Parodontologie Vertiefung 6 Min

Nekrotisierende Parodontalerkrankungen

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Die einzige Parodontalerkrankung, die akut weh tut — und die einzige, bei der du an etwas denken musst, das nichts mit dem Mund zu tun hat.

1Woran du sie sofort erkennstDrei Zeichen, die zusammen praktisch beweisend sind.
2Warum der Immunstatus zähltDie Einteilung richtet sich danach.
3Wie die Akutbehandlung abläuftVorsichtig — und nicht so, wie man es sonst tut.
4Was danach bleibtEin Defekt, der nicht von selbst verschwindet.
6 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen3 Quellen

Seit zwei Tagen, und es wird schlimmer

Notfall24 Jahre, Student in der Prüfungsphase. Seit zwei Tagen starke Schmerzen im Zahnfleisch, die Interdentalpapillen im Frontzahnbereich erscheinen wie ausgestanzt und sind mit gräulichem Belag bedeckt. Deutlicher Foetor, leichte Lymphknotenschwellung. Raucher, wenig Schlaf. „Es tut so weh, ich kann nicht mal mehr putzen.“

Dieses Bild ist unverwechselbar, sobald man es einmal gesehen hat — und es ist der Grund, warum diese Erkrankung nicht in die übliche Parodontitis-Systematik passt.

Der springende PunktAusgestanzte Papillen, Schmerz und Foetor zusammen sind praktisch beweisend. Kein anderer parodontaler Befund tut so akut weh.

Die drei Leitzeichen

Zeichen Beschreibung
Nekrose der Interdentalpapillen Wie ausgestanzt, mit gräulichem Belag — das kennzeichnende Merkmal
Schmerz Akut und stark, oft der Vorstellungsgrund
Blutung Spontan oder auf geringste Berührung
Foetor Ausgeprägt und charakteristisch
Allgemeinsymptome Lymphknotenschwellung, Fieber, Abgeschlagenheit — nicht immer

Die Klassifikation unterscheidet nach der Ausdehnung: nekrotisierende Gingivitis, wenn nur die Gingiva betroffen ist, nekrotisierende Parodontitis bei zusätzlichem Attachmentverlust, und nekrotisierende Stomatitis bei Ausdehnung über die Gingiva hinaus.

Die Einteilung richtet sich ausdrücklich danach, ob eine dauerhafte oder eine vorübergehende Beeinträchtigung der Abwehr vorliegt. Bei jungen Patienten sind es meist vorübergehende Faktoren: Stress, Schlafmangel, Rauchen, Mangelernährung, ein akuter Infekt. Bei schwerer oder wiederholter Ausprägung gehört an eine dauerhafte Immunschwäche gedacht — dann ist die Erkrankung ein Hinweis, dem nachzugehen ist, und die Abklärung erfolgt hausärztlich.

Der parodontale Abszess ist eine lokale Eiteransammlung an einem Zahn mit tiefer Tasche. Die nekrotisierende Erkrankung befällt die Papillen generalisiert oder in einem Bereich, mit Gewebeuntergang statt Eiterbildung. Beide sind akut und schmerzhaft — die Verteilung und das Bild der Papillen trennen sie zuverlässig.

Wie die Akutphase behandelt wird

Schritt Inhalt
Vorsichtige Reinigung Oberflächlich, ohne Debridement des nekrotischen Gewebes zu erzwingen
Antiseptische Spülung Als Überbrückung, solange mechanische Reinigung nicht möglich ist
Analgesie Damit der Patient überhaupt wieder putzen kann
Risikofaktoren ansprechen Rauchen, Schlaf, Ernährung, Stress — hier liegt die Ursache
Systemisches Antibiotikum Bei Allgemeinsymptomen oder Ausbreitung, nicht routinemäßig
Wiedervorstellung Kurzfristig — der Verlauf ändert sich schnell

Der Unterschied zur üblichen Vorgehensweise: Gründliche Instrumentierung ist in der Akutphase weder möglich noch sinnvoll. Sie folgt, sobald die Schmerzen nachlassen und der Patient wieder mitarbeiten kann.

⚠️ Was bleibt

Der Papillenverlust bildet sich nicht zurück. Nach Abklingen der akuten Phase bleiben Krater zwischen den Zähnen, die die Reinigung erschweren und ästhetisch stören. Das gehört früh gesagt — und es ist der Grund, warum diese Patienten anschließend in eine strukturierte Betreuung gehören.

Drei Fragen

Ein 24-jähriger Patient hat ausgestanzte Papillen, starke Schmerzen und deutlichen Foetor. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. In der Akutphase ist gründliche Instrumentierung weder möglich noch sinnvoll — sie folgt, sobald die Schmerzen nachlassen.Offene FrageWarum nicht sofort? Weil das Gewebe extrem schmerzhaft und leicht verletzlich ist. Ein erzwungenes Debridement verschlechtert die Situation und kostet die Mitarbeit des Patienten für alles Weitere.

Welche Aussagen zu nekrotisierenden Parodontalerkrankungen treffen zu?

Drei. Das Antibiotikum kommt bei Allgemeinsymptomen oder Ausbreitung dazu, nicht routinemäßig. Und der Abszess ist eine lokale Eiteransammlung an einem Zahn — hier geht Gewebe zugrunde, verteilt über die Papillen.Offene FrageWoran denkt man bei wiederholten Episoden? An eine Abwehrschwäche, die abgeklärt gehört. Die Erkrankung ist dann nicht der eigentliche Befund, sondern ein Hinweis — und die Abklärung erfolgt außerhalb der Zahnarztpraxis.

Was gehört nach Abklingen der akuten Phase besprochen?

Die erste. Der Gewebeverlust ist bleibend. Die Krater sind ein Reinigungsproblem und ein ästhetisches — beides gehört benannt, bevor der Patient es selbst bemerkt.Offene FrageLässt sich daran etwas ändern? Chirurgisch teilweise, aber die Möglichkeiten sind begrenzt. Wichtiger ist die anschließende Betreuung — die Krater sind Prädilektionsstellen für alles Weitere.

Das, was hängenbleiben soll

Ausgestanzte Papillen und akuter Schmerz — und die Ursache liegt oft außerhalb des Mundes.

Quellen

  • Herrera D, Retamal-Valdes B, Alonso B, Feres M. Acute periodontal lesions (periodontal abscesses and necrotizing periodontal diseases) and endo-periodontal lesions. Journal of Clinical Periodontology 2018; 45 (Suppl 20): S78–S94.Deckt ab: Definition, Einteilung und Management der nekrotisierenden Parodontalerkrankungen sowie die Abgrenzung nach dem Immunstatus
  • Papapanou PN, Sanz M, Buduneli N et al. Periodontitis: Consensus report of workgroup 2 of the 2017 World Workshop. Journal of Clinical Periodontology 2018; 45 (Suppl 20): S162–S170.Deckt ab: Einordnung in die Klassifikation und Abgrenzung zur Parodontitis
  • Sanz M, Herrera D, Kebschull M et al. Treatment of stage I–III periodontitis — The EFP S3-level clinical practice guideline. Journal of Clinical Periodontology 2020; 47 (Suppl 22): 4–60.Deckt ab: Vorgehen nach Abklingen der akuten Phase und Überführung in die systematische Therapie

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