Endodontie Vertiefung 7 Min

Pulpotomie am bleibenden Zahn

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Die Pulpotomie war lange ein Verfahren für Jugendliche mit offenem Apex. Inzwischen steht sie auch beim ausgereiften Zahn zur Diskussion — und die Evidenzlage dazu ist spannender als die meisten Lehrbücher vermuten lassen.

1Was partielle und vollständige Pulpotomie unterscheidetDie Tiefe des Eingriffs, nicht das Ziel.
2Warum sie beim offenen Apex besonders wertvoll istDie Wurzel wächst weiter — das kann keine Wurzelfüllung leisten.
3Wie belastbar die Evidenz beim reifen Zahn istEs gibt Empfehlungen, aber weniger belastbare Studien als oft behauptet.
4Warum die Blutstillung die eigentliche Diagnostik istSie ist der einzige Befund, den du am Gewebe selbst erhebst.
7 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen4 Quellen

Vierzehn Jahre, offener Apex

Sprechstunde14 Jahre, Zahn 36. Tiefe Karies mit Exposition bei der Exkavation, radiologisch nicht abgeschlossenes Wurzelwachstum. Anhaltender Nachschmerz nach Kältereiz. Der Vater fragt: „Er ist doch noch so jung. Geht das nicht ohne Nervbehandlung?“

Der Nachschmerz spricht für eine irreversible Pulpitis. Nach klassischer Lehre wäre das die Indikation zur Wurzelkanalbehandlung — bei einem Zahn mit offenem Apex allerdings ein technisch schwieriger und biologisch unbefriedigender Weg.

Der springende PunktBei nicht abgeschlossenem Wurzelwachstum geht es nicht nur darum, den Zahn zu erhalten, sondern die Wurzel fertig wachsen zu lassen. Eine dünnwandige Wurzel bleibt lebenslang frakturgefährdet.

Zwei Verfahren, ein Prinzip

Bei der partiellen Pulpotomie wird nur ein oberflächlicher Anteil der Kronenpulpa entfernt, meist wenige Millimeter tief. Bei der vollständigen Pulpotomie wird die gesamte Kronenpulpa bis zu den Kanaleingängen abgetragen. In beiden Fällen bleibt die Wurzelpulpa erhalten, und auf die Amputationsfläche kommt ein hydraulischer Kalziumsilikatzement.

Das Ziel ist in beiden Fällen dasselbe: entzündetes Gewebe entfernen, gesundes erhalten. Wie viel entfernt wird, entscheidet sich während des Eingriffs anhand der Blutstillung — nicht vorher am Röntgenbild.

Gesundes Pulpagewebe blutet kurz und kommt unter leichtem Druck mit einem befeuchteten Pellet zum Stehen. Bleibt die Blutung bestehen, spricht das für eine Entzündung, die tiefer reicht als die entfernte Schicht. Dann wird weiter abgetragen und erneut beurteilt. Diese schrittweise Neubewertung während der Behandlung ist das Kernstück des Verfahrens — und der Grund, warum sich die Entscheidung nicht vorab treffen lässt.

Solange die Wurzelpulpa vital ist, arbeitet die Hertwigsche Epithelscheide weiter und die Wurzel kann ihre Länge und Wandstärke erreichen. Eine Wurzelkanalbehandlung beendet diesen Prozess. Bei einem Zahn, der noch dreißig Jahre halten soll, ist das ein erheblicher Unterschied in der Prognose.

Wie gut ist es belegt?

Hier lohnt es sich, genau hinzusehen, weil in Fortbildungen gern mehr behauptet wird, als die Datenlage hergibt.

Situation Stand der Empfehlung
Offener Apex, vitale Pulpa etabliert und breit empfohlen
Reifer Zahn, kariöse Exposition ohne Spontanschmerz empfohlen, direkte Vergleichsstudien fehlen weitgehend
Reifer Zahn, symptomatische irreversible Pulpitis wird empfohlen, aber die Studienbasis ist noch schmal
Nekrotische Pulpa keine Indikation
⚠️ Was die Leitlinie offen lässt

Die ESE hält für Zähne ohne oder mit nicht-spontanem Schmerz ausdrücklich fest, dass unbekannt ist, ob Überkappung oder Pulpotomie ebenso wirksam sind wie eine selektive Kariesentfernung. Die dortigen Empfehlungen beruhen auf Expertenkonsens, nicht auf Vergleichsstudien — solche Studien fehlen aus methodischen und ethischen Gründen.

Drei Fragen

Beim 14-jährigen Patienten mit offenem Apex und Nachschmerz: Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Gerade für Zähne mit Zeichen einer irreversiblen Pulpitis wird die vollständige Pulpotomie als minimalinvasive Alternative empfohlen. Der Nachschmerz ist ein Argument für mehr Gewebeentfernung, nicht gegen den Vitalerhalt an sich.Offene FrageWie weit trägt diese Empfehlung beim Erwachsenen? Die Studienbasis für den reifen Zahn mit symptomatischer Pulpitis ist noch schmal, und es laufen erst Studien, die Pulpotomie und Wurzelkanalbehandlung direkt vergleichen. Wer hier behandelt, bewegt sich auf sich entwickelndem Boden.

Welche Aussagen zur Blutstillung während der Pulpotomie treffen zu?

Drei. Vorhersagen lässt sie sich nicht — deshalb fällt die Entscheidung über den Umfang erst am offenen Gewebe. Und das Material ist bei partieller wie vollständiger Pulpotomie dasselbe.Offene FrageWie lange wartet man auf die Blutstillung? Die Angaben in den Empfehlungen schwanken, und eine harte Grenze ist nicht belegt. Praktisch gilt: kommt sie in wenigen Minuten nicht zum Stehen, trägt man weiter ab.

Ein 52-jähriger Patient hat an 46 eine kariöse Exposition, keinen Spontanschmerz, das Kanalsystem wirkt radiologisch eng. Was ist die fachlich sauberste Einordnung?

Die erste. Weder Alter noch kariöse Genese sind absolute Ausschlusskriterien. Ein enges, teils obliteriertes Kanalsystem verschlechtert allerdings sowohl den Vitalerhalt als auch die spätere Wurzelkanalbehandlung.Offene FrageWas bedeutet das für die Aufklärung? Dass beide Wege ihre Schwächen haben und der Patient das wissen sollte. Eine Pulpotomie, die scheitert, macht die spätere Wurzelkanalbehandlung nicht unmöglich — kostet aber Zeit und eine weitere Sitzung.

Das, was hängenbleiben soll

Wie viel Pulpa entfernt wird, entscheidet die Blutung — nicht das Röntgenbild und nicht das Lehrbuch.

Quellen

  • Duncan HF, Galler KM, Tomson PL et al. ESE position statement: management of deep caries and the exposed pulp. International Endodontic Journal 2019; 52: 923–934.Deckt ab: partielle und vollständige Pulpotomie, Indikation bei kariöser Exposition und bei irreversibler Pulpitis
  • Duncan HF, Kirkevang LL, Peters OA et al. Treatment of pulpal and apical disease: the European Society of Endodontology (ESE) S3-level clinical practice guideline. International Endodontic Journal 2023.Deckt ab: Evidenzlage zur Pulpotomie im Vergleich zur Wurzelkanalbehandlung und die Grenzen dieser Evidenz
  • Coll JA, Dhar V et al. Guideline for Use of Vital Pulp Therapy in Permanent Teeth. American Academy of Pediatric Dentistry.Deckt ab: Abhängigkeit vom Wurzelreifegrad, Zeitfenster der Blutstillung, Materialwahl
  • Expert consensus on pulpotomy in the management of mature permanent teeth with pulpitis. Society of Cariology and Endodontics, Chinese Stomatological Association. International Journal of Oral Science 2025.Deckt ab: Abgrenzung partielle und vollständige Pulpotomie, intraoperative Neubewertung der Entzündung

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