Parodontologie Vertiefung 7 Min

Parodontitis und rheumatoide Arthritis

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Zwei chronisch entzündliche Erkrankungen mit gemeinsamen Merkmalen — und einem Mechanismus, der die Verbindung plausibler macht als bei jedem anderen Zusammenhang dieses Fachs.

1Was beide Erkrankungen gemeinsam habenMehr als nur die Entzündung.
2Was Citrullinierung damit zu tun hatDer mechanistisch überzeugendste Zusammenhang der Parodontologie.
3Was die Behandlung bewirktSie verändert die Krankheitsaktivität messbar.
4Was du an der Behandlung anpasstZwei Dinge, beide medikamentenbedingt.
7 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen4 Quellen

„Hängt das zusammen?“

Erstvorstellung54 Jahre, seit acht Jahren rheumatoide Arthritis unter Basistherapie, zeitweise zusätzlich Kortikosteroide. Parodontitis Stadium III, generalisiert. Das Greifen der Zahnbürste fällt schwer. „Meine Rheumatologin hat gefragt, ob ich beim Zahnarzt war. Hängt das zusammen?“

Es hängt zusammen — und die Frage der Rheumatologin zeigt, dass die Verbindung inzwischen auch dort bekannt ist.

Der springende PunktBeide Erkrankungen teilen mehr als die Entzündung: Risikofaktoren, genetische Marker und einen Mechanismus, der bei einem parodontalen Erreger seinen Ursprung hat.

Was beide gemeinsam haben

Gemeinsamkeit Bedeutung
Chronische Entzündung Beide unterhalten eine systemische Entzündungslast
Gewebeabbau durch dieselben Mechanismen Knochen- und Bindegewebsabbau über vergleichbare Signalwege
Rauchen als Risikofaktor Für beide Erkrankungen belegt
Genetische Marker Überschneidungen im Bereich bestimmter Gewebemerkmale
Citrullinierung Der spezifischste Punkt — und der interessanteste

Citrullinierung ist eine Veränderung von Proteinen, bei der die Aminosäure Arginin in Citrullin umgewandelt wird. Bei der rheumatoiden Arthritis richtet sich die Autoimmunreaktion gegen genau solche citrullinierten Proteine — die entsprechenden Antikörper sind ein diagnostisches Merkmal der Erkrankung.

Der parodontale Bezug: Porphyromonas gingivalis besitzt ein Enzym, das diese Umwandlung durchführen kann. Systematische Auswertungen halten fest, dass dieser Erreger und Aggregatibacter actinomycetemcomitans bislang die einzigen parodontalen Erreger sind, für die eine citrullinierende Wirkung nachgewiesen wurde. Damit gibt es einen konkreten Mechanismus, wie eine parodontale Infektion zur Entstehung der Autoimmunreaktion beitragen könnte.

Systematische Auswertungen von Interventionsstudien zeigen nach der Parodontitistherapie eine Abnahme der Krankheitsaktivität, gemessen am gebräuchlichen Aktivitätsscore über 28 Gelenke. Einzelne Studien fanden zusätzlich sinkende Antikörpertiter gegen den genannten Erreger. Die Studien sind klein und heterogen — die Richtung ist konsistent, die Größenordnung weniger gut bestimmt.

Was du anpasst

Bereich Erwägung
Kortikosteroide Beeinträchtigen die Wundheilung; bei invasiven Eingriffen in die Abwägung einbeziehen
Biologika und andere Immunmodulatoren Abstimmung mit der rheumatologischen Praxis vor invasiven Eingriffen
Handfunktion Griffverdickung, elektrische Bürste, Interdentalbürsten statt Zahnseide
Nachsorgeintervall Kürzer, weil die häusliche Reinigung erschwert ist
Termingestaltung Kurze Sitzungen, Lagerung anpassen bei Gelenkbeteiligung
⚠️ Der praktisch wichtigste Punkt

Die eingeschränkte Handfunktion. Sie ist bei diesen Patienten die häufigste Ursache für unzureichende Mundhygiene — und sie wird regelmäßig als mangelnde Mitarbeit gedeutet. Eine Instruktion hilft hier nicht; andere Hilfsmittel schon.

Die Rheumatologin hat nach dem Zahnarztbesuch gefragt — das ist der Anknüpfungspunkt. Eine kurze Rückmeldung mit Diagnose und Behandlungsplan eröffnet die gemeinsame Betreuung. Wichtig dabei: Die parodontale Behandlung wird nicht als Rheumatherapie dargestellt, sondern als das, was sie ist — die Behandlung einer eigenständigen Erkrankung, die die Gesamtentzündungslast mit beeinflusst.

Drei Fragen

Eine Patientin mit rheumatoider Arthritis unter Basistherapie hat eine Parodontitis Stadium III. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Die Parodontitistherapie behandelt eine eigenständige Erkrankung. Dass sie die Krankheitsaktivität beeinflussen kann, macht sie nicht zur Rheumatherapie.Offene FrageWarum ist diese Abgrenzung wichtig? Weil eine Patientin, die die Zahnbehandlung als Rheumatherapie versteht, im Zweifel an der falschen Stelle spart. Und weil die rheumatologische Praxis eine solche Darstellung zu Recht zurückweisen würde.

Welche Aussagen zur Citrullinierung treffen zu?

Drei. Nach den systematischen Auswertungen sind bislang nur zwei parodontale Erreger mit dieser Wirkung nachgewiesen — und ein Kausalitätsbeweis ist der Mechanismus nicht, sondern eine plausible Erklärung.Offene FrageWas macht ihn trotzdem besonders? Dass er konkret ist. Bei den meisten systemischen Zusammenhängen der Parodontologie bleibt es bei „systemische Entzündungslast“ — hier gibt es ein Enzym und eine Reaktion, die man benennen kann.

Was ist bei dieser Patientin die praktisch wichtigste Anpassung?

Die erste. Bei eingeschränkter Handfunktion fehlt das Können, nicht das Wissen. Eine Instruktion adressiert das Falsche, und auf die Interdentalreinigung wird nicht verzichtet — es werden handhabbare Hilfsmittel gewählt.Offene FrageWelche konkret? Elektrische Bürste mit verdicktem Griff, Interdentalbürsten mit langem Halter statt Zahnseide. Was tatsächlich benutzt wird, schlägt das theoretisch beste Hilfsmittel.

Das, was hängenbleiben soll

Der Zusammenhang hat hier einen Namen — und die Handfunktion ist das, was du sofort ändern kannst.

Quellen

  • Bonilla M, Martín-Morales N, Gálvez-Rueda R, Raya-Álvarez E, Mesa F: Impact of Protein Citrullination by Periodontal Pathobionts on Oral and Systemic Health – A Systematic Review of Preclinical and Clinical Studies. Journal of Clinical Medicine 2024; 13(22): 6831 — Porphyromonas gingivalis und Aggregatibacter actinomycetemcomitans als die bislang einzigen parodontalen Erreger mit nachgewiesener citrullinierender Wirkung. DOIDeckt ab: Citrullinierung durch parodontale Erreger als mechanistische Verbindung und die Frage, welche Erreger sie nachweislich auslösen
  • Calderaro DC, Corrêa JD, Ferreira GA, Barbosa IG, Martins CC, Silva TA, Teixeira AL: Influence of periodontal treatment on rheumatoid arthritis – a systematic review and meta-analysis. Revista Brasileira de Reumatologia 2017; 57(3): 238–244 — Einfluss der nichtchirurgischen Parodontitistherapie auf den Disease Activity Score über 28 Gelenke. DOIDeckt ab: Wirkung der Parodontitistherapie auf die Krankheitsaktivität der rheumatoiden Arthritis
  • Bender P, Bürgin WB, Sculean A, Eick S: Serum antibody levels against Porphyromonas gingivalis in patients with and without rheumatoid arthritis – a systematic review and meta-analysis. Clinical Oral Investigations 2017; 21(1): 33–42 — höhere Antikörpertiter bei Patienten mit rheumatoider Arthritis gegenüber systemisch und parodontal gesunden Kontrollen. DOIDeckt ab: Antikörperbefunde gegen Porphyromonas gingivalis bei Patienten mit rheumatoider Arthritis
  • Sanz M, Herrera D, Kebschull M et al. Treatment of stage I–III periodontitis — The EFP S3-level clinical practice guideline. Journal of Clinical Periodontology 2020; 47 (Suppl 22): 4–60.Deckt ab: Durchführung der Parodontitistherapie und Anpassung an die Begleitmedikation

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