Kieferorthopädie Grundlagen 7 Min

Die kieferorthopädische Befunderhebung

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Eltern fragen im Recall, ob eine Spange nötig ist. Wer weiß, wonach er schaut, beantwortet das in fünf Minuten — und übersieht dabei nichts, was ein Zeitfenster hat.

1Was der Befund umfasstDrei Ebenen — und eine wird regelmäßig übersprungen.
2Warum du von außen anfängstDas Profil sagt etwas, das der Mund nicht verrät.
3Was du auch bei unauffälligem Befund festhältstDer Vermerk kostet einen Satz.
4Wo deine Aufgabe endetErkennen und weiterleiten — nicht behandeln.
7 MinutenGrundlagen3 Selbstcheck-Fragen4 Quellen

„Was schauen Sie da genau an?“

Recall10 Jahre, Wechselgebiss, keine Beschwerden. Die Eltern fragen, ob eine kieferorthopädische Behandlung nötig sei. „Braucht er eine Zahnspange? Was schauen Sie da genau an?“

Die zweite Frage ist die bessere. Sie lässt sich beantworten — und die Antwort ist zugleich die Struktur, nach der du vorgehst.

Der springende PunktDer Befund hat drei Ebenen: außen, innen und funktionell. Die dritte wird am häufigsten übersprungen und liefert oft den entscheidenden Hinweis.

Die drei Ebenen

Ebene Was du erhebst
Extraoral Gesichtssymmetrie, Profil, Kinnposition, Lippenschluss, Kiefergelenk
Intraoral Sagittale Okklusionsbeziehung, Overjet, Overbite, Mittellinien, Kreuzbiss, Engstand, Lücken
Funktionell Zwangsführung beim Schließen, Zungenlage in Ruhe, Habits, Schluckmuster

Warum du von außen anfängst: Das Profil zeigt eine skelettale Komponente, die im Mund nicht sichtbar wird. Ein konvexes Profil weist auf eine Rücklage des Unterkiefers hin, ein konkaves auf das Gegenteil — und diese Information verändert die Einschätzung des intraoralen Befunds erheblich.

Sie unterscheidet zwei Befunde, die im Mund gleich aussehen. Ein seitlicher Kreuzbiss mit Zwangsführung wird anders bewertet als einer ohne — der Unterkiefer wird bei jedem Schluss ausgelenkt, in einer Phase, in der die Strukturen wachsen. Ebenso deutet eine tiefe Zungenlage auf Mundatmung hin, und ein offener Lippenschluss ist ein Befund, kein Zufall. Diese Ebene kostet dreißig Sekunden und liefert häufig den Grund für alles Weitere.

Die Dokumentationspflicht umfasst Befunde, nicht nur Maßnahmen. Ein Vermerk, dass das Screening durchgeführt und unauffällig war, kostet einen Satz. Fehlt er, lässt sich später nicht zeigen, dass überhaupt hingeschaut wurde — und genau darum geht es, wenn Jahre danach eine Fehlstellung zur Diskussion steht.

Wo deine Aufgabe endet

Screening heißt erkennen und weiterleiten. Über Behandlungszeitpunkt, Apparatur und Ablauf entscheidet die kieferorthopädische Praxis — und zwar auf Grundlage einer Diagnostik, die über deinen Befund hinausgeht.

Was du leistest Was die KFO-Praxis leistet
Systematischer Befund bei jeder Kontrolle Modellanalyse, Fernröntgenseitenbild, Platzanalyse
Erkennen von Befunden mit Zeitfenster Festlegung des Behandlungszeitpunkts
Weiterleitung mit kurzem Befundbericht Auswahl der Apparatur und Behandlungsplanung
Betreuung während der Behandlung Durchführung und Kontrolle
⚠️ Was in die Überweisung gehört

Nicht „bitte um Beurteilung“, sondern der erhobene Befund in einem Satz: Okklusionsbeziehung, Overjet, Overbite, Mittellinien und der Grund der Überweisung. Das kostet zwei Minuten und macht aus einer Weiterleitung eine Information — mit der die empfangende Praxis arbeiten kann.

Drei Fragen

Bei einem zehnjährigen Kind im Wechselgebiss führst du ein Screening durch. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Die Dokumentationspflicht umfasst Befunde, nicht nur Maßnahmen. Ohne den Vermerk lässt sich später nicht zeigen, dass geschaut wurde.Offene FrageWie ausführlich muss der Vermerk sein? Ein Satz reicht — Okklusionsbeziehung, Overjet, Overbite, Auffälligkeiten. Was zählt, ist die Nachvollziehbarkeit, nicht die Länge.

Was gehört zur funktionellen Befundebene?

Drei. Der Overjet gehört zum intraoralen Befund, die Symmetrie zum extraoralen. Die funktionelle Ebene fragt nach Bewegung und Verhalten, nicht nach Maßen.Offene FrageWarum wird sie am häufigsten übersprungen? Weil sie sich nicht in Millimetern festhalten lässt und weil man aktiv danach suchen muss. Genau deshalb liefert sie häufig den Befund, der sonst fehlt.

Warum beginnst du den Befund von außen?

Die erste. Ein konvexes oder konkaves Profil verändert die Einschätzung des intraoralen Befunds erheblich — und diese Information geht verloren, wenn man direkt in den Mund schaut.Offene FrageWie sicher lässt sich das von außen beurteilen? Als Hinweis gut, als Diagnose nicht. Die skelettale Beurteilung erfolgt über die kieferorthopädische Diagnostik — dein Befund entscheidet, ob sie veranlasst wird.

Das, was hängenbleiben soll

Außen, innen, Funktion — und aufschreiben, auch wenn nichts war.

Quellen

  • S2k-Leitlinie „Ideale Zeitpunkte und Maßnahmen der kieferorthopädischen Diagnostik“, AWMF-Registernummer 083-050, Stand Juni 2025, federführend Deutsche Gesellschaft für Kieferorthopädie und DGZMK.Deckt ab: Umfang und Zeitpunkte der kieferorthopädischen Diagnostik sowie die Bestandteile des Befunds
  • S3-Leitlinie „Ideale Behandlungszeitpunkte kieferorthopädischer Anomalien“, AWMF-Register-Nr. 083-038, Stand Dezember 2021, gültig bis Dezember 2026. Federführend Deutsche Gesellschaft für Kieferorthopädie und DGZMK.Deckt ab: Einordnung der erhobenen Befunde in die Frage des idealen Behandlungszeitpunkts
  • Richtlinien des Bundesausschusses der Zahnärzte und Krankenkassen für die kieferorthopädische Behandlung, in der Fassung vom 4. Juni 2003 und 24. September 2003, in Kraft getreten am 1. Januar 2004 einschließlich der kieferorthopädischen Indikationsgruppen; die Ausprägungsgrade 3 bis 5 lösen eine Leistungspflicht der gesetzlichen Krankenversicherung aus.Deckt ab: Befundgrößen, die für die Einstufung der Behandlungsbedürftigkeit maßgeblich sind
  • Bürgerliches Gesetzbuch §§ 630c bis 630f — Informations-, Aufklärungs- und Dokumentationspflichten.Deckt ab: Dokumentationspflicht, die auch für unauffällige Screening-Befunde gilt

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