Parodontologie Vertiefung 6 Min

Der okklusale Faktor

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Kaum eine Vorstellung hält sich so hartnäckig wie die, dass eine falsche Okklusion Parodontitis verursacht. Die Konsensusarbeit dazu ist eindeutig — und die Konsequenz für die Praxis auch.

1Was okklusales Trauma tatsächlich verursachtUnd was es nachweislich nicht verursacht.
2Woran du es erkennstAm Befund und im Röntgenbild.
3Warum die Reihenfolge feststehtEntzündung zuerst — immer.
4Wann eine Einschleifmaßnahme sinnvoll istDie Indikation ist enger, als sie wirkt.
6 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen4 Quellen

„Der Biss ist schuld“

Zweitmeinung52 Jahre, Parodontitis Stadium III. Der Patient berichtet, in einer anderen Praxis sei ihm gesagt worden, sein Biss sei die Ursache und man müsse zuerst einschleifen. „Stimmt das? Kommt das alles vom Biss?“

Nein — und die Antwort darauf ist eine der wenigen, die in diesem Fachgebiet wirklich eindeutig ausfällt.

Der springende PunktOkklusale Kräfte können vorhandene Verhältnisse verändern. Dass sie ohne Entzündung Attachmentverlust verursachen, ist nicht belegt.

Was die Konsensusarbeit festhält

Die Auswertung im Rahmen der Klassifikation von 2018 kommt zu einem klaren Ergebnis: Es gibt keinen Beleg dafür, dass okklusales Trauma allein zu Attachmentverlust oder zur Entstehung einer Parodontitis führt. Was okklusale Überlastung nachweislich bewirkt, sind Veränderungen im Desmodont und am Alveolarknochen — Verbreiterung des Parodontalspalts, erhöhte Beweglichkeit.

Begriff Bedeutung
Primäres okklusales Trauma Übermäßige Kräfte auf ein Parodont normaler Höhe
Sekundäres okklusales Trauma Normale Kräfte auf ein bereits reduziertes Parodont
Übermäßige okklusale Kräfte Kräfte, die die Anpassungsfähigkeit des Gewebes überschreiten

  • Erhöhte oder zunehmende Beweglichkeit
  • Verbreiterter Parodontalspalt im Röntgenbild
  • Schliffacetten, Frakturen von Restaurationen
  • Beschwerden bei Belastung
  • Wanderung von Zähnen

Kein einzelnes dieser Zeichen belegt eine okklusale Überlastung. Zusammen mit einer identifizierbaren Kraftquelle — einer Vorkontakt, einer Parafunktion — ergeben sie ein Bild.

Ob okklusale Kräfte den Verlauf einer bestehenden Parodontitis beschleunigen, wird weiter diskutiert. Die Datenlage dazu ist uneinheitlich, und ein eindeutiger Nachweis fehlt. Was sich sagen lässt: Sie sind kein Auslöser — ob sie ein Beschleuniger sind, ist nicht abschließend geklärt.

Was daraus folgt

Situation Vorgehen
Parodontitis mit erhöhter Beweglichkeit Entzündung behandeln, danach neu bewerten
Einzelner Vorkontakt mit Beschwerden Gezielte Korrektur — begrenzt und dokumentiert
Parafunktion mit Verschleiß Schutz erwägen, Ursache ansprechen
Einschleifen als Parodontitistherapie nicht indiziert
Umfassende Okklusionskorrektur vor der Reevaluation nicht sinnvoll — die Ausgangslage ändert sich noch
⚠️ Warum die Reihenfolge feststeht

Ein erheblicher Teil der Beweglichkeit ist entzündungsbedingt und bildet sich nach der Therapie zurück. Wer vorher einschleift, korrigiert eine Okklusion, die sich anschließend verändert — und trägt dabei irreversibel Zahnhartsubstanz ab. Der Eingriff ist nicht rückgängig zu machen, die Entzündung dagegen behandelbar.

Drei Fragen

Einem Patienten wurde gesagt, seine Parodontitis komme vom Biss. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Die Konsensusarbeit ist an dieser Stelle eindeutig: Okklusale Kräfte sind kein Auslöser der Parodontitis. Einschleifen behandelt sie deshalb nicht.Offene FrageWarum hält sich die Vorstellung so hartnäckig? Weil beide Befunde häufig zusammen auftreten — ein parodontal geschädigter Zahn wird beweglich und bekommt Vorkontakte. Die zeitliche Reihenfolge ist dabei umgekehrt zur vermuteten.

Welche Aussagen zum okklusalen Faktor treffen zu?

Drei. Ein Auslöser sind sie nach der Konsensusbewertung nicht, und die Diagnose stützt sich auf ein Bild aus mehreren Zeichen mit identifizierbarer Kraftquelle.Offene FrageUnd die Beschleunigung eines bestehenden Verlaufs? Die wird weiter diskutiert, und die Datenlage ist uneinheitlich. Diese Offenheit gehört benannt — sie ist etwas anderes als eine widerlegte Annahme.

Wann ist eine gezielte okklusale Korrektur sinnvoll?

Die erste. Eine begrenzte, dokumentierte Korrektur bei konkretem Befund ist etwas anderes als eine umfassende Okklusionskorrektur als Therapieansatz.Offene FrageWarum erst nach der Entzündungsbehandlung? Weil sich die Okklusion durch die abnehmende Beweglichkeit noch verändert. Was vorher eingeschliffen wird, passt nachher womöglich nicht mehr — und Zahnhartsubstanz kommt nicht zurück.

Das, was hängenbleiben soll

Der Biss ist kein Auslöser — und Zahnhartsubstanz kommt nicht zurück.

Quellen

  • Fan J, Caton JG. Occlusal trauma and excessive occlusal forces: Narrative review, case definitions, and diagnostic considerations. Journal of Clinical Periodontology 2018; 45 (Suppl 20): S199–S206.Deckt ab: Falldefinitionen von okklusalem Trauma und übermäßigen okklusalen Kräften, diagnostische Erwägungen und Bewertung des Zusammenhangs mit dem Attachmentverlust
  • Jepsen S, Caton JG, Albandar JM et al. Periodontal manifestations of systemic diseases and developmental and acquired conditions. Journal of Clinical Periodontology 2018; 45 (Suppl 20): S219–S229.Deckt ab: Einordnung traumatischer okklusaler Kräfte in die Klassifikation von 2018
  • Tonetti MS, Greenwell H, Kornman KS. Staging and grading of periodontitis. Journal of Clinical Periodontology 2018; 45 (Suppl 20): S149–S161.Deckt ab: Beweglichkeit und okklusale Faktoren als Kriterien der Stadieneinteilung
  • Sanz M, Herrera D, Kebschull M et al. Treatment of stage I–III periodontitis — The EFP S3-level clinical practice guideline. Journal of Clinical Periodontology 2020; 47 (Suppl 22): 4–60.Deckt ab: Entzündungskontrolle als vorrangige Maßnahme gegenüber okklusalen Eingriffen

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