Implantologie Vertiefung 6 Min

Das Implantat liegt frei

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Ein Befund ohne Beschwerden, der trotzdem etwas bedeutet — weil die freiliegende Oberfläche eine Eigenschaft hat, die sie für den Mundraum ungeeignet macht.

1Warum die Oberfläche das Problem istSie ist für den Knochen gemacht, nicht für den Mund.
2Woran es liegen kannVier Ursachen, unterschiedlich behebbar.
3Was der Weichgewebstyp beiträgtEr entscheidet über die Stabilität der Situation.
4Wann konservativ und wann chirurgischZwei Befunde geben den Ausschlag.
6 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen4 Quellen

„Da liegt was blank — ist das schlimm?“

Kontrolle53 Jahre, Implantat regio 36, einige Wochen nach dem Eingriff. Die mesiale Implantatschulter liegt auf wenigen Millimetern frei, keine Entzündungszeichen, keine Beschwerden. „Da liegt was blank — ist das schlimm?“

Aktuell nicht. Was daran problematisch ist, zeigt sich erst über die Zeit — und liegt an der Beschaffenheit der Oberfläche.

Der springende PunktDie Implantatoberfläche ist aufgeraut, damit Knochen anwächst. Im Mundraum wirkt dieselbe Struktur als Retentionsfläche für Biofilm — und lässt sich nicht sauber reinigen.

Warum die Oberfläche das Problem ist

Moderne Implantatoberflächen sind mikrostrukturiert, weil das die Osseointegration verbessert. Diese Struktur ist für den Kontakt mit Knochen gemacht — nicht für die Exposition zur Mundhöhle.

Liegt sie frei, wird sie besiedelt, und der Biofilm lässt sich mit den üblichen Mitteln nicht vollständig entfernen. Damit entsteht eine Stelle, an der eine periimplantäre Entzündung ihren Ausgang nehmen kann — unabhängig davon, wie gut der Patient sonst reinigt.

Ursache Behebbarkeit
Zu wenig keratinisierte Mukosa Chirurgisch verbesserbar
Wunddehiszenz in der Einheilphase Der Defekt bleibt, die Ursache ist abgelaufen
Implantat zu weit koronal gesetzt Positionsbedingt — chirurgisch begrenzt korrigierbar
Vorbestehender Weichgewebsmangel War vorher absehbar, ist chirurgisch angehbar

Um ein Implantat herum ist ein Saum aus fest anhaftender, keratinisierter Mukosa günstig. Er ist mechanisch belastbar, verschiebt sich beim Reinigen nicht und begrenzt die Ausbreitung einer Entzündung besser als bewegliche Schleimhaut.

Fehlt er, ist die Situation instabiler: Die Reinigung ist unangenehmer, der Patient reinigt entsprechend weniger gründlich, und die Weichgewebsmanschette bietet weniger Widerstand. Genau deshalb gibt es eine eigene Leitlinie zur periimplantären Weichgewebsaugmentation.

Wann konservativ und wann chirurgisch

Befund Vorgehen
Keine Entzündung, Knochenniveau stabil, ausreichend keratinisierte Mukosa Beobachten, Hygiene optimieren, engmaschig kontrollieren
Keine Entzündung, aber wenig keratinisierte Mukosa Weichgewebsaugmentation erwägen
Entzündungszeichen Behandeln und die Ursache angehen
Progredienter Knochenverlust Nicht abwarten — periimplantäre Diagnostik

Zwei Befunde geben den Ausschlag: das Vorhandensein einer Entzündung und die Stabilität des Knochenniveaus. Solange beides günstig ist, hat man Zeit. Sobald eines kippt, wird gehandelt.

⚠️ Was in die Aufklärung gehört

Dass die Stelle schwerer zu reinigen ist und deshalb engmaschiger kontrolliert wird — und dass sie ein Ausgangspunkt für eine spätere Entzündung sein kann. Der Patient hat keine Beschwerden und wird die Notwendigkeit häufigerer Termine sonst nicht verstehen.

Die Weichgewebsaugmentation ist ein eigener Eingriff mit eigener Technik. Wer sie nicht beherrscht, überweist zu einer parodontologisch oder chirurgisch tätigen Praxis — mit dem Befund, dem Zeitpunkt der Implantation und einer Einschätzung der Weichgewebssituation.

Die Beobachtung und die Hygieneführung bleiben in der Zwischenzeit bei dir. Das ist keine Verlegenheitslösung, sondern die Rolle, die den Verlauf tatsächlich beeinflusst.

Drei Fragen

Bei einem Implantat regio 36 liegt die Schulter auf wenigen Millimetern frei, ohne Entzündungszeichen. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Die mikrostrukturierte Oberfläche ist für den Knochenkontakt gemacht — im Mund wird sie besiedelt, und der Biofilm lässt sich dort nicht vollständig entfernen.Offene FrageWas heißt das praktisch? Dass die Stelle ein Ausgangspunkt für eine spätere periimplantäre Entzündung sein kann — unabhängig davon, wie gut der Patient sonst reinigt.

Was trägt die keratinisierte Mukosa bei?

Drei. Sie verbessert die Ausgangslage — sie ersetzt weder Nachsorge noch Hygiene und bietet keine Garantie.Offene FrageWarum gibt es dazu eine eigene Leitlinie? Weil die Frage, wann eine Weichgewebsaugmentation angezeigt ist, eigenständig genug ist. Sie betrifft nicht nur freiliegende Implantate, sondern auch die Prävention.

Welche zwei Befunde geben den Ausschlag für das Vorgehen?

Die erste. Solange keine Entzündung besteht und der Knochen stabil ist, hat man Zeit. Sobald eines kippt, wird gehandelt.Offene FrageWie oft kontrolliert man in der Zwischenzeit? Engmaschiger als üblich — und der Patient sollte wissen, warum. Ohne Beschwerden versteht er die häufigeren Termine sonst nicht.

Das, was hängenbleiben soll

Die Oberfläche ist für Knochen gemacht, nicht für den Mund.

Quellen

  • S3-Leitlinie „Periimplantäre Weichgewebsaugmentation“, AWMF-Registernummer 083-033, federführend DGI und DGZMK — Indikationen und Verfahren zur Verbesserung der periimplantären Weichgewebssituation.Deckt ab: Indikationen und Verfahren der periimplantären Weichgewebsaugmentation
  • Herrera D, Berglundh T, Schwarz F et al. Prevention and treatment of peri-implant diseases — The EFP S3 level clinical practice guideline. Journal of Clinical Periodontology 2023; 50 (Suppl 26): 4–76.Deckt ab: Bedeutung der periimplantären Weichgewebssituation für Prävention und Verlauf
  • S3-Leitlinie „Die Behandlung periimplantärer Infektionen an Zahnimplantaten“, AWMF-Registernummer 083-023, Stand Dezember 2022, federführend DGI und DGZMK.Deckt ab: Zusammenhang zwischen freiliegender Implantatoberfläche und periimplantärer Infektion
  • Bürgerliches Gesetzbuch §§ 630c bis 630f — Informations-, Aufklärungs- und Dokumentationspflichten.Deckt ab: Aufklärung über Befund, Therapieoptionen und die Folgen des Zuwartens

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