Kieferorthopädie Vertiefung 7 Min

Aligner in der allgemeinzahnärztlichen Praxis

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Patienten fragen danach, weil sie es aus der Werbung kennen. Was das Verfahren kann, ist gut untersucht — und die Grenzen liegen dort, wo sie am wenigsten erwartet werden.

1Welche Bewegungen gut gelingenUnd welche schlecht.
2Warum die Fallauswahl über alles entscheidetSie ist die eigentliche Leistung.
3Was die Aufklärung umfassen mussAuch das, was das Verfahren nicht kann.
4Warum die Tragezeit hier besonders wiegtDie Schienenfolge verzeiht nichts.
7 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen4 Quellen

„Können Sie das auch?“

Sprechstunde28 Jahre, leichter Engstand der Unterkieferfront nach einer kieferorthopädischen Behandlung in der Jugend, der Retainer ist vor Jahren verloren gegangen. „Meine Freundin hat das mit diesen durchsichtigen Schienen gemacht. Können Sie das auch?“

Möglicherweise — dieser Fall gehört zu denen, die dafür geeignet sind. Die Frage ist trotzdem nicht, ob du es kannst, sondern ob dieser Fall es hergibt.

Der springende PunktDie Fallauswahl ist die eigentliche Leistung. Ein ungeeigneter Fall wird durch eine gute Schienenserie nicht geeignet — er scheitert nur später und teurer.

Was gut gelingt und was nicht

Gelingt gut Gelingt schlecht
Kippung von Kronen Körperliche Bewegung über größere Strecken
Leichte Rotationen Rotation runder Zähne, insbesondere von Prämolaren
Lückenschluss in geringem Umfang Extrusion von Frontzähnen
Korrektur leichter Engstände Aufrichtung stark gekippter Zähne
Rezidivkorrektur nach Vorbehandlung Bisshebung bei tiefem Biss

Der gemeinsame Nenner der schwierigen Bewegungen: Sie brauchen einen Angriffspunkt, den eine glatte Schiene nicht bietet. Deshalb arbeiten die Systeme mit aufgeklebten Attachments — die den Zugriff verbessern, das Grundproblem aber nicht aufheben.

Bei einer festsitzenden Behandlung lässt sich unterwegs nachjustieren. Eine Schienenserie ist dagegen im Voraus geplant: Was die Planung nicht vorsieht, passiert nicht. Erweist sich die Planung als zu optimistisch, bleibt nur eine neue Serie — mit neuer Wartezeit und neuen Kosten.

Daraus folgt: Die Entscheidung, welcher Fall geeignet ist, fällt vor Behandlungsbeginn und ist nicht korrigierbar. Genau deshalb ist sie die anspruchsvollste Leistung im ganzen Verfahren — und nicht das Einsetzen der Schienen.

Jede Schiene ist auf einen definierten Bewegungsschritt ausgelegt und setzt voraus, dass der vorherige vollständig umgesetzt wurde. Wird zu wenig getragen, sitzt die nächste Schiene nicht mehr passgenau — und die Abweichung summiert sich über die Serie. Anders als bei einer Platte, wo eine schlechte Woche nur die Behandlung verlängert, kann sie hier die gesamte Planung entwerten.

Was besprochen gehört

Punkt Inhalt
Erreichbares Ergebnis Konkret auf diesen Fall bezogen, nicht allgemein
Was das Verfahren nicht kann Gehört ausdrücklich dazu
Alternativen Festsitzende Behandlung, kieferorthopädische Beurteilung
Tragezeit Und die Folgen unzureichender Mitarbeit für die gesamte Serie
Retention danach Ohne sie kommt der Befund zurück — hier besonders relevant
⚠️ Der Punkt, der im Fallbeispiel entscheidend ist

Die Patientin hat schon einmal ein Rezidiv erlebt, weil der Retainer verloren ging. Eine erneute Korrektur ohne anschließende Retention führt zum selben Ergebnis. Die Retention gehört deshalb nicht ans Ende der Aufklärung, sondern an den Anfang — sie ist bei diesem Fall die Bedingung, nicht die Nachsorge.

Drei Fragen

Eine 28-Jährige mit leichtem Engstand nach früherer Behandlung fragt nach Aligner-Therapie. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Jede Schiene setzt voraus, dass der vorherige Schritt umgesetzt wurde. Zu wenig Tragezeit führt dazu, dass die nächste Schiene nicht mehr passt — die Abweichung summiert sich über die Serie.Offene FrageWas tut man dann? Im günstigen Fall einen Schritt zurückgehen und die vorherige Schiene länger tragen. Im ungünstigen braucht es eine neue Serie — mit neuer Planung, neuer Wartezeit und neuen Kosten.

Welche Bewegungen gelingen mit Alignern eher schlecht?

Drei. Die schwierigen Bewegungen brauchen einen Angriffspunkt, den eine glatte Schiene nicht bietet — Attachments verbessern das, heben es aber nicht auf.Offene FrageWarum ist gerade die Rotation runder Zähne schwierig? Weil eine Schiene an einer runden Oberfläche keinen Hebel findet. Bei einem Frontzahn mit flacher Labialfläche ist das anders — deshalb gelingen Rotationen dort besser.

Was ist bei diesem Fall die Bedingung für ein dauerhaftes Ergebnis?

Die erste. Die Patientin hat bereits ein Rezidiv erlebt, weil der Retainer verloren ging. Ohne Retention führt eine erneute Korrektur zum selben Ergebnis.Offene FrageWie lange? Die Retention nach kieferorthopädischer Behandlung ist auf Dauer angelegt — dazu gibt es eine eigene Lektion. Bei einem Patienten mit dokumentiertem Rezidiv ist das kein theoretisches Argument.

Das, was hängenbleiben soll

Die Fallauswahl ist die Behandlung — alles danach ist Ausführung.

Quellen

  • Papageorgiou SN, Koletsi D, Iliadi A, Peltomäki T, Eliades T: Treatment outcome with orthodontic aligners and fixed appliances – a systematic review with meta-analyses. European Journal of Orthodontics 2020; 42(3): 331–343 — erreichbare Zahnbewegungen, Behandlungsdauer und Grenzen beider Verfahren. DOIDeckt ab: erreichbare Zahnbewegungen mit Alignern, Grenzen des Verfahrens und Vergleich mit festsitzenden Apparaturen
  • Gesetz über die Ausübung der Zahnheilkunde sowie die Berufsordnungen der Landeszahnärztekammern — Grundsatz, Behandlungen nur im Rahmen der eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten durchzuführen.Deckt ab: Behandlung im Rahmen der eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten
  • Bürgerliches Gesetzbuch §§ 630a bis 630f — Behandlungsvertrag, geschuldeter fachlicher Standard, Aufklärung und Dokumentation.Deckt ab: Aufklärung über erreichbares Ergebnis, Alternativen und Mitwirkungspflichten
  • S3-Leitlinie „Ideale Behandlungszeitpunkte kieferorthopädischer Anomalien“, AWMF-Register-Nr. 083-038, Stand Dezember 2021, gültig bis Dezember 2026. Federführend Deutsche Gesellschaft für Kieferorthopädie und DGZMK.Deckt ab: Einordnung der Befunde, für die eine kieferorthopädische Behandlung angezeigt ist

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