. Ein Verzicht auf den Vasokonstriktor um jeden Preis ist nicht belegt — eine unzureichende Schmerzausschaltung wiegt schwerer.

Das, was hängenbleiben soll

Nicht die Zahl entscheidet, sondern ob Organe beteiligt sind — und gemessen wird zweimal.

Quellen

  • McEvoy JW, McCarthy CP, Bruno RM et al.: 2024 ESC Guidelines for the management of elevated blood pressure and hypertension. European Heart Journal 2024; 45(38): 3912–4018 — Abgrenzung von hypertensiver Entgleisung und hypertensivem Notfall ab 180/110 mmHg. DOIDeckt ab: Definition und Abgrenzung des hypertensiven Notfalls von der hypertensiven Dringlichkeit sowie das jeweils vorgesehene Vorgehen
  • Guimaraes CC, Lopes LC, Bergamaschi CC et al.: Local anaesthetics combined with vasoconstrictors in patients with cardiovascular disease undergoing dental procedures – systematic review and meta-analysis. BMJ Open 2021; 11(7): e044357 — Sicherheit vasokonstriktorhaltiger Lokalanästhetika bei kardiovaskulärer Vorerkrankung. DOIDeckt ab: Bewertung vasokonstriktorhaltiger Lokalanästhetika bei kardiovaskulär vorerkrankten Patienten
  • Bürgerliches Gesetzbuch §§ 630c bis 630f — Informations-, Aufklärungs- und Dokumentationspflichten.Deckt ab: Aufklärung über die Verschiebung eines Eingriffs und deren Dokumentation

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