Parodontologie Grundlagen 7 Min

Der parodontale Befund — Erhebung Schritt für Schritt

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Alles in diesem Fachgebiet baut auf diesem Befund auf — Diagnose, Stadium, Grad, Therapieplanung und die spätere Beurteilung des Erfolgs. Wer ihn sauber erhebt, hat den Rest schon halb geschafft.

1Welche Größen erhoben werdenSechs, und nicht alle sind Sondierungstiefen.
2Warum an sechs Stellen je ZahnVier würden systematisch untererfassen.
3Was die Blutung auf Sondierung tatsächlich anzeigtSie ist mehr als ein Nebenbefund.
4Warum der Befund der spätere Bezugspunkt istOhne ihn lässt sich kein Erfolg messen.
7 MinutenGrundlagen3 Selbstcheck-Fragen5 Quellen

Nach dem auffälligen Screening

Zweiter Termin48 Jahre. Das Screening ergab in mehreren Sextanten auffällige Werte, jetzt steht die vollständige Befunderhebung an. Der Patient fragt: „Sie messen jetzt an jedem Zahn? Wie lange dauert das denn?“

Etwa zwanzig Minuten — und es ist die Zeit, die über die gesamte weitere Behandlung entscheidet.

Der springende PunktDieser Befund ist nicht nur die Grundlage der Diagnose. Er ist auch der Vergleichswert, an dem sich in einem halben Jahr messen lässt, ob die Behandlung gewirkt hat.

Was erhoben wird

Größe Was sie sagt
Sondierungstiefe Abstand vom Gingivarand zum Taschenboden — an sechs Stellen je Zahn
Rezession Abstand von der Schmelz-Zement-Grenze zum Gingivarand
Klinischer Attachmentlevel Aus beiden berechnet — die eigentlich tragende Größe
Blutung auf Sondierung Zeichen aktiver Entzündung, je Stelle erfasst
Furkationsbeteiligung Horizontal, mit gebogener Sonde, an allen Furkationen
Zahnbeweglichkeit Nach Graden, je Zahn

Der Attachmentlevel ist die Größe, auf die es ankommt. Er bezieht sich auf einen festen Punkt am Zahn und ist deshalb unabhängig davon, wo der Gingivarand gerade steht. Die Sondierungstiefe allein täuscht in beide Richtungen — bei Schwellung nach oben, bei Rezession nach unten.

Der Verlauf des Attachmentverlusts ist nicht gleichmäßig. Die tiefsten Werte liegen typischerweise interdental — also genau dort, wo eine Messung nur von bukkal und oral sie nicht erfasst. Vier Stellen würden die Erkrankung deshalb systematisch untererfassen. Für die Falldefinition der Parodontitis ist ohnehin der interdentale Attachmentverlust maßgeblich.

Sie ist das Zeichen aktiver Entzündung und damit die Größe, die sich unter der Therapie am schnellsten ändert. Die Sondierungstiefe braucht Wochen, um zu sinken — die Blutung reagiert früher. Deshalb ist sie in der Nachsorge der empfindlichste Frühindikator. Ein wichtiger Zusatz: Bei Rauchern ist sie abgeschwächt und unterschätzt die Entzündung.

Worauf es bei der Erhebung ankommt

Punkt Warum
Gleichmäßiger, leichter Sondierungsdruck Zu viel Druck erzeugt zu tiefe Werte und Blutung ohne Entzündung
Sonde parallel zur Zahnachse Schräg gehalten misst sie zu tief
Systematische Reihenfolge Damit keine Stelle ausgelassen wird
Alle sechs Größen erfassen Ein Befund ohne Attachmentlevel trägt die Diagnose nicht
Vollständig dokumentieren Auch die unauffälligen Werte — sie sind der Vergleichswert
⚠️ Der häufigste Erhebungsfehler

Zu starker Sondierungsdruck. Er erzeugt tiefere Werte und Blutung an gesunden Stellen — mit dem Ergebnis, dass ein Befund schlechter aussieht, als er ist, und die Verlaufsbeurteilung unbrauchbar wird. Ein kalibrierter Druck ist wichtiger als ein bestimmtes Sondenmodell.

Drei Fragen

Bei der vollständigen Befunderhebung nach auffälligem Screening: Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Die Sondierungstiefe misst von einem beweglichen Bezugspunkt aus. Für die Falldefinition ist der interdentale Attachmentverlust maßgeblich — und der ergibt sich erst aus Tiefe und Rezession zusammen.Offene FrageWie erfasst man die Rezession, wenn die Schmelz-Zement-Grenze nicht sichtbar ist? Das ist häufiger, als man denkt — etwa bei Restaurationen oder Abrasionen. Dann wird der Rand der Restauration oder ein anderer fester Punkt als Bezug genommen und das dokumentiert.

Welche Aussagen zur Befunderhebung treffen zu?

Drei. Vier Stellen erfassen die interdentalen Bereiche nicht ausreichend, und bei Rauchern ist die Blutung durch die Vasokonstriktion abgeschwächt — sie unterschätzt dort die Entzündung.Offene FrageWie stark ist der Druckeffekt? Er ist erheblich und einer der Hauptgründe für abweichende Werte zwischen Behandlern. Druckkalibrierte Sonden gleichen das aus — ohne sie hilft nur das eigene Gefühl, regelmäßig überprüft.

Warum wird der vollständige Befund auch bei unauffälligen Stellen dokumentiert?

Die erste. Ohne Ausgangswert lässt sich nicht sagen, ob eine Tasche gesunken ist. Die Reevaluation vergleicht mit diesem Befund — und sie ist der Entscheidungspunkt der gesamten Therapie.Offene FrageWas, wenn der Ausgangsbefund unvollständig ist? Dann fehlt die Vergleichsgrundlage genau dort, wo sie später gebraucht wird. Das fällt erst bei der Reevaluation auf — und dann ist es zu spät.

Das, was hängenbleiben soll

Sechs Stellen, sechs Größen — und der Attachmentlevel ist die, auf die es ankommt.

Quellen

  • Tonetti MS, Greenwell H, Kornman KS. Staging and grading of periodontitis: framework and proposal of a new classification and case definition. Journal of Clinical Periodontology 2018; 45 (Suppl 20): S149–S161.Deckt ab: Befundgrößen, die in Stadium und Grad einfließen, und ihre Erhebung
  • Papapanou PN, Sanz M, Buduneli N et al. Periodontitis: Consensus report of workgroup 2 of the 2017 World Workshop. Journal of Clinical Periodontology 2018; 45 (Suppl 20): S162–S170.Deckt ab: Falldefinition der Parodontitis über den interdentalen Attachmentverlust an nicht benachbarten Zähnen
  • Chapple ILC, Mealey BL, Van Dyke TE et al. Periodontal health and gingival diseases and conditions on an intact and a reduced periodontium. Journal of Clinical Periodontology 2018; 45 (Suppl 20): S68–S77.Deckt ab: Abgrenzung parodontaler Gesundheit, Bedeutung der Blutung auf Sondierung als Entzündungszeichen
  • Sanz M, Herrera D, Kebschull M et al. Treatment of stage I–III periodontitis — The EFP S3-level clinical practice guideline. Journal of Clinical Periodontology 2020; 47 (Suppl 22): 4–60.Deckt ab: Befunderhebung als Grundlage der Therapieplanung und Bezugspunkt der späteren Reevaluation
  • Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses zur systematischen Behandlung von Parodontitis und anderen Parodontalerkrankungen (PAR-Richtlinie), in Kraft seit dem 1. Juli 2021.Deckt ab: Umfang des Parodontalstatus in der vertragszahnärztlichen Versorgung

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