Kieferorthopädie Vertiefung 6 Min

Habits und offener Biss

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Die Abgewöhnung selbst steht in der Kinderzahnheilkunde. Hier geht es um das, was danach kommt — und um einen zweiten Habit, der weiterwirkt, wenn der erste längst beendet ist.

1Warum die Reihenfolge unumstößlich istBehandlung vor Habitbeseitigung heißt Rezidiv.
2Wie lange nach der Abgewöhnung gewartet wirdDer Biss schließt sich manchmal von selbst.
3Welcher Habit übersehen wirdEr ist unsichtbar, wenn man nicht darauf achtet.
4Wann eine zweite Berufsgruppe dazugehörtBei einem Befund, den die Kieferorthopädie allein nicht löst.
6 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen4 Quellen

„Und wenn sie das nicht schafft?“

Recall8 Jahre, frontal offener Biss von etwa fünf Millimetern. Das Daumenlutschen besteht weiter, beim Schlucken ist ein Pressen der Zunge gegen die Frontzähne erkennbar. „Der Kieferorthopäde sagt, wir sollen zuerst das Daumenlutschen abgewöhnen. Aber was ist, wenn sie das nicht schafft?“

Dann bleibt der Biss offen — und eine Behandlung, die vorher beginnt, hält nicht. Die zweite Beobachtung der Mutter ist dabei die wichtigere.

Der springende PunktDas Zungenpressen hält den offenen Biss auch dann offen, wenn der Daumen längst nicht mehr im Spiel ist. Es wird regelmäßig übersehen.

Warum die Reihenfolge feststeht

Solange ein Habit weiterwirkt, arbeitet jede Korrektur gegen eine fortbestehende Kraft. Das Ergebnis ist absehbar: Rezidiv nach Behandlungsende. Deshalb steht die Habitbeseitigung vor jeder kieferorthopädischen Maßnahme — nicht aus Prinzip, sondern weil die Reihenfolge über das Ergebnis entscheidet.

Nach der Abgewöhnung folgt eine Beobachtungszeit. Wird das Habit beendet, bevor die bleibenden Frontzähne durchgebrochen sind, ist eine weitgehende Spontankorrektur möglich — der Biss schließt sich von selbst. Erst wenn sich über einen längeren Zeitraum keine Tendenz zeigt, wird über eine Behandlung entschieden.

Das Zungenpressen beim Schlucken. Die Zunge wird gegen oder zwischen die Frontzähne gedrückt und hält den offenen Biss offen — unabhängig davon, ob noch am Daumen gelutscht wird. Sichtbar ist es nur, wenn man das Kind beim Schlucken beobachtet, und danach muss man aktiv schauen. Ein offener Biss, der nach erfolgreicher Daumenabgewöhnung bestehen bleibt, hat häufig genau diese Ursache.

Ein Schluckmuster lässt sich nicht mit einer Apparatur abstellen. Hier ist die myofunktionelle Therapie gefragt — logopädisch begleitet, mit Übungen zur Zungenlage und zum Schluckvorgang. Eine kieferorthopädische Behandlung ohne diese Begleitung läuft gegen dieselbe Kraft wie zuvor. Die Einzelheiten stehen in der Lektion zur Myofunktionstherapie.

Die Abfolge

Schritt Inhalt
1 · Habits vollständig erfassen Lutschen, Zungenpressen, Lippenbeißen, Mundatmung — alle vier prüfen
2 · Abgewöhnung Verhaltensbezogen; die Einzelheiten stehen in der Kinderlektion zu Habits
3 · Beobachtungszeit Auf eine Tendenz zum Bissschluss warten
4 · Neubewertung Erst danach über eine kieferorthopädische Behandlung entscheiden
5 · Bei fortbestehendem Zungenpressen Myofunktionelle Therapie parallel zur Behandlung
⚠️ Was du der Mutter auf ihre Frage antwortest

Nicht, dass es dann eben nicht geht. Sondern: dass es Wege gibt, die Abgewöhnung zu unterstützen, und dass eine Apparatur zur Erinnerung möglich ist — allerdings nur mit Einverständnis des Kindes. Und dass die Zeit noch reicht: Der Bezugspunkt ist der Durchbruch der bleibenden Frontzähne, nicht ein Geburtstag.

Drei Fragen

Bei einem achtjährigen Kind besteht ein offener Biss, das Daumenlutschen dauert an und beim Schlucken ist Zungenpressen erkennbar. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Eine Korrektur gegen eine fortbestehende Kraft führt absehbar zum Rezidiv. Erst die Ursache, dann die Bewertung.Offene FrageWie lange beobachtet man? Bis eine Tendenz zum Bissschluss erkennbar wird oder klar ist, dass keine kommt. Eine feste Frist gibt es nicht — der Verlauf entscheidet, und die kieferorthopädische Praxis legt ihn fest.

Welche Habits gehören erfasst?

Drei. Knirschen und Nägelkauen sind eigene Befunde mit anderen Folgen — für den offenen Biss sind die drei genannten maßgeblich.Offene FrageWarum wird das Zungenpressen so oft übersehen? Weil man es nur beim Schlucken sieht und aktiv danach schauen muss. Ein offener Biss, der nach erfolgreicher Daumenabgewöhnung bestehen bleibt, hat häufig genau diese Ursache.

Was folgt bei fortbestehendem Zungenpressen?

Die erste. Ein Schluckmuster lässt sich nicht mit einer Apparatur abstellen — es muss umgelernt werden. Eine Behandlung ohne diese Begleitung läuft gegen dieselbe Kraft wie zuvor.Offene FrageWie erfolgreich ist das? Es braucht Übung und Mitarbeit über Monate, und nicht bei jedem Kind gelingt es. Was sich sagen lässt: Ohne den Versuch ist das Rezidiv nach der kieferorthopädischen Behandlung wahrscheinlich.

Das, was hängenbleiben soll

Erst der Habit, dann der Biss — und die Zunge zählt auch dann, wenn der Daumen längst weg ist.

Quellen

  • S3-Leitlinie „Ideale Behandlungszeitpunkte kieferorthopädischer Anomalien“, AWMF-Register-Nr. 083-038, Stand Dezember 2021, gültig bis Dezember 2026. Federführend Deutsche Gesellschaft für Kieferorthopädie und DGZMK.Deckt ab: Behandlungszeitpunkt beim offenen Biss, Stellenwert der Habitbeseitigung und Zeitraum bis zur Neubewertung
  • S2k-Leitlinie „Ideale Zeitpunkte und Maßnahmen der kieferorthopädischen Diagnostik“, AWMF-Registernummer 083-050, Stand Juni 2025, federführend Deutsche Gesellschaft für Kieferorthopädie und DGZMK.Deckt ab: Erhebung funktioneller Befunde einschließlich Zungenlage und Schluckmuster
  • Richtlinien des Bundesausschusses der Zahnärzte und Krankenkassen für die kieferorthopädische Behandlung, in der Fassung vom 4. Juni 2003 und 24. September 2003, in Kraft getreten am 1. Januar 2004 einschließlich der kieferorthopädischen Indikationsgruppen.Deckt ab: Einstufung des offenen Bisses in die Indikationsgruppen
  • Bürgerliches Gesetzbuch §§ 630c bis 630f — Informations-, Aufklärungs- und Dokumentationspflichten.Deckt ab: Aufklärung über die Voraussetzungen einer erfolgreichen Behandlung

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