Angle-Klassen erkennen und dokumentieren
Schritt 1 ·
Was du danach erklären kannst
Die Einteilung ist über hundert Jahre alt und immer noch die gemeinsame Sprache zwischen allgemeinzahnärztlicher und kieferorthopädischer Praxis. Sie hat zwei Tücken, die im Studium selten erklärt werden.
„Wie erkenne ich das schnell und sicher?“
Über einen einzigen Referenzpunkt — und über die Disziplin, beide Seiten getrennt zu betrachten.
Der Referenzpunkt
Bestimmt wird an den ersten bleibenden Molaren. Referenz ist der mesiobukkale Höcker des oberen Sechsers und seine Lage zur bukkalen Fissur des unteren Sechsers.
| Klasse | Befund | Gebräuchliche Bezeichnung |
|---|---|---|
| I | Der Höcker steht in der bukkalen Fissur des unteren Sechsers | Neutralbiss |
| II | Der untere Sechser steht weiter distal | Distalbiss |
| III | Der untere Sechser steht weiter mesial | Mesialbiss |
Klasse I heißt nicht unauffällig. Engstand, Rotationen, Kreuzbiss und offener Biss kommen bei regelrechter Molarenbeziehung genauso vor. Die Einteilung beschreibt eine einzige Größe — nicht den Gesamtbefund.
Typ 1: Die oberen Frontzähne sind nach vorn gekippt, der Overjet vergrößert, der Lippenschluss oft nicht entspannt möglich. Das ist das Bild, das Eltern als „vorstehende Zähne“ beschreiben.
Typ 2: Die oberen Frontzähne sind nach hinten gekippt, der Biss tief. Ästhetisch fällt das oft kaum auf — die Bisstiefe kann trotzdem behandlungsbedürftig sein. Genau deshalb wird dieser Typ häufiger übersehen.
Was die Einteilung nicht leistet
Sie beschreibt, wo die Zähne stehen — nicht, warum. Eine Klasse II kann entstehen, weil der Unterkiefer zurückliegt, weil der Oberkiefer vorsteht oder weil nur die Zähne gekippt sind. Diese Unterscheidung entscheidet über die Behandlungsmöglichkeiten und ist eine eigene Frage.
Eltern hören „Klasse II“ und verstehen eine Diagnose mit klarer Konsequenz. Tatsächlich ist es eine Beschreibung, aus der sich noch keine Behandlung ableitet. Wer das nicht trennt, weckt Erwartungen, die die kieferorthopädische Praxis anschließend korrigieren muss.
Drei Fragen
Bei einem zwölfjährigen Kind bestimmst du die Okklusionsbeziehung. Welche Aussage trifft nicht zu?
Welche Aussagen zu den Untertypen der Klasse II treffen zu?
Wie dokumentierst du eine asymmetrische Okklusionsbeziehung?
Das, was hängenbleiben soll
Quellen
- S2k-Leitlinie „Ideale Zeitpunkte und Maßnahmen der kieferorthopädischen Diagnostik“, AWMF-Registernummer 083-050, Stand Juni 2025, federführend Deutsche Gesellschaft für Kieferorthopädie und DGZMK.Deckt ab: Erhebung und Dokumentation der sagittalen Okklusionsbeziehung im Rahmen der Befunderhebung
- S3-Leitlinie „Ideale Behandlungszeitpunkte kieferorthopädischer Anomalien“, AWMF-Register-Nr. 083-038, Stand Dezember 2021, gültig bis Dezember 2026. Federführend Deutsche Gesellschaft für Kieferorthopädie und DGZMK.Deckt ab: Behandlungszeitpunkte bei Klasse-II- und Klasse-III-Anomalien
- Lombardo G, Vena F, Negri P et al. Worldwide prevalence of malocclusion in the different stages of dentition: a systematic review and meta-analysis. European Journal of Paediatric Dentistry 2020 — Prävalenzdaten, auf die sich die S3-Leitlinie stützt.Deckt ab: Häufigkeit der Anomalieklassen im Wechselgebiss
- Richtlinien des Bundesausschusses der Zahnärzte und Krankenkassen für die kieferorthopädische Behandlung, in der Fassung vom 4. Juni 2003 und 24. September 2003, in Kraft getreten am 1. Januar 2004 einschließlich der kieferorthopädischen Indikationsgruppen; die Ausprägungsgrade 3 bis 5 lösen eine Leistungspflicht der gesetzlichen Krankenversicherung aus.Deckt ab: Zuordnung der sagittalen Abweichungen zu den Indikationsgruppen
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