Implantologie Vertiefung 6 Min

Knochenabbau im Kontrollröntgen

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Ein radiologischer Befund ohne klinisches Korrelat — und die Frage, ob das schon etwas bedeutet. Die Antwort hängt an einem Bild, das hoffentlich in der Akte liegt.

1Warum die Referenzaufnahme alles entscheidetOhne sie ist der Befund nicht einzuordnen.
2Wie sich der Umbau vom Verlust abgrenztDie Falldefinition hilft weiter.
3Was bei fehlender Referenz giltDie Klassifikation sieht dafür ein Vorgehen vor.
4Was ohne Entzündungszeichen zu bedenken istEine andere Ursache kommt in Betracht.
6 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen4 Quellen

„Ich merke gar nichts“

Recall60 Jahre, Implantat regio 36 seit zwei Jahren. Auf der Kontrollaufnahme zeigt sich mesial ein deutlicher Knochenverlust gegenüber der Referenzaufnahme. Der Patient ist beschwerdefrei, keine Blutung auf Sondierung. „Ich merke gar nichts — soll das wirklich schon schlimm sein?“

Beschwerdefreiheit sagt bei dieser Erkrankung wenig. Was die Einordnung möglich macht, ist die Referenzaufnahme — und die liegt hier vor.

Der springende PunktNach der Eingliederung findet ein physiologischer Knochenumbau statt. Erst was darüber hinausgeht, ist ein Befund — und das lässt sich nur im Vergleich beurteilen.

Warum die Referenzaufnahme alles entscheidet

Die Falldefinition der Periimplantitis stützt sich auf den Vergleich mit einem Ausgangsbefund: Maßgeblich ist der Knochenverlust gegenüber der Situation nach Eingliederung der Suprakonstruktion, zusammen mit Blutung oder Eiteraustritt und erhöhter Sondierungstiefe.

Ohne diesen Bezugspunkt lässt sich der physiologische Umbau nicht vom pathologischen Verlust trennen — man sieht einen Knochenverlauf, aber nicht, wie er entstanden ist.

Die Falldefinitionen sehen dafür ein Ersatzvorgehen vor: Ist kein Ausgangsbefund verfügbar, wird die Beurteilung über die Kombination aus Blutung oder Eiteraustritt, erhöhter Sondierungstiefe und dem Ausmaß des sichtbaren Knochenverlusts vorgenommen.

Das ist weniger präzise als der Vergleich, aber besser als keine Einordnung. Und es ist der Grund, warum die Aufnahme nach Eingliederung angefertigt und als Referenz gekennzeichnet gehört — sie wird Jahre später gebraucht.

Periimplantäre Erkrankungen verlaufen über lange Zeit schmerzfrei. Der Knochenverlust selbst erzeugt keinen Schmerz, und die Entzündung der Manschette bleibt unbemerkt, solange sie nicht ausgeprägt ist.

Genau deshalb sind der radiologische Vergleich und die Sondierung die tragenden Befunde — nicht die Auskunft des Patienten.

Was ohne Entzündungszeichen zu bedenken ist

Im Fallbeispiel besteht Knochenverlust ohne Blutung. Das ist eine Konstellation, die zwei Erklärungen zulässt.

Möglichkeit Was dafür spricht Vorgehen
Periimplantitis mit geringer klinischer Aktivität Erhöhte Sondierungstiefe, Vorgeschichte, Risikofaktoren Periimplantäre Diagnostik und Therapie
Überlastung als Mitursache Kräftige Okklusionskontakte, Bruxismus, technische Komplikationen Okklusion prüfen und anpassen

Beide schließen einander nicht aus. Die Okklusionskontrolle gehört in jedem Fall dazu — sie ist schnell erledigt und kann eine Ursache beseitigen, die sonst weiterwirkt.

⚠️ Was nicht passiert

Abwarten bis zum nächsten regulären Recall. Ein festgestellter Knochenverlust über den Umbau hinaus ist ein Befund, der eine Reaktion verlangt — auch ohne Beschwerden und auch ohne Blutung. Der nächste Kontrolltermin wird vorgezogen, und die Ursache wird gesucht.

Drei Fragen

Bei einem beschwerdefreien Patienten zeigt die Kontrollaufnahme Knochenverlust gegenüber der Referenz. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Ein Knochenverlust über den physiologischen Umbau hinaus verlangt eine Reaktion — auch ohne Beschwerden und ohne Blutung.Offene FrageWas wäre die Reaktion? Ursachensuche und ein vorgezogener Kontrolltermin. Die Okklusionsprüfung ist dabei schnell erledigt und kann eine Ursache beseitigen, die sonst weiterwirkt.

Was gilt bei fehlender Referenzaufnahme?

Drei. Eine Beurteilung ist möglich, nur ungenauer — und die sichere Abgrenzung des Umbaus gelingt gerade nicht.Offene FrageWas folgt daraus für die Praxis? Dass die Aufnahme nach Eingliederung angefertigt und als Referenz gekennzeichnet gehört. Sie wird Jahre später gebraucht, von wem auch immer.

Welche Ursache kommt bei Knochenverlust ohne Entzündungszeichen zusätzlich in Betracht?

Die erste. Kräftige Okklusionskontakte, Bruxismus und technische Komplikationen sprechen dafür — und die Prüfung ist schnell erledigt.Offene FrageSchließen sich die Erklärungen aus? Nein. Eine Periimplantitis mit geringer klinischer Aktivität und eine Überlastung können nebeneinander bestehen — deshalb wird beides geprüft.

Das, was hängenbleiben soll

Ohne Referenzaufnahme kein Vergleich — und ohne Blutung trotzdem ein Befund.

Quellen

  • Renvert S, Persson GR, Pirih FQ, Camargo PM. Peri-implant health, peri-implant mucositis, and peri-implantitis: Case definitions and diagnostic considerations. Journal of Clinical Periodontology 2018; 45 (Suppl 20): S278–S285.Deckt ab: Falldefinition der Periimplantitis, Bedeutung der Referenzaufnahme und Vorgehen bei fehlendem Ausgangsbefund
  • Berglundh T, Armitage G, Araujo MG et al. Peri-implant diseases and conditions: Consensus report of workgroup 4 of the 2017 World Workshop. Journal of Clinical Periodontology 2018; 45 (Suppl 20): S286–S291.Deckt ab: Konsensusbericht zur Abgrenzung des physiologischen Umbaus vom pathologischen Knochenverlust
  • Herrera D, Berglundh T, Schwarz F et al. Prevention and treatment of peri-implant diseases — The EFP S3 level clinical practice guideline. Journal of Clinical Periodontology 2023; 50 (Suppl 26): 4–76 — einschließlich der unterstützenden periimplantären Nachsorge.Deckt ab: diagnostisches Vorgehen bei festgestelltem Knochenverlust
  • Strahlenschutzgesetz § 83 und Strahlenschutzverordnung § 119 — rechtfertigende Indikation vor jeder Anwendung ionisierender Strahlung.Deckt ab: rechtfertigende Indikation für Verlaufsaufnahmen

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