Parodontologie Vertiefung 7 Min

Parodontitis Stadium IV

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Ab hier reicht die parodontale Behandlung allein nicht mehr — das Gebiss selbst ist beschädigt. Dafür gibt es eine eigene Leitlinie, und ihr wichtigster Beitrag ist die Reihenfolge.

1Was Stadium IV von Stadium III trenntNicht der Attachmentverlust, sondern die Funktion.
2Welche Fallgruppen unterschieden werdenVier, mit unterschiedlichem Behandlungsbedarf.
3Warum die Reihenfolge alles bestimmtRekonstruktion vor Entzündungskontrolle scheitert.
4Wer beteiligt istSelten nur eine Praxis.
7 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen4 Quellen

„Ich kann kaum noch richtig kauen“

Erstvorstellung59 Jahre. Ausgeprägter Attachmentverlust, sieben Zähne bereits verloren, die Oberkieferfrontzähne haben sich nach vestibulär bewegt und stehen gefächert. Mehrere Zähne mit Lockerungsgrad II. „Meine Zähne stehen anders als früher, und ich kann kaum noch richtig kauen.“

Das ist mehr als eine fortgeschrittene Parodontitis. Hier ist die Funktion des Gebisses betroffen — und genau das kennzeichnet das Stadium.

Der springende PunktStadium IV unterscheidet sich von Stadium III nicht durch mehr Attachmentverlust, sondern durch die Beeinträchtigung der Kaufunktion und den daraus folgenden Rehabilitationsbedarf.

Was das Stadium kennzeichnet

Merkmal Beschreibung
Ausgeprägter Zahnverlust In der Regel fünf oder mehr Zähne parodontal verloren
Beeinträchtigte Kaufunktion Das entscheidende Kriterium
Zahnwanderung und Fächerstellung Folge des verlorenen Halts
Ausgeprägte Beweglichkeit Oft Grad II oder darüber
Bisshöhenverlust Bei fortgeschrittenem Befund
Rehabilitationsbedarf Die Behandlung endet nicht mit der Entzündungskontrolle

Die eigene Leitlinie für dieses Stadium ordnet die Fälle in Gruppen — je nachdem, ob vor allem eine Schienung, eine kieferorthopädische Korrektur, ein Zahnersatz oder eine Kombination im Vordergrund steht. Diese Einteilung strukturiert die Planung.

Die parodontale Entzündungskontrolle steht am Anfang — vor jeder Schienung, jeder kieferorthopädischen Bewegung und jeder prothetischen Versorgung. Der Grund ist einfach: Eine Rekonstruktion auf entzündetem, instabilem Parodont hält nicht, und eine kieferorthopädische Bewegung an entzündeten Zähnen beschleunigt den Attachmentverlust. Wer diese Reihenfolge umdreht, arbeitet gegen die eigene Behandlung.

Ein Teil davon ist entzündungsbedingt und reversibel. Erst nach der Entzündungskontrolle zeigt sich, wie viel Beweglichkeit bleibt — und damit, ob eine Schienung nötig ist. Eine Schienung zu Beginn erschwert die Reinigung genau dann, wenn sie am wichtigsten wäre.

Die Abfolge

Phase Inhalt
1 · Entzündungskontrolle Verhaltensänderung, Instrumentierung, gegebenenfalls Chirurgie
2 · Neubewertung Welche Zähne sind zu halten, wie viel Beweglichkeit bleibt
3 · Funktionelle Maßnahmen Schienung, kieferorthopädische Korrektur — auf stabilem Parodont
4 · Rekonstruktion Prothetische Versorgung nach abgeschlossener Vorbehandlung
5 · Nachsorge Engmaschig und dauerhaft — der Bedarf ist hier höher als sonst
⚠️ Was dem Patienten gesagt gehört

Dass die Behandlung lange dauert, in Phasen abläuft und dass am Anfang nichts sichtbar besser wird. Patienten mit gefächerten Frontzähnen kommen wegen der Ästhetik — und erfahren, dass die Korrektur erst in einem Jahr kommt. Diese Erwartung gehört gleich zu Beginn gesetzt, sonst geht die Mitarbeit unterwegs verloren.

Drei Fragen

Ein Patient hat sieben parodontal verlorene Zähne, gefächerte Frontzähne und eine beeinträchtigte Kaufunktion. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Eine kieferorthopädische Bewegung an entzündeten Zähnen beschleunigt den Attachmentverlust. Sie setzt ein stabiles, entzündungsfreies Parodont voraus.Offene FrageWie lange dauert es bis dahin? Mehrere Monate mindestens — Entzündungskontrolle, Heilung, Reevaluation. Diese Zeitangabe gehört ins erste Gespräch, weil sie die Erwartung an den ganzen Behandlungsverlauf prägt.

Welche Aussagen zu Stadium IV treffen zu?

Drei. Der Attachmentverlust kann in beiden Stadien ähnlich sein — was Stadium IV kennzeichnet, ist die Folge für die Funktion. Und die Rekonstruktion steht am Ende, nicht am Anfang.Offene FrageWarum wurde dafür eine eigene Leitlinie erstellt? Weil die Behandlung hier über die Parodontologie hinausgeht und mehrere Fachrichtungen betrifft. Die Leitlinie ordnet vor allem die Schnittstellen.

Was ist bei der Aufklärung am wichtigsten?

Die erste. Der Patient kommt wegen der Ästhetik und der Funktion — und beides wird zuletzt behandelt. Ohne diese Erwartung geht die Mitarbeit in der langen ersten Phase verloren.Offene FrageWie hält man die Motivation über Monate? Über sichtbare Zwischenergebnisse: weniger Blutung, weniger Beweglichkeit, bessere Werte bei der Reevaluation. Diese Zahlen sind für den Patienten greifbarer als eine abstrakte Perspektive.

Das, was hängenbleiben soll

Erst die Entzündung, dann die Funktion — Rekonstruktion auf entzündetem Parodont hält nicht.

Quellen

  • Herrera D, Sanz M, Kebschull M et al. Treatment of stage IV periodontitis — The EFP S3-level clinical practice guideline. Journal of Clinical Periodontology 2022; 49 (Suppl 24): 4–71.Deckt ab: Behandlung der Parodontitis Stadium IV: Fallgruppen, Therapieplanung, Schienung, kieferorthopädische und prothetische Maßnahmen sowie deren zeitliche Abfolge
  • Tonetti MS, Greenwell H, Kornman KS. Staging and grading of periodontitis. Journal of Clinical Periodontology 2018; 45 (Suppl 20): S149–S161.Deckt ab: Kriterien der Einstufung in Stadium IV und Abgrenzung zu Stadium III
  • Sanz M, Herrera D, Kebschull M et al. Treatment of stage I–III periodontitis — The EFP S3-level clinical practice guideline. Journal of Clinical Periodontology 2020; 47 (Suppl 22): 4–60.Deckt ab: parodontale Basistherapie, die auch bei Stadium IV vorausgeht
  • Bürgerliches Gesetzbuch §§ 630c bis 630f — Informations-, Aufklärungs- und Dokumentationspflichten.Deckt ab: Aufklärung über den Umfang der Behandlung, ihre Dauer und die Alternativen

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