Füllungstherapie Vertiefung 6 Min

Unterfüllung und Liner — wann und womit

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Eine Gewohnheit, die aus einer Zeit stammt, in der die Materialien andere waren — und für die es heute keinen belegten Nutzen gibt.

1Was die aktuelle Leitlinie sagtEine klare Aussage zum Routineeinsatz.
2Woher die Gewohnheit stammtZwei Gründe, beide entfallen.
3Was ein Liner kosten kannEr nimmt Verbundfläche weg.
4Wann trotzdem etwas eingebracht wirdBei Eröffnung — dann gezielt.
6 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen3 Quellen

„Was kommt da drunter?“

AssistenzzeitEine tiefe Kavität ist exkaviert, die Pulpa ist nicht eröffnet. Die Kollegin sucht das Material für die Unterfüllung. „Ich habe gelernt, dass bei tiefen Kavitäten immer eine Unterfüllung kommt. Was nehme ich da?“

In dieser Situation nichts. Die Empfehlung hat sich geändert — und der Grund ist nicht, dass es nichts Geeignetes gäbe.

Der springende PunktFür den routinemäßigen Einsatz von Unterfüllungen und Linern ist kein konsistenter klinischer Nutzen belegt. Die aktuelle Leitlinie empfiehlt ihn deshalb nicht mehr.

Woher die Gewohnheit stammt

Ursprünglicher Grund Warum er entfällt
Wärmeisolierung gegen Amalgam Amalgam wird nicht mehr verwendet
Schutz vor chemischer Reizung Moderne Adhäsivsysteme reizen die Pulpa nicht in dieser Weise
Abdichtung der Dentintubuli Das leistet der adhäsive Verbund selbst

Der erste Grund war der stärkste. Metall leitet Temperatur, und eine dünne Dentinschicht über der Pulpa reichte nicht als Schutz. Mit dem Wegfall des Materials entfällt die Anforderung — Komposit leitet Temperatur schlecht.

Er nimmt Verbundfläche weg. Jede Fläche, die von einem Liner bedeckt ist, steht dem Adhäsiv nicht zur Verfügung — und der Verbund zum Dentin ist ohnehin die schwächere Seite.

Dazu kommt eine zweite Schnittstelle: Statt einer Verbindung zwischen Komposit und Dentin gibt es jetzt zwei — Komposit zu Liner und Liner zu Dentin. Jede zusätzliche Grenzfläche ist eine potenzielle Schwachstelle.

Und je nach Material eine mechanisch schwächere Schicht unter der Restauration. Bei ohnehin knapper Restsubstanz ist das kein Gewinn.

Wann trotzdem etwas eingebracht wird

Bei Pulpaeröffnung — und dann nicht flächig als Unterfüllung, sondern gezielt auf die Eröffnungsstelle.

Situation Vorgehen
Pulpa nicht eröffnet, Kavität tief Kein Liner, direkt adhäsiv versorgen
Pulpa eröffnet, vital, ohne irreversible Pulpitis Gezielte Abdeckung mit Kalziumsilikatzement
Irreversible Pulpitis Andere Behandlung — Pulpotomie oder Wurzelkanalbehandlung
⚠️ Was das für die Umstellung heißt

Wer die Unterfüllung weglässt, hat zunächst das Gefühl, etwas auszulassen. Tatsächlich ist die adhäsive Versorgung direkt auf dem exkavierten Dentin das, was die Leitlinie beschreibt — und der dichte Randschluss ist die eigentliche Schutzmaßnahme, nicht die Schicht darunter.

Was bleibt: die sorgfältige Trockenlegung und die korrekte Anwendung des Adhäsivsystems. Beides wird durch keine Unterfüllung ersetzt.

Drei Fragen

Eine tiefe Kavität ist exkaviert, die Pulpa nicht eröffnet. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Die aktuelle Leitlinie empfiehlt den routinemäßigen Einsatz ausdrücklich nicht mehr.Offene FrageWarum wurde er früher empfohlen? Vor allem zur Wärmeisolierung gegen Amalgam. Mit dem Wegfall des Materials entfällt die Anforderung — Komposit leitet Temperatur schlecht.

Was kann ein Liner kosten?

Drei. Trockenlegung und Röntgenbeurteilung sind davon nicht betroffen — die Nachteile liegen im Verbund und in der Statik.Offene FrageWarum wiegt die Verbundfläche schwer? Weil der Verbund zum Dentin ohnehin die schwächere Seite ist. Jede bedeckte Fläche steht dem Adhäsiv nicht zur Verfügung.

Wann wird gezielt etwas eingebracht?

Die erste. Gezielt auf die Eröffnungsstelle, mit einem Kalziumsilikatzement — nicht flächig als Unterfüllung.Offene FrageUnd bei irreversibler Pulpitis? Dann ist eine andere Behandlung angezeigt — Pulpotomie oder Wurzelkanalbehandlung. Ein Liner löst das nicht.

Das, was hängenbleiben soll

Kein Liner aus Gewohnheit — der Randschluss schützt, nicht die Schicht darunter.

Quellen

  • S3-Leitlinie „Management tiefer Karies“ (Deep Caries Management), erste gemeinsame internationale und interdisziplinäre Leitlinie, veröffentlicht 2026, methodisch nach AWMF-Vorgaben und GRADE-Ansatz erstellt.Deckt ab: Bewertung von Unterfüllungen und Linern sowie die Materialwahl bei Pulpaexposition
  • S3-Leitlinie „Direkte Kompositrestaurationen an bleibenden Zähnen im Front- und Seitenzahnbereich“, AWMF-Registernummer 083-028, Version 2.0, Stand Januar 2024, federführend DGZ und DGZMK — einschließlich der Empfehlung zur einzeitigen selektiven Kariesentfernung bei pulpanahen Dentinläsionen. AWMFDeckt ab: Empfehlungen zum Vorgehen unter Kompositrestaurationen
  • Duncan HF, Kirkevang LL, Peters OA et al. Treatment of pulpal and apical disease: the European Society of Endodontology (ESE) S3-level clinical practice guideline. International Endodontic Journal 2023.Deckt ab: Materialien und Vorgehen bei der direkten Überkappung

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