Notfälle Vertiefung 6 Min

Nachblutung nach dem Eingriff

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Der häufigste Anruf im Notdienst — und einer, bei dem die Einschätzung am Telefon schwierig ist, weil die Wahrnehmung des Patienten systematisch täuscht.

1Warum die Menge überschätzt wirdSpeichel macht aus wenig viel.
2Was du am Telefon fragstVier Fragen, die die Dringlichkeit klären.
3Welche Erstmaßnahme wirktUnd welcher Fehler sie zunichtemacht.
4Was in der Praxis passiertAufsteigend, in fester Reihenfolge.
6 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen4 Quellen

„Ich verliere so viel Blut“

Anruf am Abend52 Jahre, Extraktion am Mittag. Sie ruft aufgeregt an, der Mund sei voller Blut. Sie nimmt einen oralen Gerinnungshemmer. „Ich verliere so viel Blut — ich glaube da stimmt was nicht!“

Die Aufregung ist typisch und die Menge meist geringer, als sie wirkt. Ein Umstand ändert die Einschätzung allerdings: die Antikoagulation.

Der springende PunktBlut mischt sich mit Speichel und färbt ihn vollständig rot. Wenige Milliliter sehen aus wie eine bedrohliche Blutung — das täuscht Patienten praktisch immer.

Was du am Telefon fragst

Frage Was die Antwort verrät
Tropft es oder läuft es? Die tatsächliche Stärke
Ist Ihnen schwindelig, sind Sie blass? Kreislaufrelevanz — das entscheidende Zeichen
Nehmen Sie blutverdünnende Medikamente? Verändert die Einschätzung vollständig
Seit wann und wie lange schon? Anhaltend über Stunden ist etwas anderes als seit zehn Minuten

Die zweite Frage ist die wichtigste. Schwindel und Blässe sind Zeichen einer kreislaufrelevanten Blutung — und die einzige Angabe, die der Patient zuverlässig machen kann. Die Blutmenge kann er nicht einschätzen, sein Befinden schon.

Eine Tupferrolle auf die Wunde, feste und ununterbrochene Kompression über etwa zwanzig Minuten, aufrecht sitzend. Das genügt in den meisten Fällen.

Der Fehler, der sie zunichtemacht, ist das Zwischendurchnachschauen. Jedes Anheben des Tupfers reißt das beginnende Gerinnsel ab und setzt den Vorgang zurück. Die Uhr ist hier nützlicher als das Auge — und diese Ansage gehört ausdrücklich mit.

Ebenso wichtig: nicht spülen. Spülen löst das Koagel, das sich gerade bildet. Viele Patienten tun genau das, weil der Blutgeschmack unangenehm ist.

Was in der Praxis passiert

Stufe Maßnahme
1 Alveole von Koagelresten befreien, die Blutungsquelle lokalisieren
2 Naht — oder Nachnähen, wenn die vorhandene locker ist
3 Resorbierbares Material in die Alveole einlegen
4 Antifibrinolytische Spülung, anschließend getränkter Tupfer zum Aufbeißen
5 Kompression unter Beobachtung in der Praxis

Ein Punkt wird häufig übersehen: der Blutdruck. Eine hypertensive Lage verschlimmert jede Blutung — und bei einem aufgeregten Patienten, der seit Stunden blutet, ist sie wahrscheinlich. Die Messung gehört dazu.

⚠️ Wann in die Klinik

Bei Schwindel oder Blässe, bei einer Blutung, die sich mit lokalen Maßnahmen nicht beherrschen lässt, bei einem sich ausbreitenden Hämatom — und bei einer bekannten Gerinnungsstörung, bei der die lokalen Mittel ausgeschöpft sind. Bei antikoagulierten Patienten steht dafür ein eigenes Vorgehen zur Verfügung; die Einzelheiten stehen in der nächsten Lektion.

Drei Fragen

Eine Patientin ruft abends wegen einer Nachblutung an. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Jedes Anheben reißt das beginnende Gerinnsel ab und setzt den Vorgang zurück — die Uhr ist nützlicher als das Auge.Offene FrageWarum überschätzen Patienten die Menge? Weil sich Blut mit Speichel mischt und ihn vollständig rot färbt. Wenige Milliliter sehen aus wie eine bedrohliche Blutung.

Was gehört zur telefonischen Einschätzung?

Drei. Die Farbe und erst recht eine Mengenangabe kann der Patient nicht zuverlässig einschätzen — sein Befinden schon.Offene FrageWarum ist die dritte Frage so wichtig? Weil eine Antikoagulation die Einschätzung vollständig verändert — ein solcher Patient wird bestellt, auch bei scheinbar geringer Blutung.

Welcher Punkt wird in der Praxis häufig übersehen?

Die erste. Eine hypertensive Lage verschlimmert jede Blutung — und bei einem aufgeregten Patienten, der seit Stunden blutet, ist sie wahrscheinlich.Offene FrageWas folgt daraus? Wird ein deutlich erhöhter Wert gemessen, gehört er mitbehandelt — sonst arbeitet die lokale Blutstillung gegen einen Druck, der sie immer wieder aufhebt.

Das, was hängenbleiben soll

Speichel täuscht, Schwindel nicht — zwanzig Minuten drücken ohne nachzuschauen.

Quellen

  • S3-Leitlinie „Zahnärztliche Chirurgie unter oraler Antikoagulation/Thrombozytenaggregationshemmung“, AWMF-Registernummer 083-018 — lokale Blutstillungsmaßnahmen und ihr Stellenwert gegenüber systemischen Eingriffen. AWMFDeckt ab: Verfahren der lokalen Blutstillung und ihre Wirksamkeit
  • S3-Leitlinie „Zahnärztliche Chirurgie unter oraler Antikoagulation/Thrombozytenaggregationshemmung“, AWMF-Register-Nr. 083-018, federführend DGZMK und DGMKG — einschließlich der Empfehlung, die Antikoagulation für einfache zahnärztlich-chirurgische Eingriffe nicht zu unterbrechen.Deckt ab: Vorgehen bei Nachblutung unter antithrombotischer Medikation
  • Mathers FG: Notfallmedizin in der zahnärztlichen Praxis – Praxisbuch mit Checklisten, Algorithmen, Rechtsgrundlagen. 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Deutscher Zahnärzteverlag, Köln. ISBN 978-3-7691-3771-2 — Ausstattung, Organisation und Vorgehen.Deckt ab: telefonische Einschätzung und Vorgehen in der Praxis
  • Bürgerliches Gesetzbuch §§ 630c bis 630f — Informations-, Aufklärungs- und Dokumentationspflichten.Deckt ab: Dokumentation des Ereignisses und der eingeleiteten Maßnahmen

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