Implantologie Vertiefung 7 Min

Der zahnlose Oberkiefer

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Anders als im Unterkiefer ist der Halt hier selten das Problem. Was Patienten stört, ist meist etwas anderes — und dafür gibt es eine eigene S3-Leitlinie.

1Warum die Ausgangslage eine andere istDer Gaumen liefert Halt, der Knochen macht Probleme.
2Was Patienten tatsächlich störtNicht der Halt.
3Was die Leitlinie zur Verankerung sagtSie vergleicht drei Formen.
4Wann festsitzend und wann herausnehmbarDer Defekt entscheidet.
7 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen4 Quellen

„Der Gaumen stört mich“

Sprechstunde69 Jahre, zahnloser Oberkiefer, Totalprothese hält gut. „Sie sitzt eigentlich fest — aber der Gaumen stört mich beim Essen. Ich schmecke nichts mehr richtig.“

Das ist die typische Beschwerde im Oberkiefer, und sie unterscheidet sich grundlegend von der im Unterkiefer. Der Halt ist nicht das Problem.

Der springende PunktDie Gaumenplatte liefert den Halt und ist zugleich das, was stört. Implantate erlauben es, sie wegzulassen — das ist der eigentliche Gewinn.

Warum die Ausgangslage eine andere ist

Unterkiefer Oberkiefer
Halt der Totalprothese Meist schlecht Meist gut, über den Gaumen
Hauptbeschwerde Prothese hält nicht Gaumenplatte stört
Knochenangebot Meist dichter Oft weicher, Kieferhöhle begrenzt
Augmentationsbedarf Seltener Häufiger
Gewinn durch Implantate Halt Gaumenfreiheit

Die Gaumenplatte bedeckt einen großen Teil der Geschmacksrezeptoren und verändert das Temperaturempfinden. Dazu kommt bei manchen Patienten ein Würgereiz. Diese Beschwerden sind der häufigste Grund, warum eine gut sitzende Oberkieferprothese trotzdem als belastend erlebt wird.

Die S3-Leitlinie zur implantatprothetischen Versorgung des zahnlosen Oberkiefers vergleicht die Verankerungsformen — teleskop-, steg- und locatorverankerte Deckprothesen — und gibt Empfehlungen zur Implantatzahl.

Der Grundgedanke: Um die Gaumenplatte wegzulassen, muss die Prothese ihre Abstützung woanders finden. Das erfordert mehr Implantate als im Unterkiefer und eine Verankerung, die eine überwiegend implantatgetragene Abstützung erlaubt.

Wie viele Implantate im Einzelfall nötig sind, hängt von Knochenangebot, Verteilung und Belastung ab — die Leitlinie ist hier die maßgebliche Quelle, und sie unterscheidet nach Versorgungskonzept.

Festsitzend oder herausnehmbar

Befund Naheliegende Versorgung
Geringer Hart- und Weichgewebsverlust Festsitzend möglich
Ausgeprägte Atrophie mit Lippenunterstützungsbedarf Herausnehmbar, mit Kunststoffanteil
Eingeschränkte Handfunktion Herausnehmbar — Reinigung
Hohe Lachlinie mit sichtbarem Übergang Herausnehmbar, um den Übergang zu kaschieren

Der letzte Punkt wird unterschätzt. Bei einer festsitzenden Konstruktion über mehrere Implantate ist der Übergang zur Schleimhaut sichtbar, wenn die Lachlinie hoch liegt — und dieser Übergang lässt sich nur begrenzt kaschieren. Eine Deckprothese mit Kunststoffanteil löst das, weil sie den Defekt füllt statt ihn zu überbrücken.

⚠️ Zum Augmentationsbedarf

Im Oberkiefer ist er häufiger als im Unterkiefer — der Knochen ist weicher, und die Kieferhöhle begrenzt die verfügbare Höhe im Seitenzahnbereich. Eine Sinusbodenelevation ist bei umfangreichen Versorgungen deshalb keine Ausnahme. Das gehört in die Zeitplanung und in die Aufklärung, bevor der Patient sich entscheidet.

Drei Fragen

Eine Patientin mit gut sitzender Oberkiefertotalprothese klagt über die Gaumenplatte. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Im Oberkiefer hält die Totalprothese über den Gaumen meist gut — die Beschwerde ist eine andere als im Unterkiefer.Offene FrageWas stört konkret? Die Platte bedeckt Geschmacksrezeptoren, verändert das Temperaturempfinden und löst bei manchen Patienten einen Würgereiz aus.

Was spricht im Oberkiefer für eine herausnehmbare Versorgung?

Drei. Geringer Defekt spricht für festsitzend — und Gaumenfreiheit ist mit beiden Konzepten erreichbar, sie ist kein Unterscheidungskriterium.Offene FrageWarum ist die Lachlinie relevant? Weil der Übergang von einer festsitzenden Konstruktion zur Schleimhaut sichtbar wird und sich nur begrenzt kaschieren lässt. Eine Deckprothese füllt den Defekt statt ihn zu überbrücken.

Warum ist der Augmentationsbedarf im Oberkiefer häufiger?

Die erste. Beides zusammen macht eine Sinusbodenelevation bei umfangreichen Versorgungen zur Regel, nicht zur Ausnahme.Offene FrageWas heißt das für die Planung? Eine erheblich längere Gesamtbehandlungszeit. Das gehört in die Aufklärung, bevor der Patient sich entscheidet — nicht danach.

Das, was hängenbleiben soll

Im Oberkiefer geht es nicht um Halt, sondern um den Gaumen.

Quellen

  • S3-Leitlinie „Implantatprothetische Versorgung des zahnlosen Oberkiefers“, AWMF-Register-Nr. 083-010, federführend DGI, DGPro und DGZMK — einschließlich des Vergleichs teleskop-, steg- und locatorverankerter Deckprothesen.Deckt ab: Implantatzahl, Gaumenfreiheit, Verankerungsformen und die Abwägung zwischen festsitzender und herausnehmbarer Versorgung im zahnlosen Oberkiefer
  • Payne AGT, Alsabeeha NHM, Atieh MA, Esposito M, Ma S, Anas El-Wegoud M: Interventions for replacing missing teeth – attachment systems for implant overdentures in edentulous jaws. Cochrane Database of Systematic Reviews 2018; Issue 10: CD008001 — Vergleich der Attachmentsysteme nach prothetischem Erfolg, Nachsorgeaufwand und Patientenzufriedenheit. DOIDeckt ab: Vergleich der Verankerungselemente in dieser Indikation
  • Herrera D, Berglundh T, Schwarz F et al. Prevention and treatment of peri-implant diseases — The EFP S3 level clinical practice guideline. Journal of Clinical Periodontology 2023; 50 (Suppl 26): 4–76.Deckt ab: Reinigbarkeit und periimplantäre Prävention bei umfangreichen Versorgungen
  • Bürgerliches Gesetzbuch §§ 630c bis 630f — Informations-, Aufklärungs- und Dokumentationspflichten.Deckt ab: Aufklärung über Alternativen, Aufwand und Nachsorge

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