Implantologie Vertiefung 6 Min

Primärstabilität

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Die Zahl auf dem Winkelstück entscheidet über das weitere Vorgehen — und wer versteht, was sie misst, trifft die Entscheidung ohne Zögern.

1Was Primärstabilität von Osseointegration unterscheidetZwei verschiedene Dinge zur selben Zeit.
2Warum sie überhaupt gebraucht wirdMikrobewegung ist der Feind.
3Was bei niedrigem Wert folgtDrei Anpassungen, keine davon dramatisch.
4Wie sich niedrige Werte vermeiden lassenVorausschauend statt reaktiv.
6 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen3 Quellen

„Was machen wir jetzt?“

Im Eingriff65 Jahre, Implantat regio 25 gesetzt. Das erreichte Eindrehmoment liegt deutlich unter dem angestrebten Bereich, der Knochen war beim Bohren auffällig weich. Die Assistenz: „Das Drehmoment ist niedrig — was machen wir jetzt?“

Nichts Dramatisches. Was sich ändert, sind drei Punkte im weiteren Ablauf — und keiner davon bedeutet, dass das Implantat verloren ist.

Der springende PunktPrimärstabilität ist rein mechanisch. Sie überbrückt die Zeit, bis die biologische Verankerung sie ablöst — und je geringer sie ist, desto mehr Zeit braucht diese Ablösung.

Zwei verschiedene Dinge

Primärstabilität Osseointegration
Wann Sofort beim Einsetzen Über Wochen bis Monate
Wodurch Mechanische Verklemmung im Knochen Knöcherner Anbau an die Oberfläche
Verlauf Nimmt in den ersten Wochen ab Nimmt zu
Messbar Eindrehmoment, Resonanzfrequenz Klinisch und radiologisch beurteilbar

Die beiden überlappen sich. Die mechanische Verklemmung lässt in den ersten Wochen nach — durch den Umbau des komprimierten Knochens. Gleichzeitig baut sich die biologische Verankerung auf. Läuft beides günstig, bleibt das Implantat durchgehend stabil.

Der Grund ist die Mikrobewegung. Bewegt sich das Implantat während der Einheilung über ein bestimmtes Maß hinaus, bildet sich statt Knochen ein Bindegewebe an der Oberfläche — und damit keine feste Verankerung, sondern eine fibröse Einscheidung.

Die Primärstabilität hält das Implantat ruhig, bis der Knochen die Aufgabe übernimmt. Das ist ihre einzige Funktion — und sie erklärt, warum bei niedrigem Wert vor allem Ruhe die Konsequenz ist.

Es gibt zwei gebräuchliche Verfahren: das Eindrehmoment beim Einsetzen und die Resonanzfrequenzanalyse, die einen Stabilitätsindex liefert und wiederholbar ist.

Die angestrebten Werte hängen vom Implantatsystem, vom Design und vom Bohrprotokoll ab — die maßgebliche Angabe steht in der Herstellerdokumentation. Was systemübergreifend gilt: Ein deutlich unter dem angestrebten Bereich liegender Wert ist ein Grund, den Ablauf anzupassen, nicht ein Grund zur Panik.

Was bei niedrigem Wert folgt

Anpassung Warum
Geschlossene Einheilung Deckschraube statt Heilkappe — weniger Krafteinwirkung von außen
Verlängerte Einheilzeit Die biologische Verankerung braucht länger, um die mechanische abzulösen
Keine Sofortbelastung Und keine provisorische Versorgung auf diesem Implantat
Kontrolle vor der Freilegung Die Stabilität wird überprüft, bevor belastet wird
⚠️ Wie sich niedrige Werte vermeiden lassen

Vorausschauend statt reaktiv. Wenn die Planung weichen Knochen erwarten lässt — typischerweise im hinteren Oberkiefer —, lässt sich das Bohrprotokoll anpassen: die letzten Aufbereitungsschritte zurückhaltender ausführen, sodass das Implantat im etwas engeren Bett mehr Verklemmung findet. Ebenso spielen Implantatdesign und Durchmesser eine Rolle. Das sind Entscheidungen vor dem Eingriff, nicht währenddessen.

Drei Fragen

Bei einem Implantat regio 25 wird ein deutlich zu niedriges Eindrehmoment erreicht. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Eine niedrige, aber vorhandene Primärstabilität ist kein Grund zur Entfernung — sie ist ein Grund, dem Implantat mehr Ruhe und mehr Zeit zu geben.Offene FrageWann wäre die Entfernung richtig? Wenn gar keine Stabilität erreicht wird und das Implantat frei rotiert. Das ist ein anderer Befund und hat eine eigene Lektion.

Welche Aussagen treffen zu?

Drei. Es sind zwei verschiedene Dinge zur selben Zeit — und auch bei guter Primärstabilität braucht die Osseointegration ihre Zeit.Offene FrageWas passiert bei zu viel Mikrobewegung? Statt Knochen bildet sich Bindegewebe an der Oberfläche. Das Implantat ist dann nicht osseointegriert, sondern fibrös eingescheidet — und damit nicht belastbar.

Wie lassen sich niedrige Werte vorausschauend vermeiden?

Die erste. Wenn weicher Knochen zu erwarten ist, lässt sich die Aufbereitung zurückhaltender ausführen — das ist eine Entscheidung vor dem Eingriff.Offene FrageWarum nicht einfach fester eindrehen? Weil ein erzwungenes hohes Drehmoment den Knochen komprimiert und schädigen kann. Die Zahl allein ist nicht das Ziel — die stabile Einheilung ist es.

Das, was hängenbleiben soll

Mechanisch überbrückt biologisch — und bei wenig Stabilität braucht es vor allem Ruhe und Zeit.

Quellen

  • Lages FS, Douglas-de Oliveira DW, Costa FO: Relationship between implant stability measurements obtained by insertion torque and resonance frequency analysis – a systematic review. Clinical Implant Dentistry and Related Research 2018 — Eindrehmoment und Resonanzfrequenzanalyse als voneinander unabhängige Messverfahren. DOIDeckt ab: Definition und Messverfahren der Primärstabilität, Einflussfaktoren und Bedeutung für die Einheilung
  • Gebrauchsanweisung und chirurgisches Handbuch des verwendeten Implantatsystems Sie sind für Bohrprotokoll, Drehmomentgrenzen, Komponentenkompatibilität und Einheilzeiten die maßgebliche Quelle.Deckt ab: systemabhängige Drehmomentgrenzen, Bohrprotokoll und empfohlene Einheilzeiten
  • Bürgerliches Gesetzbuch §§ 630c bis 630f — Informations-, Aufklärungs- und Dokumentationspflichten.Deckt ab: Dokumentation des intraoperativen Befunds und der daraus abgeleiteten Entscheidung

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