Kieferorthopädie Vertiefung 7 Min

Mundatmung und Funktionskieferorthopädie

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Ein Befund, der im Mund sichtbar wird und seine Ursache meist woanders hat. Die kieferorthopädische Behandlung allein greift zu kurz — und die Reihenfolge der Abklärung entscheidet über den Erfolg.

1Woran du chronische Mundatmung erkennstVier Zeichen, die zusammen ein Bild ergeben.
2Warum sich der Befund selbst verstärktEin Kreislauf, der ohne Eingriff weiterläuft.
3Wer beteiligt istDrei Fachrichtungen — und die Reihenfolge zählt.
4Wie du mit einem unauffälligen Vorbefund umgehstOhne die Kollegen infrage zu stellen.
7 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen4 Quellen

„Der HNO sagt, alles in Ordnung“

Recall8 Jahre. Der Mund steht ständig offen, der Gaumen ist schmal und hoch, im Oberkiefer besteht ein Engstand. Die Eltern berichten über eine häufig verstopfte Nase. „Er atmet immer durch den Mund. Der HNO sagt, alles in Ordnung. Was sollen wir tun?“

Der intraorale Befund spricht für eine chronische Mundatmung — unabhängig davon, was bisher untersucht wurde. Und genau das ist der Ansatzpunkt für das weitere Vorgehen.

Der springende PunktDer schmale, hohe Gaumen ist keine zufällige Anatomie. Er entsteht, weil die Zunge bei Mundatmung tief liegt und dem Oberkiefer die formende Kraft von innen fehlt.

Der Kreislauf

Bei normaler Nasenatmung liegt die Zunge am Gaumen an und formt ihn von innen. Bei Mundatmung liegt sie tief im Unterkiefer — die formende Kraft entfällt, der Oberkiefer bleibt schmal. Ein schmaler Oberkiefer bedeutet zugleich eine engere Nasenhöhle, was die Nasenatmung weiter erschwert.

Der Befund verstärkt sich damit selbst. Ohne Eingriff läuft der Kreislauf weiter, und zwar genau in der Wachstumsphase, in der sich die Form des Oberkiefers festlegt.

Zeichen Was es bedeutet
Offener Lippenschluss in Ruhe Das auffälligste und am leichtesten zu übersehende Zeichen
Schmaler, hoher Gaumen Folge der fehlenden Zungenanlagerung
Engstand im Oberkiefer, Kreuzbisstendenz Folge der transversalen Enge
Tiefe Zungenlage in Ruhe Ursache und Folge zugleich

Die anhaltende Mundatmung während des Wachstums beeinflusst die Gesichtsentwicklung — die typische Ausprägung mit langem, schmalem Gesichtstyp ist beschrieben. Dazu kommen die zahnmedizinischen Folgen: transversale Enge, Kreuzbisstendenz und eine trockene Schleimhaut mit erhöhtem Gingivitisrisiko. Diese Entwicklung lässt sich nach Wachstumsabschluss nicht rückgängig machen.

Wer beteiligt ist

Fachrichtung Beitrag
Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde Klärung der Ursache der behinderten Nasenatmung
Kieferorthopädie Transversale Erweiterung — schafft Raum für die Zunge
Logopädie oder myofunktionelle Therapie Umlernen von Zungenlage und Lippenschluss

Die Reihenfolge: Solange die Nase nicht durchgängig ist, kann kein Umlernen gelingen — niemand atmet durch eine verstopfte Nase, weil er es üben soll. Die Abklärung der Ursache steht deshalb am Anfang oder läuft parallel zur kieferorthopädischen Erweiterung, nicht danach.

Der intraorale Befund ist deine eigene Beobachtung, und er spricht für eine chronische Mundatmung. Das lässt sich mitteilen, ohne die vorherige Untersuchung infrage zu stellen — die hatte möglicherweise eine andere Fragestellung.

Was hilft, ist eine konkrete Fragestellung in der erneuten Überweisung: der beschriebene intraorale Befund, die Beobachtung der Eltern zur nächtlichen Atmung, und die Bitte um Abklärung einer behinderten Nasenatmung. Eine gezielte Frage bekommt eine gezielte Antwort — ein allgemeiner Überweisungsschein nicht.

Drei Fragen

Bei einem achtjährigen Kind bestehen offener Lippenschluss, schmaler hoher Gaumen und Engstand im Oberkiefer. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Die Erweiterung schafft Raum für die Zunge — aber solange die Nase nicht durchgängig ist und das Atemmuster nicht umgelernt wird, bleibt die Ursache bestehen.Offene FrageWarum reicht die Erweiterung nicht? Weil sie eine Folge behandelt. Ohne durchgängige Nasenatmung liegt die Zunge weiter tief, und der Kreislauf läuft weiter — mit entsprechendem Rezidivrisiko.

Welche Aussagen zur Mundatmung treffen zu?

Drei. Der Befund korrigiert sich nicht von selbst, und niemand atmet durch eine verstopfte Nase, weil er es üben soll.Offene FrageWarum verstärkt sich der Kreislauf? Weil ein schmaler Oberkiefer die Nasenhöhle verengt und die Nasenatmung weiter erschwert. Beide Seiten treiben sich gegenseitig — deshalb wirken die Maßnahmen zusammen besser als nacheinander.

Wie gehst du mit dem unauffälligen HNO-Vorbefund um?

Die erste. Der intraorale Befund ist deine eigene Beobachtung. Eine konkrete Fragestellung bekommt eine gezielte Antwort — die vorherige Untersuchung hatte möglicherweise eine andere.Offene FrageWas gehört konkret hinein? Der beschriebene Gaumenbefund, der offene Lippenschluss, die Beobachtung der Eltern zur nächtlichen Atmung. Diese drei Angaben machen aus einer Überweisung eine Frage.

Das, was hängenbleiben soll

Der Gaumen erzählt vom Atmen — und die Erweiterung allein beendet den Kreislauf nicht.

Quellen

  • S2k-Leitlinie „Adenoide Vegetationen“, AWMF-Registernummer 017/021, Stand November 2022 — Diagnostik der behinderten Nasenatmung und Indikationsstellung zur Adenotomie. AWMFDeckt ab: Diagnostik der behinderten Nasenatmung im Kindesalter und Indikationsstellung zur Adenotomie
  • S3-Leitlinie „Schlafbezogene Atmungsstörungen“ sowie die HNO-ärztlichen Empfehlungen zur Abklärung behinderter Nasenatmung im Kindesalter.Deckt ab: Abklärung schlafbezogener Atmungsstörungen und die Rolle der oberen Atemwege
  • S3-Leitlinie „Ideale Behandlungszeitpunkte kieferorthopädischer Anomalien“, AWMF-Register-Nr. 083-038, Stand Dezember 2021, gültig bis Dezember 2026. Federführend Deutsche Gesellschaft für Kieferorthopädie und DGZMK.Deckt ab: kieferorthopädische Maßnahmen bei transversaler Enge und ihr Behandlungszeitpunkt
  • S2k-Leitlinie „Ideale Zeitpunkte und Maßnahmen der kieferorthopädischen Diagnostik“, AWMF-Registernummer 083-050, Stand Juni 2025, federführend Deutsche Gesellschaft für Kieferorthopädie und DGZMK.Deckt ab: Erhebung der funktionellen Befunde einschließlich Zungenlage und Lippenschluss

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