Kieferorthopädie Grundlagen 6 Min

Angle-Klassen erkennen und dokumentieren

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Die Einteilung ist über hundert Jahre alt und immer noch die gemeinsame Sprache zwischen allgemeinzahnärztlicher und kieferorthopädischer Praxis. Sie hat zwei Tücken, die im Studium selten erklärt werden.

1Woran du sie festmachstEin Referenzpunkt, ein Blick.
2Was die Untertypen der Klasse II unterscheidenZwei Bilder mit gegensätzlichem Erscheinungsbild.
3Warum du rechts und links getrennt notierstAsymmetrie ist der Regelfall, nicht die Ausnahme.
4Was die Einteilung nicht sagtÜber die Kieferbasen sagt sie nichts.
6 MinutenGrundlagen3 Selbstcheck-Fragen4 Quellen

„Wie erkenne ich das schnell und sicher?“

Recall12 Jahre. Eine Kollegin in der Assistenzzeit soll die Okklusionsbeziehung bestimmen und ist unsicher. „Wie erkenne ich die Angle-Klasse schnell und sicher?“

Über einen einzigen Referenzpunkt — und über die Disziplin, beide Seiten getrennt zu betrachten.

Der springende PunktDie Einteilung beschreibt die Lage der Zahnreihen zueinander. Über die Lage der Kieferbasen sagt sie nichts — das ist eine eigene Frage.

Der Referenzpunkt

Bestimmt wird an den ersten bleibenden Molaren. Referenz ist der mesiobukkale Höcker des oberen Sechsers und seine Lage zur bukkalen Fissur des unteren Sechsers.

Klasse Befund Gebräuchliche Bezeichnung
I Der Höcker steht in der bukkalen Fissur des unteren Sechsers Neutralbiss
II Der untere Sechser steht weiter distal Distalbiss
III Der untere Sechser steht weiter mesial Mesialbiss

Klasse I heißt nicht unauffällig. Engstand, Rotationen, Kreuzbiss und offener Biss kommen bei regelrechter Molarenbeziehung genauso vor. Die Einteilung beschreibt eine einzige Größe — nicht den Gesamtbefund.

Sie sehen gegensätzlich aus und werden trotzdem beide als Klasse II geführt.

Typ 1: Die oberen Frontzähne sind nach vorn gekippt, der Overjet vergrößert, der Lippenschluss oft nicht entspannt möglich. Das ist das Bild, das Eltern als „vorstehende Zähne“ beschreiben.

Typ 2: Die oberen Frontzähne sind nach hinten gekippt, der Biss tief. Ästhetisch fällt das oft kaum auf — die Bisstiefe kann trotzdem behandlungsbedürftig sein. Genau deshalb wird dieser Typ häufiger übersehen.

Eine asymmetrische Okklusionsbeziehung ist häufig. Ein Befund wie „rechts Klasse I, links Klasse II“ ist keine Besonderheit, sondern ein alltäglicher Eintrag. Wer nur eine Seite notiert, dokumentiert einen Befund, den es so nicht gibt — und die empfangende Praxis muss neu erheben. Zwischenstufen werden als halbe Prämolarenbreite beschrieben.

Was die Einteilung nicht leistet

Sie beschreibt, wo die Zähne stehen — nicht, warum. Eine Klasse II kann entstehen, weil der Unterkiefer zurückliegt, weil der Oberkiefer vorsteht oder weil nur die Zähne gekippt sind. Diese Unterscheidung entscheidet über die Behandlungsmöglichkeiten und ist eine eigene Frage.

⚠️ Warum das im Gespräch zählt

Eltern hören „Klasse II“ und verstehen eine Diagnose mit klarer Konsequenz. Tatsächlich ist es eine Beschreibung, aus der sich noch keine Behandlung ableitet. Wer das nicht trennt, weckt Erwartungen, die die kieferorthopädische Praxis anschließend korrigieren muss.

Drei Fragen

Bei einem zwölfjährigen Kind bestimmst du die Okklusionsbeziehung. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Engstand, Rotationen, Kreuzbiss und offener Biss kommen bei regelrechter Molarenbeziehung genauso vor. Die Einteilung beschreibt eine einzige Größe.Offene FrageWas erfasst sie dann überhaupt? Die sagittale Lage der Zahnreihen zueinander — eine wichtige Größe, aber nur eine von mehreren. Deshalb steht sie im Befund neben Overjet, Overbite und den übrigen Angaben, nicht an ihrer Stelle.

Welche Aussagen zu den Untertypen der Klasse II treffen zu?

Drei. Der vergrößerte Overjet kennzeichnet Typ 1; bei Typ 2 sind die Frontzähne nach hinten gekippt. Und der Untertyp ergibt sich aus der Frontzahnstellung, nicht aus der Molarenbeziehung.Offene FrageWarum wird Typ 2 häufiger übersehen? Weil er ästhetisch unauffälliger wirkt — die Zähne stehen nicht vor. Die Bisstiefe kann trotzdem behandlungsbedürftig sein, und die Palatinalschleimhaut kann Schaden nehmen.

Wie dokumentierst du eine asymmetrische Okklusionsbeziehung?

Die erste. Eine asymmetrische Beziehung ist häufig, und ein Befund wie „rechts Klasse I, links Klasse II“ ist ein alltäglicher Eintrag.Offene FrageWas folgt daraus für die Behandlung? Das entscheidet die kieferorthopädische Praxis — aber sie kann es nur, wenn der Befund die Asymmetrie überhaupt abbildet. Ein zusammengefasster Befund zwingt zur erneuten Erhebung.

Das, was hängenbleiben soll

Ein Referenzpunkt, zwei Seiten getrennt — und über die Kieferbasen sagt sie nichts.

Quellen

  • S2k-Leitlinie „Ideale Zeitpunkte und Maßnahmen der kieferorthopädischen Diagnostik“, AWMF-Registernummer 083-050, Stand Juni 2025, federführend Deutsche Gesellschaft für Kieferorthopädie und DGZMK.Deckt ab: Erhebung und Dokumentation der sagittalen Okklusionsbeziehung im Rahmen der Befunderhebung
  • S3-Leitlinie „Ideale Behandlungszeitpunkte kieferorthopädischer Anomalien“, AWMF-Register-Nr. 083-038, Stand Dezember 2021, gültig bis Dezember 2026. Federführend Deutsche Gesellschaft für Kieferorthopädie und DGZMK.Deckt ab: Behandlungszeitpunkte bei Klasse-II- und Klasse-III-Anomalien
  • Lombardo G, Vena F, Negri P et al. Worldwide prevalence of malocclusion in the different stages of dentition: a systematic review and meta-analysis. European Journal of Paediatric Dentistry 2020 — Prävalenzdaten, auf die sich die S3-Leitlinie stützt.Deckt ab: Häufigkeit der Anomalieklassen im Wechselgebiss
  • Richtlinien des Bundesausschusses der Zahnärzte und Krankenkassen für die kieferorthopädische Behandlung, in der Fassung vom 4. Juni 2003 und 24. September 2003, in Kraft getreten am 1. Januar 2004 einschließlich der kieferorthopädischen Indikationsgruppen; die Ausprägungsgrade 3 bis 5 lösen eine Leistungspflicht der gesetzlichen Krankenversicherung aus.Deckt ab: Zuordnung der sagittalen Abweichungen zu den Indikationsgruppen

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