Notfälle Vertiefung 6 Min

Hyperglykämie und diabetisches Koma

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Der seltenere der beiden Stoffwechselnotfälle — und der, bei dem die Unterscheidung schwerfällt. Für den Zweifelsfall gibt es eine klare Regel.

1Woran du sie erkennstVier Zeichen, die sich von der Unterzuckerung unterscheiden.
2Warum sie langsamer kommtUnd was das für die Praxis bedeutet.
3Was im Zweifel giltDie Regel, die den Zweifel auflöst.
4Was du tun kannstWeniger, als man denkt — und das ist richtig so.
6 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen3 Quellen

„Der schläft fast und riecht komisch“

Im Wartezimmer71 Jahre, Diabetes. Er wirkt schläfrig, der Atem riecht süßlich-fruchtig, die Haut ist trocken, er schwitzt nicht. „Der Patient im Wartezimmer schläft fast und riecht irgendwie komisch.“

Die Kombination aus trockener Haut, süßlichem Atemgeruch und langsamer Entwicklung passt zur Überzuckerung — und unterscheidet sie von der Unterzuckerung.

Der springende PunktDie Unterzuckerung kommt in Minuten und macht feucht und zittrig. Die Überzuckerung kommt über Stunden bis Tage und macht trocken und ruhig.

Die Unterscheidung

Merkmal Unterzuckerung Überzuckerung
Entwicklung Minuten Stunden bis Tage
Haut feucht, kaltschweißig trocken
Verhalten zittrig, unruhig, gereizt ruhig, zunehmend schläfrig
Atem unauffällig süßlich-fruchtiger Geruch möglich
Atmung unauffällig vertieft
Durst nicht typisch ausgeprägt, mit vermehrtem Wasserlassen

Bei der Überzuckerung ist nicht der Zuckermangel im Gehirn das Problem, sondern eine Entgleisung des gesamten Stoffwechsels: Der Körper kann den vorhandenen Zucker nicht verwerten, greift auf Fettreserven zurück und übersäuert dabei. Dieser Prozess läuft über Stunden bis Tage.

Für die Praxis heißt das: Ein akuter Zusammenbruch durch Überzuckerung während der Behandlung ist ungewöhnlich. Der typische Fall ist ein Patient, der bereits entgleist zum Termin kommt — wie im Fallbeispiel, im Wartezimmer.

Was im Zweifel gilt

Wenn ein Messgerät verfügbar ist, wird gemessen — das beendet die Unsicherheit. Wenn nicht, gilt eine Regel, die auf den ersten Blick paradox wirkt:

Im Zweifel Zucker geben. Bei einer Unterzuckerung rettet das den Patienten. Bei einer Überzuckerung ändert die kleine zusätzliche Menge kurzfristig nichts an einer Lage, die ohnehin notfallmedizinisch versorgt wird.

Voraussetzung bleibt die Schluckfähigkeit — auch hier kommt beim Bewusstlosen nichts in den Mund.

Was du bei Überzuckerung tun kannst Was nicht
Notruf absetzen Insulin geben
Bewusstsein und Atmung überwachen Auf Besserung warten
Beim wachen Patienten Wasser anbieten Den Eingriff durchführen
Beim Bewusstlosen stabile Seitenlage
⚠️ Warum kein Insulin

Auch wenn der Patient sein eigenes dabei hat: Die Behandlung der Entgleisung erfordert eine kontrollierte Korrektur mit Flüssigkeitsersatz und Überwachung der Elektrolyte. Eine Insulingabe ohne diese Begleitung kann den Zustand verschlechtern. Das gehört in die Klinik.

Drei Fragen

Ein Patient mit Diabetes wirkt schläfrig, die Haut ist trocken, der Atem riecht süßlich. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Die Behandlung erfordert kontrollierte Korrektur mit Flüssigkeitsersatz und Überwachung der Elektrolyte — eine Insulingabe ohne diese Begleitung kann den Zustand verschlechtern.Offene FrageWas bleibt dann? Notruf, Überwachung von Bewusstsein und Atmung, beim wachen Patienten Wasser. Das ist wenig, und es ist richtig so.

Welche Merkmale unterscheiden Über- von Unterzuckerung?

Drei. Blässe und verwaschene Sprache kommen bei beiden vor und trennen die Diagnosen nicht.Offene FrageWarum ist die Entwicklungsgeschwindigkeit so aussagekräftig? Weil das Gehirn keine Zuckerreserve hat — bei Unterzuckerung sind die Auswirkungen in Minuten da. Die Überzuckerung ist eine Stoffwechselentgleisung über Tage.

Was gilt, wenn kein Messgerät verfügbar ist und die Diagnose unklar bleibt?

Die erste. Bei Unterzuckerung rettet das den Patienten; bei Überzuckerung ändert die kleine Menge kurzfristig nichts an einer Lage, die ohnehin notfallmedizinisch versorgt wird.Offene FrageUnd wenn er bewusstlos ist? Dann kommt nichts in den Mund — auch hier nicht. Dann gilt stabile Seitenlage, Notruf und, bei Verdacht auf Unterzuckerung, Glukagon intramuskulär.

Das, was hängenbleiben soll

Trocken und langsam heißt zu hoch, feucht und schnell heißt zu tief — im Zweifel Zucker.

Quellen

  • Nationale VersorgungsLeitlinie Typ-2-Diabetes, AWMF-Registernummer nvl-001, Version 3.0, Stand Dezember 2024 — Erkennung und Behandlung von Hypo- und Hyperglykämien. AWMFDeckt ab: Kennzeichen der hyperglykämischen Stoffwechselentgleisung und ihre Abgrenzung von der Hypoglykämie
  • European Resuscitation Council Guidelines 2025, veröffentlicht im Oktober 2025, deutsche Übersetzung durch den Deutschen Rat für Wiederbelebung — einschließlich der Kapitel zu Basismaßnahmen und zum Vorgehen bei Bewusstlosigkeit.Deckt ab: Vorgehen bei Bewusstseinstrübung und Alarmierung
  • Mathers FG: Notfallmedizin in der zahnärztlichen Praxis – Praxisbuch mit Checklisten, Algorithmen, Rechtsgrundlagen. 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Deutscher Zahnärzteverlag, Köln. ISBN 978-3-7691-3771-2 — Ausstattung, Organisation und Vorgehen.Deckt ab: Vorgehen bei Stoffwechselentgleisungen in der zahnärztlichen Praxis

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