Notfälle Vertiefung 6 Min

Thrombozytopenie

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Eine Patientin, bei der beides riskant ist — behandeln und nicht behandeln. Die Abwägung fällt anders aus, als der Blick auf den Laborwert nahelegt.

1Was der Wert bedeutetUnd wo die praktischen Grenzen liegen.
2Warum die Infektion schwerer wiegtDas entscheidende Argument.
3Was vor dem Eingriff möglich istUnd mit wem das abgestimmt wird.
4Was die lokale Blutstillung leistetMehr, als man erwartet.
6 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen4 Quellen

„Können Sie das machen?“

Anruf aus der Onkologie62 Jahre, Chemotherapie wegen einer hämatologischen Erkrankung. Ein Abszess an 46 erfordert die Extraktion, die Thrombozytenzahl ist deutlich erniedrigt. Der behandelnde Onkologe: „Der Abszess muss behandelt werden — können Sie das machen?“

Die Frage ist richtig gestellt: nicht ob behandelt wird, sondern wie. Der Abszess bei einer Patientin unter Chemotherapie ist das größere Risiko.

Der springende PunktEine Infektion bei eingeschränkter Immunabwehr gefährdet die Patientin mehr als eine beherrschbare Blutung — und sie kann die onkologische Behandlung verzögern.

Was der Wert bedeutet

Bereich Praktische Einordnung
Normal Keine besonderen Maßnahmen
Mäßig erniedrigt Eingriff mit erweiterten lokalen Maßnahmen möglich
Deutlich erniedrigt Abstimmung mit der hämatologisch-onkologischen Seite
Stark erniedrigt Elektive Eingriffe zurückstellen

Die genauen Grenzwerte werden in den Leitlinien genannt und je nach Eingriffsart unterschiedlich bewertet. Was für die Praxis zählt: Der Wert allein entscheidet nicht — die Dringlichkeit des Eingriffs gehört dagegen abgewogen.

Bei einer Patientin unter Chemotherapie ist die Immunabwehr eingeschränkt. Eine odontogene Infektion kann sich unter diesen Bedingungen rasch ausbreiten — und sie kann dazu führen, dass der nächste Chemotherapiezyklus verschoben werden muss.

Damit steht auf der einen Seite eine Blutung, die sich mit lokalen Mitteln beherrschen lässt, und auf der anderen eine Infektion, die die onkologische Behandlung gefährdet. Diese Abwägung fällt zugunsten des Eingriffs aus — und genau deshalb ruft der Onkologe an.

Was vor dem Eingriff möglich ist

Option Anmerkung
Thrombozytensubstitution vor dem Eingriff Wenn möglich — die onkologische Seite entscheidet
Eingriff im klinischen Umfeld Bei sehr niedrigen Werten oder komplexer Lage
Ambulant mit maximaler lokaler Blutstillung Wenn eine Substitution nicht in Betracht kommt

Die Entscheidung fällt gemeinsam. Was die Zahnarztpraxis beisteuert, ist die Einschätzung des zahnärztlichen Befunds und der zu erwartenden Blutung — was die onkologische Seite beisteuert, ist die Einschätzung des Gesamtrisikos und die Möglichkeit der Substitution.

⚠️ Was die lokale Blutstillung leistet

Mehr, als man erwartet. Atraumatische Technik, sorgfältige Naht, resorbierbares Material und antifibrinolytische Maßnahmen beherrschen auch bei erniedrigter Thrombozytenzahl die meisten Blutungen. Der Aufwand ist höher, das Ergebnis in der Regel gut.

Was dazugehört: kein Analgetikum aus der Gruppe, die die Thrombozytenfunktion zusätzlich hemmt — dasselbe wie bei der Hämophilie.

Drei Fragen

Eine Patientin unter Chemotherapie mit deutlich erniedrigter Thrombozytenzahl benötigt eine Extraktion wegen eines Abszesses. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Eine odontogene Infektion kann sich bei eingeschränkter Immunabwehr rasch ausbreiten — und den nächsten Chemotherapiezyklus verzögern.Offene FrageWas steht auf beiden Seiten? Eine Blutung, die sich lokal beherrschen lässt — und eine Infektion, die die onkologische Behandlung gefährdet. Deshalb ruft der Onkologe an.

Welche Optionen bestehen vor dem Eingriff?

Drei. Ein Antibiotikum erreicht den Eiter nicht — und ein Zurückstellen über Monate ist bei einem Abszess keine Option.Offene FrageWer entscheidet was? Die Zahnarztpraxis schätzt den zahnärztlichen Befund und die zu erwartende Blutung ein, die onkologische Seite das Gesamtrisiko und die Substitutionsmöglichkeit.

Was leistet die lokale Blutstillung bei erniedrigter Thrombozytenzahl?

Die erste. Atraumatische Technik, sorgfältige Naht, resorbierbares Material und antifibrinolytische Maßnahmen wirken auch hier.Offene FrageWas gehört noch dazu? Kein Analgetikum aus der Gruppe, die die Thrombozytenfunktion zusätzlich hemmt — dasselbe wie bei der Hämophilie.

Das, was hängenbleiben soll

Die Infektion wiegt schwerer als die Blutung — und lokal geht mehr, als man denkt.

Quellen

  • Matzdorff A, Meyer O, Ostermann H et al.: Immunthrombozytopenie – Aktuelle Diagnostik und Therapie. Empfehlungen einer gemeinsamen Arbeitsgruppe von DGHO, ÖGHO, SGH, GPOH und DGTI. Oncology Research and Treatment 2018; 41(Suppl. 2): 5–36 — Einordnung der Thrombozytenzahl und des daraus folgenden Blutungsrisikos. DOIDeckt ab: Einordnung der Thrombozytenzahl und Indikationsstellung zur Substitution vor invasiven Eingriffen
  • S3-Leitlinie „Zahnärztliche Chirurgie unter oraler Antikoagulation/Thrombozytenaggregationshemmung“, AWMF-Registernummer 083-018 — lokale Blutstillungsmaßnahmen und ihr Stellenwert gegenüber systemischen Eingriffen. AWMFDeckt ab: lokale Blutstillungsverfahren bei erhöhtem Blutungsrisiko
  • Fachinformation des jeweils vorgehaltenen Präparats zu den verwendeten Analgetika, einschließlich der Angaben zur Thrombozytenaggregationshemmung — maßgebliche Angaben zu Indikation, Dosierung und Kontraindikationen.Deckt ab: Angaben zu den kontraindizierten Analgetika
  • Bürgerliches Gesetzbuch §§ 630c bis 630f — Informations-, Aufklärungs- und Dokumentationspflichten.Deckt ab: Dokumentation der Abstimmung und der Risikoabwägung

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