Kieferorthopädie Vertiefung 6 Min

Myofunktionstherapie

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Wenn eine kieferorthopädische Behandlung nicht vorankommt, liegt es manchmal nicht an der Apparatur. Eine Kraft, die tausendmal am Tag wirkt, lässt sich nicht mit einem Gerät überstimmen.

1Woran du das Schluckmuster erkennstEin Handgriff, der zwanzig Sekunden dauert.
2Warum die Apparatur dagegen nicht ankommtEine Frage von Kraft mal Häufigkeit.
3Was die Therapie leistetUnd wie belastbar die Datenlage dazu ist.
4Was deine Aufgabe dabei istErkennen und weiterleiten — mehr nicht.
6 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen4 Quellen

„Woran liegt das?“

Recall10 Jahre, funktionskieferorthopädische Behandlung seit einem halben Jahr wegen Distalbiss und offenem Biss. Der Fortschritt ist gering. Beim Trinken beobachtest du, dass die Zunge beim Schlucken gegen die Frontzähne gepresst wird. „Der Kieferorthopäde sagt, der Fortschritt ist zu langsam. Woran liegt das?“

Möglicherweise an dem, was du gerade gesehen hast — und diese Beobachtung ist die wertvollste Information, die du an die behandelnde Praxis geben kannst.

Der springende PunktDie Zunge drückt bei jedem Schluckvorgang gegen die Frontzähne — hunderte Male am Tag. Gegen diese Summe kommt eine Apparatur nicht an, die nachts getragen wird.

Woran du es erkennst

Das Kind etwas trinken lassen und den Schluckvorgang beobachten. Beim somatischen, also reifen Schluckmuster liegt die Zunge am Gaumen an, die Zähne haben Kontakt, die Gesichtsmuskulatur bleibt entspannt.

Beim dysfunktionellen Muster wird die Zunge nach vorn gegen oder zwischen die Frontzähne gepresst. Häufig ist dabei die Muskulatur um den Mund sichtbar angespannt. Der Handgriff dauert zwanzig Sekunden — man muss ihn nur machen.

Es ist eine Frage von Kraft mal Häufigkeit. Der Schluckvorgang wiederholt sich über den Tag verteilt sehr häufig, und die dabei aufgebrachte Zungenkraft ist erheblich. Ein Gerät, das nachts getragen wird, wirkt demgegenüber in einem begrenzten Zeitfenster.

Solange das Muster besteht, arbeitet die Behandlung gegen eine Kraft, die jeden Tag zurückwirkt — mit dem Ergebnis, dass der Fortschritt ausbleibt oder das Ergebnis nach Behandlungsende zurückgeht. Das ist der Grund, warum ein offener Biss mit persistierendem Zungenpressen als besonders rezidivgefährdet gilt.

Die myofunktionelle Therapie schult Zungenlage, Lippenschluss und Schluckmuster neu — über Übungen, die über Monate regelmäßig durchgeführt werden. Durchgeführt wird sie logopädisch oder von entsprechend ausgebildeten Personen.

Zur Datenlage: Die vorliegenden Übersichtsarbeiten sind heterogen, die Studien klein und die Endpunkte unterschiedlich definiert. Die Aussagesicherheit ist entsprechend begrenzt. Was sich sagen lässt: Solange das Muster besteht, ist mit einem Rezidiv zu rechnen — und die Therapie ist der einzige Weg, es zu ändern.

Was deine Aufgabe ist

Schritt Inhalt
Erkennen Schluckvorgang beobachten — bei jedem Kind mit offenem Biss
Dokumentieren Den Befund beschreiben, nicht nur vermuten
Mitteilen An die behandelnde kieferorthopädische Praxis
Weiterleiten Logopädische Abklärung, in Abstimmung
⚠️ Was du nicht tust

Übungen selbst anleiten. Die myofunktionelle Therapie ist ein strukturiertes Programm über Monate, mit Anpassung an den Fortschritt — einzelne Übungen aus dem Zusammenhang gerissen wirken nicht und erwecken den Eindruck, das Thema sei erledigt. Deine Leistung ist die Beobachtung, und die ist wertvoll genug.

Drei Fragen

Bei einem zehnjährigen Kind mit funktionskieferorthopädischer Behandlung ist der Fortschritt gering, beim Schlucken presst die Zunge gegen die Frontzähne. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Es ist eine Frage von Kraft mal Häufigkeit — der Schluckvorgang wiederholt sich über den ganzen Tag, die Apparatur wirkt in einem begrenzten Fenster.Offene FrageHeißt das, die Tragezeit ist unwichtig? Nein — sie bleibt die Voraussetzung. Nur reicht sie allein nicht, solange die Gegenkraft besteht. Beides gehört zusammen.

Wie unterscheidest du die Schluckmuster?

Drei. Der Unterschied ist klinisch beobachtbar — man muss das Kind nur trinken lassen und hinschauen. Und beim reifen Muster haben die Zähne Kontakt.Offene FrageWarum wird es trotzdem selten erhoben? Weil man aktiv danach schauen muss und der Befund nicht auffällt, wenn man es nicht tut. Zwanzig Sekunden bei jedem Kind mit offenem Biss würden viel ändern.

Was ist deine Aufgabe bei diesem Befund?

Die erste. Die myofunktionelle Therapie ist ein strukturiertes Programm über Monate — einzelne Übungen aus dem Zusammenhang gerissen wirken nicht.Offene FrageWarum ist die Beobachtung trotzdem so wertvoll? Weil die behandelnde Praxis den Patienten seltener sieht und den Schluckvorgang nicht bei jedem Termin prüft. Ein Hinweis von dir kann eine Behandlung erklären, die sonst unerklärt stockt.

Das, was hängenbleiben soll

Gegen tausend Schluckvorgänge kommt keine Nachtapparatur an.

Quellen

  • Homem MA, Vieira-Andrade RG, Falci SGM, Ramos-Jorge ML, Marques LS: Effectiveness of orofacial myofunctional therapy in orthodontic patients – a systematic review. Dental Press Journal of Orthodontics 2014; 19(4): 94–99 — Wirksamkeit bei orofazialen Dysfunktionen; vier eingeschlossene Studien, alle mit hohem Verzerrungsrisiko. DOIDeckt ab: Wirksamkeit myofunktioneller Therapie bei orofazialen Dysfunktionen und die Grenzen der Datenlage
  • S2k-Leitlinie „Ideale Zeitpunkte und Maßnahmen der kieferorthopädischen Diagnostik“, AWMF-Registernummer 083-050, Stand Juni 2025, federführend Deutsche Gesellschaft für Kieferorthopädie und DGZMK.Deckt ab: Erhebung des Schluckmusters und der Zungenlage im Rahmen der funktionellen Befundung
  • S3-Leitlinie „Ideale Behandlungszeitpunkte kieferorthopädischer Anomalien“, AWMF-Register-Nr. 083-038, Stand Dezember 2021, gültig bis Dezember 2026. Federführend Deutsche Gesellschaft für Kieferorthopädie und DGZMK.Deckt ab: Bedeutung persistierender Dysfunktionen für den Behandlungserfolg und das Rezidivrisiko
  • Bürgerliches Gesetzbuch §§ 630c bis 630f — Informations-, Aufklärungs- und Dokumentationspflichten.Deckt ab: Aufklärung über die Voraussetzungen eines dauerhaften Behandlungsergebnisses

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