Deutschland altert. Die Gruppe der über-70-Jährigen wächst — und mit ihr die Zahl der Patienten mit komplexen Allgemeinerkrankungen, Polypharmazie und eingeschränkter Selbstpflege. Zahnärzte die geriatrische Besonderheiten kennen und berücksichtigen, versorgen ihre älteren Patienten deutlich besser.
Über 500 Medikamente können als Nebenwirkung Mundtrockenheit (Xerostomie) verursachen. Häufige Gruppen: Antihypertensiva (besonders ACE-Hemmer, Beta-Blocker), Antihistaminika, Antidepressiva (TCA), Diuretika, Parkinson-Medikamente, Chemotherapeutika. Bei Patienten die viele Medikamente nehmen und über Mundtrockenheit klagen: immer Medikamentenliste prüfen.
Xerostomie hat erhebliche Folgen: Speichel hat antibakterielle, remineralisierende und Schutzfunktionen. Ohne ausreichend Speichel: erhöhtes Kariesrisiko (besonders Wurzelkaries), Candida-Infektionen, Prothesenprobleme (Prothese hält nicht mehr). Therapie: Ursache wenn möglich behandeln, Speichelersatzmittel, Fluorid intensivieren.
Rezessionen sind im Alter physiologisch — exponiertes Wurzeldentin hat weichere, porösere Schicht als Schmelz. Wurzelkaries entwickelt sich schnell und ist schwerer zu füllen als koronale Karies. Prophylaxe: tägliche hochdosierte Fluoridanwendung (z.B. Elmex Gelee), quartalsweise Fluoridlack. Restauration: Glasionomerzement oder Kompomer oft besser geeignet als Komposit (einfachere Technik, Fluorid-Release).
Arthritis, Tremor, Schlaganfall-Folgen, Demenz: all das beeinträchtigt die Fähigkeit effektiv Zähne zu putzen. Hilfsmittel: elektrische Zahnbürste mit großem Griff, Halterungen für Zahnbürsten, Schaumstoff-Mundpflegestäbchen für bettlägerige Patienten. Angehörige und Pflegepersonal instruieren. Mundhygiene als Bestandteil der Pflegeplanung thematisieren.
Immobile ältere Patienten können die Praxis nicht aufsuchen. Mobile Zahnheilkunde (Hausbesuche, Behandlung in Pflegeeinrichtungen) ist abrechenbar (BEMA Ä60 + Wegegebühr) und medizinisch oft dringend notwendig. Viele Praxen scheuen den Aufwand — aber der Bedarf ist erheblich und wächst. Eine sinnvolle Erweiterung des Leistungsangebots für sozial engagierte Praxen.