Der okklusale Faktor
Schritt 1 ·
Was du danach erklären kannst
Kaum eine Vorstellung hält sich so hartnäckig wie die, dass eine falsche Okklusion Parodontitis verursacht. Die Konsensusarbeit dazu ist eindeutig — und die Konsequenz für die Praxis auch.
„Der Biss ist schuld“
Nein — und die Antwort darauf ist eine der wenigen, die in diesem Fachgebiet wirklich eindeutig ausfällt.
Was die Konsensusarbeit festhält
Die Auswertung im Rahmen der Klassifikation von 2018 kommt zu einem klaren Ergebnis: Es gibt keinen Beleg dafür, dass okklusales Trauma allein zu Attachmentverlust oder zur Entstehung einer Parodontitis führt. Was okklusale Überlastung nachweislich bewirkt, sind Veränderungen im Desmodont und am Alveolarknochen — Verbreiterung des Parodontalspalts, erhöhte Beweglichkeit.
| Begriff | Bedeutung |
|---|---|
| Primäres okklusales Trauma | Übermäßige Kräfte auf ein Parodont normaler Höhe |
| Sekundäres okklusales Trauma | Normale Kräfte auf ein bereits reduziertes Parodont |
| Übermäßige okklusale Kräfte | Kräfte, die die Anpassungsfähigkeit des Gewebes überschreiten |
- Erhöhte oder zunehmende Beweglichkeit
- Verbreiterter Parodontalspalt im Röntgenbild
- Schliffacetten, Frakturen von Restaurationen
- Beschwerden bei Belastung
- Wanderung von Zähnen
Kein einzelnes dieser Zeichen belegt eine okklusale Überlastung. Zusammen mit einer identifizierbaren Kraftquelle — einer Vorkontakt, einer Parafunktion — ergeben sie ein Bild.
Was daraus folgt
| Situation | Vorgehen |
|---|---|
| Parodontitis mit erhöhter Beweglichkeit | Entzündung behandeln, danach neu bewerten |
| Einzelner Vorkontakt mit Beschwerden | Gezielte Korrektur — begrenzt und dokumentiert |
| Parafunktion mit Verschleiß | Schutz erwägen, Ursache ansprechen |
| Einschleifen als Parodontitistherapie | nicht indiziert |
| Umfassende Okklusionskorrektur vor der Reevaluation | nicht sinnvoll — die Ausgangslage ändert sich noch |
Ein erheblicher Teil der Beweglichkeit ist entzündungsbedingt und bildet sich nach der Therapie zurück. Wer vorher einschleift, korrigiert eine Okklusion, die sich anschließend verändert — und trägt dabei irreversibel Zahnhartsubstanz ab. Der Eingriff ist nicht rückgängig zu machen, die Entzündung dagegen behandelbar.
Drei Fragen
Einem Patienten wurde gesagt, seine Parodontitis komme vom Biss. Welche Aussage trifft nicht zu?
Welche Aussagen zum okklusalen Faktor treffen zu?
Wann ist eine gezielte okklusale Korrektur sinnvoll?
Das, was hängenbleiben soll
Quellen
- Fan J, Caton JG. Occlusal trauma and excessive occlusal forces: Narrative review, case definitions, and diagnostic considerations. Journal of Clinical Periodontology 2018; 45 (Suppl 20): S199–S206.Deckt ab: Falldefinitionen von okklusalem Trauma und übermäßigen okklusalen Kräften, diagnostische Erwägungen und Bewertung des Zusammenhangs mit dem Attachmentverlust
- Jepsen S, Caton JG, Albandar JM et al. Periodontal manifestations of systemic diseases and developmental and acquired conditions. Journal of Clinical Periodontology 2018; 45 (Suppl 20): S219–S229.Deckt ab: Einordnung traumatischer okklusaler Kräfte in die Klassifikation von 2018
- Tonetti MS, Greenwell H, Kornman KS. Staging and grading of periodontitis. Journal of Clinical Periodontology 2018; 45 (Suppl 20): S149–S161.Deckt ab: Beweglichkeit und okklusale Faktoren als Kriterien der Stadieneinteilung
- Sanz M, Herrera D, Kebschull M et al. Treatment of stage I–III periodontitis — The EFP S3-level clinical practice guideline. Journal of Clinical Periodontology 2020; 47 (Suppl 22): 4–60.Deckt ab: Entzündungskontrolle als vorrangige Maßnahme gegenüber okklusalen Eingriffen
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