Kiefergelenk im OPG — Kondylus und Asymmetrie
Schritt 1 ·
Was du danach erklären kannst
Ein Patient fragt, ob man sein Knacken auf dem Bild sieht. Die ehrliche Antwort ist nein — und die Begründung ist zugleich die wichtigste Information dieser Lektion.
„Sieht man das auf dem Bild?“
Die knöcherne Veränderung sieht man — das Knacken nicht. Und die häufigste Ursache für sein Knacken ist auf dieser Aufnahme grundsätzlich nicht darstellbar.
Was erkennbar ist und was nicht
| Erkennbar | Nicht erkennbar |
|---|---|
| Form und Kontur des Kondylus | Der Diskus und seine Lage |
| Seitenunterschiede in der Größe | Der Gelenkspalt in seiner tatsächlichen Weite |
| Grobe Veränderungen der Kortikalis | Entzündliche Weichgewebsveränderungen |
| Frakturen bei entsprechender Ausdehnung | Feine knöcherne Veränderungen |
Die Darstellung ist zudem eingeschränkt. Der Kondylus liegt am Rand des dargestellten Bereichs, wird von Nachbarstrukturen überlagert und projektionsbedingt verzerrt. Ein unauffälliges Bild schließt eine Veränderung deshalb nicht aus.
- Abflachung — die runde Kontur ist verstrichen
- Randanbauten — knöcherne Ausziehungen an der Gelenkfläche
- Verdichtung der Knochenstruktur unter der Gelenkfläche
- Unterbrechungen der Kortikalis — Substanzverlust an der Oberfläche
Diese Veränderungen sprechen für einen degenerativen Prozess. Sie sagen allerdings wenig über die Beschwerden: Es gibt Patienten mit ausgeprägten knöchernen Veränderungen ohne Symptome und Patienten mit erheblichen Beschwerden bei unauffälligem Knochen.
Deshalb gilt: Der Befund wird beschrieben, aber er ersetzt die klinische Funktionsdiagnostik nicht — und diese ist bei kraniomandibulären Beschwerden die eigentliche Grundlage.
Wann weiterführende Bildgebung sinnvoll ist
| Fragestellung | Geeignetes Verfahren |
|---|---|
| Diskuslage und Weichgewebe | Magnetresonanztomographie |
| Knöcherne Strukturen im Detail | Dreidimensionale Röntgenbildgebung |
| Verlauf einer bekannten Veränderung | Vergleich mit der Voraufnahme |
| Keine therapeutische Konsequenz absehbar | Keine weitere Bildgebung |
Die letzte Zeile ist die häufigste. Bei kraniomandibulären Beschwerden steht am Anfang die klinische Funktionsdiagnostik, und die Behandlung beginnt in der Regel unabhängig von einer Bildgebung. Eine Aufnahme, die das Vorgehen nicht ändert, ist nicht gerechtfertigt — auch wenn der Patient sie erwartet.
Ein deutlicher Größenunterschied der Kondylen ist ein eigener Befund. Er kann auf eine Wachstumsstörung, eine überschießende Entwicklung einer Seite oder eine Veränderung nach einem Trauma hinweisen — und er gehört fachlich beurteilt.
Vorsicht ist allerdings geboten: Die Panoramaaufnahme verzerrt seitenabhängig, und eine leicht asymmetrische Kopfpositionierung erzeugt scheinbare Größenunterschiede. Bevor eine Asymmetrie als Befund gewertet wird, gehört die Bildqualität geprüft.
Drei Fragen
Ein Patient mit Kiefergelenkbeschwerden fragt, ob man sein Knacken auf dem Bild sieht. Welche Aussage trifft nicht zu?
Welche knöchernen Veränderungen sind erkennbar?
Wann ist keine weiterführende Bildgebung angezeigt?
Das, was hängenbleiben soll
Quellen
- Schiffman E, Ohrbach R, Truelove E et al.: Diagnostic Criteria for Temporomandibular Disorders (DC/TMD) for Clinical and Research Applications. Journal of Oral & Facial Pain and Headache 2014; 28(1): 6–27 — strukturierte Diagnostik, Aussagekraft der Panoramaschichtaufnahme und Indikation zur weiterführenden Bildgebung. DOIDeckt ab: bildgebende Diagnostik bei kraniomandibulären Dysfunktionen, Aussagekraft der Panoramaschichtaufnahme und Indikation zur weiterführenden Bildgebung
- S3-Leitlinie „Indikationen zur implantologischen 3D-Röntgendiagnostik und navigationsgestützten Implantologie“, AWMF-Registernummer 083-011 sowie die S2k-Leitlinie „Dentale digitale Volumentomographie“, AWMF-Register-Nr. 083-005.Deckt ab: Abgrenzung der dreidimensionalen von der zweidimensionalen Darstellung
- Bürgerliches Gesetzbuch §§ 630c bis 630f — Informations-, Aufklärungs- und Dokumentationspflichten.Deckt ab: Dokumentation des Befunds und der veranlassten Weiterleitung
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