Kinderzahnheilkunde Vertiefung 7 Min

Herzfehler und Endokarditisprophylaxe

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Zwei Dinge haben sich geändert, und beide werden in der Praxis noch falsch gemacht: wer eine Prophylaxe bekommt — und was gegeben wird, wenn eine Penicillinallergie besteht.

1Wer heute zur Hochrisikogruppe zähltDie Liste ist kürzer, als viele erwarten.
2Bei welchen Eingriffen sie greiftNicht bei jeder Behandlung.
3Warum Clindamycin nicht mehr empfohlen wirdDer Grund ist eine Nebenwirkung, nicht die Wirksamkeit.
4Was du tust, wenn die Einordnung unklar istEin Anruf schlägt jede Faustregel.
7 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen5 Quellen

„Früher haben sie immer Antibiotika gegeben“

Behandlung8 Jahre. Ein Ventrikelseptumdefekt wurde im Alter von zwei Jahren operativ korrigiert. Ein Milchmolar muss entfernt werden. Die Eltern bringen den kardiologischen Befundbericht mit. „Früher haben sie immer Antibiotika gegeben. Unser Kardiologe sagt, das brauchen wir nicht mehr. Stimmt das?“

Es stimmt. Und die Eltern haben das mitgebracht, worauf es ankommt: den Befundbericht.

Der springende PunktDie Prophylaxe gilt nur noch für bestimmte Hochrisikogruppen. Ein vollständig korrigierter Defekt ohne Restbefund gehört nach den ersten sechs Monaten nicht mehr dazu.

Wer zur Hochrisikogruppe zählt

Die kardiologische Leitlinie von 2023 hat die Empfehlung für diese Gruppe sogar hochgestuft — die Prophylaxe vor Eingriffen mit Bakteriämierisiko wird hier klar empfohlen. Zugleich bleibt die Gruppe eng umrissen:

Hochrisiko Anmerkung
Durchgemachte infektiöse Endokarditis unabhängig vom aktuellen Befund
Klappenprothese, chirurgisch oder kathetergestützt einschließlich rekonstruierter Klappen mit Fremdmaterial
Zyanotischer angeborener Herzfehler unkorrigiert oder korrigiert mit Restshunt
Vollständig korrigierter Defekt mit Fremdmaterial nur in den ersten sechs Monaten nach dem Eingriff
Ventrikuläres Unterstützungssystem in der Fassung von 2023 neu aufgenommen
Nach Herztransplantation als schwächere Empfehlung aufgenommen

Nicht mehr dazu gehören unter anderem der vollständig korrigierte Ventrikelseptumdefekt ohne Restbefund nach Ablauf der sechs Monate sowie ein Mitralklappenprolaps ohne Regurgitation. Bei mittlerem Risiko kann eine Prophylaxe im Einzelfall erwogen werden — das ist eine Abwägung, keine Regel.

Bei zahnärztlichen Eingriffen mit Manipulation der Gingiva oder der periapikalen Region sowie bei Perforation der Mundschleimhaut. Ausdrücklich genannt sind Extraktionen, oralchirurgische Eingriffe, subgingivale Instrumentierung und Wurzelkanalbehandlungen. Eine Kontrolluntersuchung, eine Füllung ohne Blutungsrisiko oder die Anfertigung einer Aufnahme fallen nicht darunter.

Was gegeben wird — und was nicht mehr

Die Standardgabe ist eine Einzeldosis Amoxicillin, 30 bis 60 Minuten vor dem Eingriff. Bei Kindern wird sie auf das Körpergewicht bezogen; die verbindliche Angabe steht in der Fachinformation.

⚠️ Clindamycin wird nicht mehr empfohlen

Das ist die wichtigste Änderung. Die Leitlinie rät ausdrücklich von Clindamycin zur Prophylaxe ab — nicht wegen mangelnder Wirksamkeit, sondern wegen des erhöhten Risikos schwerwiegender Nebenwirkungen, insbesondere Infektionen mit Clostridioides difficile. Für Amoxicillin ist dieses Risiko sehr gering, für Clindamycin deutlich höher. Als Alternativen bei Penicillinallergie werden stattdessen unter anderem Cephalosporine sowie Makrolide genannt.

Cephalosporine kommen nicht in Betracht, wenn in der Vorgeschichte eine Anaphylaxie, ein Angioödem oder eine Urtikaria auf Penicillin oder Ampicillin aufgetreten ist. Die Art der allergischen Reaktion gehört deshalb erfragt — „Penicillinallergie“ allein ist keine ausreichende Angabe.

Drei Fragen

Bei einem achtjährigen Kind wurde ein Ventrikelseptumdefekt vor sechs Jahren vollständig korrigiert, kein Restbefund. Eine Extraktion steht an. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Genau diese Annahme stammt aus älteren Empfehlungen. Ein korrigierter Defekt ohne Restbefund gehört nach Ablauf der Frist nicht mehr zur Hochrisikogruppe.Offene FrageWarum wurde die Gruppe verkleinert? Weil der Nutzen einer breiten Prophylaxe die Nebenwirkungen und den Beitrag zur Resistenzentwicklung nicht rechtfertigte. Für die Hochrisikogruppe wurde die Empfehlung dagegen sogar hochgestuft.

Welche Aussagen zur Prophylaxe treffen zu?

Drei. Eine Untersuchung ohne Manipulation der Gingiva löst keine relevante Bakteriämie aus. Und Clindamycin ist bei Penicillinallergie gerade nicht mehr vorgesehen — genannt werden andere Substanzgruppen.Offene FrageWie hoch ist das Risiko konkret? Die Auswertungen zeigen für eine Einzeldosis Amoxicillin ein sehr geringes Risiko schwerer Nebenwirkungen, für Clindamycin ein deutlich höheres — getragen vor allem von Infektionen mit Clostridioides difficile.

Die Eltern berichten von einer Penicillinallergie, können aber die Reaktion nicht beschreiben. Wie gehst du vor?

Die erste. Ob ein Cephalosporin in Betracht kommt, hängt davon ab, ob eine Anaphylaxie, ein Angioödem oder eine Urtikaria aufgetreten ist. Ohne diese Angabe lässt sich die Alternative nicht sicher wählen.Offene FrageWer klärt das? Die kinderärztlich oder allergologisch betreuende Praxis. Viele als Allergie geführte Reaktionen sind bei genauerer Abklärung keine — das zu klären lohnt sich über diesen Termin hinaus.

Das, was hängenbleiben soll

Weniger Kinder brauchen sie — und Clindamycin gehört nicht mehr dazu.

Quellen

  • Delgado V, Ajmone Marsan N, de Waha S et al. 2023 ESC Guidelines for the management of endocarditis. European Heart Journal 2023; 44: 3948–4042. Ersetzt die Fassung von 2015.Deckt ab: Hochrisikogruppen, Einstufung der Empfehlung, Auswahl der Eingriffe mit Prophylaxebedarf, Regime und ausdrückliche Abkehr von Clindamycin
  • Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie — Aktualisierung der nationalen Leitlinie zur infektiösen Endokarditis nach den ESC-Leitlinien 2023.Deckt ab: Übertragung der Leitlinienänderungen auf die Versorgung von Kindern mit angeborenen Herzfehlern
  • American Heart Association. Prevention of Viridans Group Streptococcal Infective Endocarditis — Scientific Statement, 2021. Bestätigt die Prophylaxe für Hochrisikogruppen und rät von Clindamycin ab.Deckt ab: übereinstimmende Bewertung der Prophylaxeindikation und der Ablehnung von Clindamycin
  • Prevention of infective endocarditis in at-risk patients: how should dentists proceed in 2024? British Dental Journal 2024 — Auswertung der Nebenwirkungsdaten zu Amoxicillin und Clindamycin.Deckt ab: Nebenwirkungsdaten, die der Abkehr von Clindamycin zugrunde liegen, sowie praktische Umsetzung in der zahnärztlichen Praxis
  • Fachinformation des jeweils verwendeten Präparats zu Amoxicillin und den Alternativen bei Penicillinallergie. Sie sind die rechtlich maßgebliche Quelle für Dosierungen, Altersgrenzen und Kontraindikationen.Deckt ab: präparatspezifische Dosierungen und Kontraindikationen

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