Kieferorthopädie Grundlagen 6 Min

Die KIG-Einstufung

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Eltern fragen, ab wann die Kasse zahlt. Das System dahinter lässt sich in drei Sätzen erklären — und der wichtigste davon betrifft die Grenze deiner eigenen Auskunft.

1Wie das System aufgebaut istBefundgruppen und Grade — zwei Dimensionen.
2Wo die Grenze der Leistungspflicht liegtAb einem bestimmten Grad.
3Warum ein Messwert allein nicht entscheidetDie Einstufung sieht den ganzen Befund.
4Was du sagen kannst und was nichtDer Unterschied zwischen erklären und zusagen.
6 MinutenGrundlagen3 Selbstcheck-Fragen3 Quellen

„Ab welchem Grad zahlt die Kasse?“

RecallDer Vater eines Jungen mit deutlich vergrößertem Overjet fragt nach der Kostenübernahme. „Ab welchem Grad zahlt die Kasse? Und hat mein Sohn das?“

Die erste Frage lässt sich beantworten, die zweite nicht abschließend — und diese Unterscheidung ist die eigentliche Auskunft.

Der springende PunktEin einzelner Messwert entscheidet die Einstufung nicht. Sie berücksichtigt mehrere Befundgruppen und wird nach dem vollständig erhobenen Befund vorgenommen.

Wie das System aufgebaut ist

Die Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses ordnet kieferorthopädische Befunde in Befundgruppen — etwa für sagittale, vertikale und transversale Abweichungen, für Engstand, für Zahnunterzahl und für kraniofaziale Anomalien. Jede Gruppe hat fünf Ausprägungsgrade.

Grad Bedeutung
1 und 2 geringe Ausprägung — keine Leistungspflicht der gesetzlichen Krankenversicherung
3 bis 5 ausgeprägter Befund — Leistungspflicht besteht

Maßgeblich ist die höchste erreichte Einstufung. Ein Patient kann in einer Befundgruppe Grad 2 und in einer anderen Grad 4 erreichen — dann ist Grad 4 maßgeblich. Deshalb lässt sich aus einem einzelnen Wert nicht auf das Ergebnis schließen.

Zwei Gründe. Erstens erfordert die Einstufung den vollständig erhobenen kieferorthopädischen Befund — nicht nur die Werte, die du im Screening erhebst. Zweitens hat sie unmittelbare Folgen: Von ihr hängt ab, ob die Behandlung als Kassenleistung erbracht wird.

Eine Zusage, die sich nicht bestätigt, belastet das Verhältnis zur Familie und zur weiterbehandelnden Praxis. Und eine unzutreffende Entwarnung — „das reicht wahrscheinlich nicht“ — kann dazu führen, dass eine Familie gar nicht erst vorstellig wird.

Was du sagen kannst

Statt Besser
„Das reicht für die Kasse“ „Der Befund ist deutlich ausgeprägt — die Einstufung nimmt die KFO-Praxis vor“
„Das zahlt die Kasse nicht“ „Ob das für eine Kostenübernahme reicht, entscheidet die Einstufung“
„Das ist KIG 3″ „Es gibt fünf Grade, ab dem dritten übernimmt die Kasse“
⚠️ Wenn Eltern auf eine Einschätzung drängen

Dann hilft die ehrliche Auskunft, dass die Einstufung mehrere Befundgruppen berücksichtigt und deshalb dort erfolgt, wo der Befund vollständig erhoben wird. Das ist keine Ausflucht — es ist der Grund, warum eine Vorstellung überhaupt stattfindet.

Drei Fragen

Ein Vater fragt nach der Kostenübernahme für seinen Sohn mit vergrößertem Overjet. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Die Einstufung berücksichtigt mehrere Befundgruppen und wird nach dem vollständig erhobenen Befund vorgenommen.Offene FrageWarum ist das mehr als eine Formalität? Weil ein Patient in einer Gruppe Grad 2 und in einer anderen Grad 4 erreichen kann. Wer nur den Overjet betrachtet, übersieht möglicherweise die Gruppe, die tatsächlich entscheidet.

Warum stufst du nicht selbst ein?

Drei. Es geht nicht um ein Verbot und nicht um Komplexität, sondern um die Grundlage: Sie liegt im vollständigen Befund, und der wird dort erhoben, wo die Behandlung geplant wird.Offene FrageKannst du das System trotzdem erklären? Selbstverständlich — und das ist auch der Sinn dieser Lektion. Erklären und Einstufen sind zwei verschiedene Dinge.

Wie beantwortest du die Frage des Vaters fachlich sauber?

Die erste. Sie beantwortet die allgemeine Frage und benennt zugleich, warum die konkrete offenbleibt. Nicht einzugehen lässt den Vater ohne Information, und die Krankenkasse kann die Frage ebenfalls nicht beantworten.Offene FrageWarum kann die Krankenkasse das nicht? Weil sie den Befund nicht kennt. Sie prüft den eingereichten Behandlungsplan — und der setzt die Einstufung bereits voraus.

Das, was hängenbleiben soll

Fünf Grade, ab drei zahlt die Kasse — und eingestuft wird nach dem ganzen Befund.

Quellen

  • Richtlinien des Bundesausschusses der Zahnärzte und Krankenkassen für die kieferorthopädische Behandlung, in der Fassung vom 4. Juni 2003 und 24. September 2003, in Kraft getreten am 1. Januar 2004 einschließlich der Anlage zu den kieferorthopädischen Indikationsgruppen; die Einstufung erfolgt nach Befundgruppen mit jeweils fünf Ausprägungsgraden, ab Grad 3 besteht eine Leistungspflicht der gesetzlichen Krankenversicherung.Deckt ab: Systematik der kieferorthopädischen Indikationsgruppen, Befundgruppen und Ausprägungsgrade sowie die Grenze der Leistungspflicht
  • Sozialgesetzbuch Fünftes Buch, § 12 und § 29 — Wirtschaftlichkeitsgebot sowie kieferorthopädische Behandlung einschließlich der Regelung zum Eigenanteil und dessen Erstattung nach Abschluss der Behandlung.Deckt ab: gesetzliche Grundlage der kieferorthopädischen Behandlung in der vertragszahnärztlichen Versorgung
  • S2k-Leitlinie „Ideale Zeitpunkte und Maßnahmen der kieferorthopädischen Diagnostik“, AWMF-Registernummer 083-050, Stand Juni 2025, federführend Deutsche Gesellschaft für Kieferorthopädie und DGZMK.Deckt ab: Befunde, die für die Einstufung erhoben werden

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