Chirurgie Vertiefung 7 Min

Wurzelrest — belassen oder entfernen

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Eine abgebrochene Wurzelspitze — und eine Entscheidung, bei der der Bergungsversuch mehr Schaden anrichten kann als das Fragment.

1Was für das Belassen sprichtVier Kriterien, die zusammen gelten müssen.
2Was dagegen sprichtVier andere.
3Warum der Bergungsversuch riskant istDas Fragment wandert.
4Was dokumentiert und gesagt wirdBeides zwingend.
7 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen3 Quellen

„Ist da noch was drin?“

Während der Extraktion51 Jahre, Extraktion 46. Die mesiale Wurzelspitze ist bei etwa zwei Millimetern abgebrochen und liegt tief, nahe am Kanalverlauf. Präoperativ bestand keine Entzündung. „Ist da noch was drin? Was passiert jetzt?“

Ja, und in dieser Konstellation bleibt es vermutlich drin. Der Bergungsversuch birgt hier mehr Risiko als das Fragment.

Der springende PunktEin kleines, apikal gelegenes Fragment ohne Entzündung ist in der Regel unproblematisch. Der Versuch, es unter schlechter Sicht zu bergen, ist es nicht.

Die Kriterien

Für das Belassen Für die Entfernung
Kleines Fragment Großes Fragment
Apikale Lage, tief im Knochen Leicht erreichbar, oberflächlich
Keine präoperative Entzündung Infizierter Zahn, apikale Aufhellung
Nähe zu Nerv oder Kieferhöhle Keine Risikostruktur in der Nähe
Geplante Implantation in dieser Region

Die Kriterien müssen zusammen gelten. Ein kleines Fragment bei präoperativer Entzündung wird entfernt — es ist dann ein Infektionsherd, unabhängig von seiner Größe. Und ein großes Fragment in unmittelbarer Nervnähe wird nicht um jeden Preis geborgen.

Drei Gründe:

Das Fragment wandert. Der Druck beim Bergungsversuch verschiebt es weiter nach apikal — im Oberkiefer in Richtung Kieferhöhle, im Unterkiefer in Richtung Kanal. Was zu Beginn erreichbar war, ist es danach nicht mehr.

Der Knochenabtrag summiert sich. Um an ein tiefliegendes Fragment zu gelangen, muss Knochen entfernt werden — teilweise mehr, als das Fragment an Problemen verursachen würde.

Die Sicht ist schlecht. Eine blutende Alveole mit einem kleinen Fragment darin ist die Situation, in der unkontrolliert gearbeitet wird. Und unkontrolliertes Arbeiten in Nervnähe ist der Weg zur Läsion.

Was stattdessen gilt: Ein Versuch unter guter Sicht, dann die Entscheidung. Nicht drei Versuche mit steigendem Aufwand.

Was dokumentiert und gesagt wird

Was Inhalt
Kontrollaufnahme Lage und Größe des Fragments festhalten
Dokumentation Größe, Lage, Begründung der Entscheidung, Aufklärung
Aufklärung des Patienten Dass ein Fragment verblieben ist und warum
Kontrolltermin Klinisch und radiologisch, nach vereinbartem Intervall
Warnzeichen Woran er erkennt, dass etwas nicht stimmt
⚠️ Die Aufklärung ist nicht verhandelbar

Ein belassenes Fragment, von dem der Patient nichts weiß, ist bei einer späteren Aufnahme in einer anderen Praxis ein Vertrauensproblem — auch wenn die Entscheidung fachlich richtig war.

Was gesagt wird: dass ein kleines Stück Wurzelspitze verblieben ist, dass die Entfernung mehr Risiko bedeutet hätte als das Belassen, dass solche Fragmente in aller Regel reaktionslos einheilen und dass kontrolliert wird. Das ist eine plausible Erklärung, und sie kostet zwei Sätze.

Belassene Fragmente werden in aller Regel vom Knochen umschlossen und bleiben reaktionslos. Manche wandern über Jahre nach koronal und werden dann leicht erreichbar — das ist der günstige Verlauf.

Was zur Entfernung führt: Beschwerden, eine periapikale Aufhellung um das Fragment oder eine Entzündung. Dann wird es entfernt, und meist unter besseren Bedingungen als am Tag der Extraktion.

Bei einer geplanten Implantation in dieser Region ist die Entscheidung anders zu treffen — dort wird das Fragment in der Regel entfernt, weil es die Planung beeinflusst.

Drei Fragen

Eine kleine Wurzelspitze ist abgebrochen und liegt nahe am Kanalverlauf, keine präoperative Entzündung. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Der Bergungsversuch birgt hier mehr Risiko als das Fragment.Offene FrageWas passiert beim Bergungsversuch? Das Fragment wandert unter dem Druck weiter nach apikal — was zu Beginn erreichbar war, ist es danach nicht mehr.

Was spricht für die Entfernung?

Drei. Bei präoperativer Entzündung ist das Fragment ein Infektionsherd, unabhängig von seiner Größe.Offene FrageWas gilt für den Versuch? Einer unter guter Sicht, dann die Entscheidung — nicht drei mit steigendem Aufwand.

Was gehört in die Aufklärung?

Drei. Es ist kein Fehler — aber ein Fragment, von dem der Patient nichts weiß, ist bei einer späteren Aufnahme anderswo ein Vertrauensproblem.Offene FrageWas führt später zur Entfernung? Beschwerden, eine periapikale Aufhellung oder eine Entzündung. Dann meist unter besseren Bedingungen als am Tag der Extraktion.

Das, was hängenbleiben soll

Klein, apikal, entzündungsfrei darf bleiben — und der Bergungsversuch schiebt es tiefer.

Quellen

  • Schwenzer N, Ehrenfeld M (Hrsg.): Zahnärztliche Chirurgie. Reihe Zahn-Mund-Kiefer-Heilkunde, 4. Auflage. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2009. ISBN 978-3-13-159094-7 — Komplikationsraten, Verlauf belassener Fragmente und Kriterien für die Entscheidung.Deckt ab: Verlauf belassener Wurzelfragmente, Komplikationsraten und Entscheidungskriterien
  • Bürgerliches Gesetzbuch § 630e — Aufklärungspflichten und die Anforderungen bei Änderung des Behandlungsverlaufs.Deckt ab: Aufklärung über das Belassen eines Fragments
  • Bürgerliches Gesetzbuch § 630f — Dokumentationspflicht einschließlich der Aufzeichnung von Abweichungen vom geplanten Verlauf.Deckt ab: Dokumentation der Abweichung vom geplanten Verlauf

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