Parodontologie Vertiefung 7 Min

Resektiv oder regenerativ

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Zwei Wege mit gegensätzlicher Logik: der eine entfernt, was die Reinigung behindert, der andere versucht zurückzugewinnen, was verloren ist. Welcher passt, entscheidet die Form des Defekts.

1Was regenerative Verfahren tatsächlich leistenDie Zahl ist kleiner als die Erwartung.
2Welche Defekte dafür geeignet sindDie Zahl der Knochenwände ist das Hauptkriterium.
3Wann resektiv die bessere Wahl istBei einer Defektform, die keine Regeneration zulässt.
4Was du dem Patienten versprichstUnd was ausdrücklich nicht.
7 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen4 Quellen

„Kann ich Knochen zurückbekommen?“

Chirurgieplanung41 Jahre, Nichtraucherin, gute Mundhygiene. An 36 besteht eine Resttasche von 7 Millimetern mit einem vertikalen Knochendefekt. „Mein Zahnarzt hat gesagt, ich könnte sogar etwas vom Knochen zurückbekommen. Ist das wirklich möglich?“

Möglich ja — vollständig nein. Und der Unterschied zwischen diesen beiden Antworten entscheidet darüber, ob die Patientin am Ende zufrieden ist.

Der springende PunktRegenerative Verfahren erreichen mehr Attachmentgewinn als der Zugangslappen allein. Der Unterschied ist real und gemessen — er ist aber ein Zusatzgewinn, keine Wiederherstellung.

Die beiden Logiken

Resektiv Regenerativ
Prinzip entfernen, was die Reinigung behindert Bedingungen schaffen, damit Gewebe nachwächst
Ergebnis flacheres Zahnfleisch, bessere Zugänglichkeit Attachmentgewinn, teilweise Auffüllung des Defekts
Sichtbare Folge mehr Rezession geringere Rezession
Geeignet bei horizontalem Knochenverlust, flachen Defekten vertikalen Defekten mit erhaltenen Knochenwänden
Aufwand geringer höher, materialabhängig

Die metaanalytische Auswertung zeigt für regenerative Verfahren bei vertikalen Defekten einen zusätzlichen klinischen Attachmentgewinn gegenüber dem Zugangslappen — in der Größenordnung von etwa einem Millimeter, mit erheblicher Streuung zwischen den Studien.

Regeneration braucht einen Raum, der sich erhalten lässt, und Wände, von denen aus Gewebe einwachsen kann. Ein drei- oder zweiwandiger vertikaler Defekt bietet beides. Ein horizontaler Knochenverlust bietet weder Raum noch Wände — dort ist Regeneration nicht zu erwarten, und der resektive Weg ist der ehrlichere. Die Zahl der erhaltenen Knochenwände ist damit das wichtigste Einzelkriterium.

Rauchen verschlechtert das Ergebnis regenerativer Eingriffe deutlich. Eine gute Mundhygiene und eine zuverlässige Nachsorge sind Voraussetzung — nicht weil der Eingriff sonst nicht gelingt, sondern weil das Ergebnis sonst nicht hält. Das Lebensalter wird häufig als Kriterium genannt; als harte Grenze ist es nicht belegt und sollte deshalb nicht als Ausschluss verwendet werden.

Was du versprichst und was nicht

Aussage Einordnung
„Wir können einen Teil des verlorenen Halts zurückgewinnen“ zutreffend und belegt
„Der Defekt wird sich teilweise auffüllen“ realistisch bei geeigneter Defektform
„Der Knochen wird wieder wie vorher“ nicht zutreffend
„Damit ist die Parodontitis geheilt“ nicht zutreffend — die Nachsorge bleibt
⚠️ Die häufigste Enttäuschung

Sie entsteht nicht aus einem schlechten Ergebnis, sondern aus einer zu hohen Erwartung. Ein Patient, der mit vollständiger Regeneration rechnet, ist mit einem realen und guten Ergebnis unzufrieden. Die Erwartung wird vor dem Eingriff gesetzt — danach lässt sie sich nicht mehr korrigieren.

Drei Fragen

Bei einer 41-jährigen Nichtraucherin besteht ein vertikaler Defekt mit erhaltenen Knochenwänden. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Der belegte Zusatzgewinn liegt in der Größenordnung von etwa einem Millimeter klinischem Attachment. Das ist ein realer Vorteil — eine Wiederherstellung ist es nicht.Offene FrageWarum wird trotzdem oft mehr versprochen? Weil Bilder von aufgefüllten Defekten eindrucksvoll sind und weil Einzelfälle mit gutem Ergebnis existieren. Die mittlere Erwartung ist das, was in die Aufklärung gehört.

Welche Faktoren sprechen für ein regeneratives Vorgehen?

Drei. Horizontaler Knochenverlust bietet weder Raum noch Wände für die Regeneration. Und eine feste Altersgrenze ist nicht belegt — sie taucht in Übersichten auf, trägt aber keinen Ausschluss.Offene FrageWie stark wirkt sich das Rauchen aus? Die Auswertungen zeigen durchgehend schlechtere Ergebnisse. Das ist ein Argument für das Gespräch über die Entwöhnung vor dem Eingriff — nicht eines für den Verzicht auf jede Behandlung.

Wie formulierst du die Erwartung gegenüber der Patientin?

Die erste. Sie ist zutreffend, positiv und überprüfbar. Zu viel zu versprechen erzeugt Enttäuschung, zu wenig entwertet ein Verfahren mit belegtem Nutzen.Offene FrageUnd wenn die Patientin auf die Aussage des Vorbehandlers verweist? Der hat inhaltlich recht — es lässt sich etwas zurückgewinnen. Die Aufgabe ist die Präzisierung, nicht der Widerspruch.

Das, was hängenbleiben soll

Regeneration braucht Wände und Raum — bei horizontalem Verlust gibt es beides nicht.

Quellen

  • Nibali L, Koidou VP, Nieri M, Barbato L, Pagliaro U, Cairo F. Regenerative surgery versus access flap for the treatment of intra-bony periodontal defects: a systematic review and meta-analysis. Journal of Clinical Periodontology 2020; 47 (Suppl 22): 320–351.Deckt ab: metaanalytischer Vergleich regenerativer Verfahren mit dem Zugangslappen bei vertikalen Defekten, Ausmaß des zusätzlichen Attachmentgewinns
  • Polak D, Wilensky A, Antonoglou GN, Shapira L, Goldstein M, Martin C. The efficacy of pocket elimination/reduction compared to access flap surgery: a systematic review and meta-analysis. Journal of Clinical Periodontology 2020; 47 (Suppl 22): 303–319.Deckt ab: Vergleich taschenreduzierender und taschenelimierender Verfahren mit dem Zugangslappen
  • Sanz M, Herrera D, Kebschull M et al. Treatment of stage I–III periodontitis — The EFP S3-level clinical practice guideline. Journal of Clinical Periodontology 2020; 47 (Suppl 22): 4–60.Deckt ab: Empfehlungen zur Auswahl des chirurgischen Verfahrens nach Defektmorphologie
  • S3-Leitlinie „Die Behandlung von Parodontitis Stadium I bis III“, AWMF-Register-Nr. 083-043, federführend DG PARO und DGZMK, Stand Dezember 2020.Deckt ab: deutsche Implementierung dieser Empfehlungen

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