Notfälle Vertiefung 7 Min

Anaphylaxie

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Der Notfall, bei dem eine einzige Maßnahme über das Ergebnis entscheidet — und bei dem die häufigste Fehlbehandlung darin besteht, mit etwas anderem anzufangen.

1Woran du sie erkennstUnd was sie von der Synkope trennt.
2Warum Adrenalin zuerst kommtUnd warum es nicht verzögert werden darf.
3Warum intramuskulär in den OberschenkelZwei Gründe, beide praktisch.
4Warum der Patient in die Klinik mussAuch wenn es ihm wieder gut geht.
7 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen4 Quellen

„Der Hals schwillt an!“

Kurz nach der Antibiotikagabe35 Jahre. Innerhalb weniger Minuten Quaddeln am Hals, Kribbeln der Zunge, abfallender Blutdruck, beschleunigter Puls. „Sie wird blass und sagt, ihr ist schwindelig und der Hals schwillt an!“

Der beschleunigte Puls und die Hautveränderung zusammen sind eindeutig — und die anschwellende Zunge macht die Lage dringlich.

Der springende PunktAdrenalin sofort. Nicht nach der Blutdruckmessung, nicht nach dem Zugang, nicht nach dem Antihistaminikum. Jede Verzögerung verschlechtert die Aussicht.

Woran du sie erkennst

Organsystem Zeichen
Haut Quaddeln, Rötung, Juckreiz, Schwellung
Atemwege Schwellung von Zunge oder Rachen, Heiserkeit, pfeifende Atmung
Kreislauf Blutdruckabfall, beschleunigter Puls, Blässe
Magen-Darm Übelkeit, Erbrechen, Krämpfe

Nicht alle Systeme müssen betroffen sein. Eine rasch fortschreitende Reaktion mit Beteiligung von Atemwegen oder Kreislauf genügt — auf die Hautzeichen zu warten, wäre gefährlich, denn bei einem Teil der Fälle fehlen sie.

Der Puls und die Haut. Bei der vasovagalen Synkope ist der Puls verlangsamt und die Haut blass und kaltschweißig, aber ohne Ausschlag. Bei der Anaphylaxie ist der Puls beschleunigt, und Quaddeln oder Rötung sind meist vorhanden.

Dazu kommt der Verlauf: Die Synkope bessert sich in Flachlagerung rasch. Die Anaphylaxie tut das nicht — sie schreitet fort.

Im Zweifel gilt Adrenalin. Eine Adrenalingabe bei einer Synkope ist unangenehm, aber beherrschbar. Eine unterlassene Adrenalingabe bei einer Anaphylaxie kann tödlich sein.

Warum Adrenalin zuerst kommt

Es wirkt auf genau die Mechanismen, die den Patienten gefährden: Es verengt die erweiterten Gefäße, hebt den Blutdruck, erweitert die Bronchien, mindert die Schwellung und dämpft die weitere Mediatorfreisetzung. Kein anderes Präparat leistet das.

Maßnahme Reihenfolge
Zufuhr des Auslösers stoppen Sofort
Adrenalin intramuskulär Sofort — vor allem anderen
Notruf Parallel durch eine zweite Person
Lagerung Flach mit erhöhten Beinen; bei Atemnot sitzend
Sauerstoff Danach
Antihistaminikum, Glukokortikoid Ergänzend, wenn Zeit und Zugang es erlauben
Adrenalin wiederholen Bei ausbleibender Besserung

Zwei Gründe. Erstens braucht dieser Weg keinen venösen Zugang — und den zu legen kostet bei einem kreislaufinstabilen Patienten Minuten, die nicht zur Verfügung stehen.

Zweitens wird der Wirkstoff aus dem seitlichen Oberschenkelmuskel zuverlässiger und schneller resorbiert als aus dem Oberarm. Der Muskel ist gut durchblutet und groß genug, um die Menge aufzunehmen.

Die Injektion erfolgt durch die Kleidung, wenn nötig. Die intravenöse Gabe ist Rettungsdienst und Klinik vorbehalten — sie erfordert eine andere Verdünnung, und eine Verwechslung an dieser Stelle ist gefährlich.

Antihistaminika wirken auf die Hautsymptome und den Juckreiz — nicht auf den Blutdruckabfall und nicht auf die Atemwegsschwellung. Glukokortikoide wirken mit erheblicher Verzögerung.

Beide sind sinnvoll, aber keine der beiden darf die Adrenalingabe verzögern. Wer erst den Zugang legt, um das Antihistaminikum zu geben, hat die entscheidende Maßnahme aufgeschoben. Die Leitlinie ist an dieser Stelle eindeutig.

Warum der Patient in die Klinik muss

Auch wenn es ihm nach dem Adrenalin wieder gut geht: Eine zweiphasige Reaktion ist möglich — die Symptome kehren nach Stunden zurück, ohne dass der Auslöser erneut wirkt. Der Patient gehört deshalb in jedem Fall zur Überwachung.

⚠️ Was in die Akte gehört

Der vermutete Auslöser, deutlich sichtbar. Diese Information verhindert die Wiederholung — und sie ist bei der nächsten Behandlung, möglicherweise in einer anderen Praxis, die einzige Warnung. Dazu die Empfehlung an den Patienten, den Verdacht allergologisch abklären zu lassen und einen Allergiepass zu führen.

Den Auslöser mit Uhrzeit der Gabe, den Zeitpunkt der ersten Symptome, alle verabreichten Medikamente mit Dosis und Uhrzeit, und den Verlauf.

Besonders wichtig ist der Zeitpunkt der Adrenalingabe — davon hängt ab, wann die nächste möglich ist. Diese Angaben werden schriftlich mitgegeben, nicht nur gesagt.

Drei Fragen

Eine Patientin entwickelt kurz nach der Medikamentengabe Quaddeln, Zungenkribbeln und Blutdruckabfall. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Den Zugang zu legen kostet bei einem kreislaufinstabilen Patienten Minuten, die nicht zur Verfügung stehen — und die intramuskuläre Gabe braucht ihn nicht.Offene FrageWarum der Oberschenkel? Der seitliche Oberschenkelmuskel ist gut durchblutet und resorbiert zuverlässiger und schneller als der Oberarm. Die Injektion erfolgt notfalls durch die Kleidung.

Was unterscheidet die Anaphylaxie von der vasovagalen Synkope?

Drei. Blässe und Schwindel kommen bei beiden vor — der Puls und die Hautzeichen trennen sie.Offene FrageWas gilt im Zweifel? Adrenalin. Eine Gabe bei einer Synkope ist unangenehm, aber beherrschbar — eine unterlassene Gabe bei einer Anaphylaxie kann tödlich sein.

Welchen Stellenwert haben Antihistaminikum und Glukokortikoid?

Die erste. Antihistaminika wirken auf Haut und Juckreiz, nicht auf Blutdruck und Atemwegsschwellung — und Glukokortikoide wirken mit erheblicher Verzögerung.Offene FrageWas ist die häufigste Fehlbehandlung? Erst den Zugang legen, um das Antihistaminikum zu geben. Damit ist die entscheidende Maßnahme aufgeschoben.

Das, was hängenbleiben soll

Adrenalin zuerst, intramuskulär in den Oberschenkel — alles andere kommt danach.

Quellen

  • S2k-Leitlinie „Akuttherapie und Management der Anaphylaxie“, AWMF-Register-Nr. 061-025 — Schweregradeinteilung, Stellenwert des Adrenalins und Bewertung der ergänzenden Medikamente.Deckt ab: Erkennung, Schweregradeinteilung und Akuttherapie der Anaphylaxie, Stellenwert des intramuskulär verabreichten Adrenalins und Bewertung der ergänzenden Medikamente
  • European Resuscitation Council Guidelines 2025 — Kreislaufstillstand unter besonderen Umständen, einschließlich der Abschnitte zu Anaphylaxie und Vergiftungen.Deckt ab: Vorgehen beim Kreislaufstillstand infolge einer Anaphylaxie
  • Fachinformation des jeweils vorgehaltenen Präparats zu Adrenalin, Antihistaminikum und Glukokortikoid — maßgebliche Angaben zu Indikation, Dosierung und Kontraindikationen.Deckt ab: Angaben zu Adrenalin und den ergänzend eingesetzten Präparaten
  • Bürgerliches Gesetzbuch §§ 630c bis 630f — Informations-, Aufklärungs- und Dokumentationspflichten.Deckt ab: Dokumentation des Ereignisses und Kennzeichnung des Auslösers in der Patientenakte

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