Myofunktionstherapie
Schritt 1 ·
Was du danach erklären kannst
Wenn eine kieferorthopädische Behandlung nicht vorankommt, liegt es manchmal nicht an der Apparatur. Eine Kraft, die tausendmal am Tag wirkt, lässt sich nicht mit einem Gerät überstimmen.
„Woran liegt das?“
Möglicherweise an dem, was du gerade gesehen hast — und diese Beobachtung ist die wertvollste Information, die du an die behandelnde Praxis geben kannst.
Woran du es erkennst
Das Kind etwas trinken lassen und den Schluckvorgang beobachten. Beim somatischen, also reifen Schluckmuster liegt die Zunge am Gaumen an, die Zähne haben Kontakt, die Gesichtsmuskulatur bleibt entspannt.
Beim dysfunktionellen Muster wird die Zunge nach vorn gegen oder zwischen die Frontzähne gepresst. Häufig ist dabei die Muskulatur um den Mund sichtbar angespannt. Der Handgriff dauert zwanzig Sekunden — man muss ihn nur machen.
Solange das Muster besteht, arbeitet die Behandlung gegen eine Kraft, die jeden Tag zurückwirkt — mit dem Ergebnis, dass der Fortschritt ausbleibt oder das Ergebnis nach Behandlungsende zurückgeht. Das ist der Grund, warum ein offener Biss mit persistierendem Zungenpressen als besonders rezidivgefährdet gilt.
Zur Datenlage: Die vorliegenden Übersichtsarbeiten sind heterogen, die Studien klein und die Endpunkte unterschiedlich definiert. Die Aussagesicherheit ist entsprechend begrenzt. Was sich sagen lässt: Solange das Muster besteht, ist mit einem Rezidiv zu rechnen — und die Therapie ist der einzige Weg, es zu ändern.
Was deine Aufgabe ist
| Schritt | Inhalt |
|---|---|
| Erkennen | Schluckvorgang beobachten — bei jedem Kind mit offenem Biss |
| Dokumentieren | Den Befund beschreiben, nicht nur vermuten |
| Mitteilen | An die behandelnde kieferorthopädische Praxis |
| Weiterleiten | Logopädische Abklärung, in Abstimmung |
Übungen selbst anleiten. Die myofunktionelle Therapie ist ein strukturiertes Programm über Monate, mit Anpassung an den Fortschritt — einzelne Übungen aus dem Zusammenhang gerissen wirken nicht und erwecken den Eindruck, das Thema sei erledigt. Deine Leistung ist die Beobachtung, und die ist wertvoll genug.
Drei Fragen
Bei einem zehnjährigen Kind mit funktionskieferorthopädischer Behandlung ist der Fortschritt gering, beim Schlucken presst die Zunge gegen die Frontzähne. Welche Aussage trifft nicht zu?
Wie unterscheidest du die Schluckmuster?
Was ist deine Aufgabe bei diesem Befund?
Das, was hängenbleiben soll
Quellen
- Homem MA, Vieira-Andrade RG, Falci SGM, Ramos-Jorge ML, Marques LS: Effectiveness of orofacial myofunctional therapy in orthodontic patients – a systematic review. Dental Press Journal of Orthodontics 2014; 19(4): 94–99 — Wirksamkeit bei orofazialen Dysfunktionen; vier eingeschlossene Studien, alle mit hohem Verzerrungsrisiko. DOIDeckt ab: Wirksamkeit myofunktioneller Therapie bei orofazialen Dysfunktionen und die Grenzen der Datenlage
- S2k-Leitlinie „Ideale Zeitpunkte und Maßnahmen der kieferorthopädischen Diagnostik“, AWMF-Registernummer 083-050, Stand Juni 2025, federführend Deutsche Gesellschaft für Kieferorthopädie und DGZMK.Deckt ab: Erhebung des Schluckmusters und der Zungenlage im Rahmen der funktionellen Befundung
- S3-Leitlinie „Ideale Behandlungszeitpunkte kieferorthopädischer Anomalien“, AWMF-Register-Nr. 083-038, Stand Dezember 2021, gültig bis Dezember 2026. Federführend Deutsche Gesellschaft für Kieferorthopädie und DGZMK.Deckt ab: Bedeutung persistierender Dysfunktionen für den Behandlungserfolg und das Rezidivrisiko
- Bürgerliches Gesetzbuch §§ 630c bis 630f — Informations-, Aufklärungs- und Dokumentationspflichten.Deckt ab: Aufklärung über die Voraussetzungen eines dauerhaften Behandlungsergebnisses
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