Chirurgie Vertiefung 7 Min

Verletzung des Nervus alveolaris inferior

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Ein Patient ruft an, weil die Taubheit nicht nachlässt — und was jetzt zählt, ist die Dokumentation eines Ausgangsbefunds.

1Welche drei Schweregrade unterschieden werdenUnd was sie für die Prognose bedeuten.
2Was am ersten Tag dokumentiert wirdDer Bezugspunkt für alles Weitere.
3Was medikamentös sinnvoll istWeniger, als oft angenommen.
4Wann weitergeleitet wirdUnd woran du den Zeitpunkt erkennst.
7 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen3 Quellen

„Wird das wieder?“

Anruf, einen Tag nach der Extraktion43 Jahre, Zahn 48 gestern entfernt. Die Unterlippe rechts ist weiterhin taub, dazu ein leichtes Kribbeln. Die Anästhesie liegt etwa zwanzig Stunden zurück. „Meine Lippe ist noch taub. Ist das normal? Wird das wieder?“

Nach zwanzig Stunden ist die Anästhesiewirkung sicher abgeklungen — es liegt also eine Schädigung vor. Die Antwort auf seine zweite Frage lautet in den meisten Fällen ja.

Der springende PunktDie meisten dieser Schädigungen bilden sich zurück. Was jetzt gebraucht wird, ist ein dokumentierter Ausgangsbefund — ohne ihn lässt sich später keine Besserung belegen.

Die drei Schweregrade

Grad Was geschädigt ist Prognose
Leichteste Form Leitungsblockade, Struktur erhalten Vollständige Erholung
Mittlere Form Nervenfaser unterbrochen, Hülle erhalten Erholung über Monate wahrscheinlich
Schwerste Form Vollständige Durchtrennung Erholung eingeschränkt

Die überwiegende Mehrheit der Fälle nach zahnärztlichen Eingriffen betrifft die leichteste Form — Druck, Dehnung oder Quetschung ohne Durchtrennung. Das ist der Grund, warum die Prognose insgesamt günstig ist.

Die Erholung erfolgt über Wochen bis Monate, in Einzelfällen länger. Eine Besserung, die nach mehr als einem Jahr ausbleibt, wird in aller Regel als bleibend eingeordnet.

Der Ausgangsbefund — er ist der Bezugspunkt für alle späteren Kontrollen. Ohne ihn lässt sich nicht sagen, ob sich etwas gebessert hat.

  • Ausdehnung: Welches Gebiet ist betroffen? Am besten in eine Skizze eingezeichnet oder fotografisch markiert.
  • Art der Störung: Vollständiges Taubheitsgefühl, verminderte Empfindung, Kribbeln, unangenehme Missempfindung oder Schmerz?
  • Prüfung: Reaktion auf leichte Berührung, auf spitz und stumpf, im Seitenvergleich.
  • Zeitpunkt: Seit wann, und ob es sich seit gestern verändert hat.

Diese Untersuchung dauert wenige Minuten und wird bei jeder Kontrolle wiederholt — mit demselben Vorgehen, damit die Befunde vergleichbar sind.

Und ergänzend: Der präoperative Befund und die Aufklärung über das Risiko gehören ebenfalls in die Akte. Wenn die Kanalnähe im Bild erkennbar war und das Risiko besprochen wurde, ist das später die entscheidende Information.

Was medikamentös sinnvoll ist

Weniger, als vielerorts angenommen. Für die gängigen Maßnahmen ist die Datenlage schwach.

Maßnahme Einordnung
Kurzzeitige Kortikosteroidgabe Wird bei früher Gabe diskutiert, Evidenz begrenzt
Vitamin-B-Präparate Verbreitet, Nutzen nicht belegt
Abwarten mit strukturierter Kontrolle Der tragende Teil des Vorgehens

Der entscheidende Punkt ist die dritte Zeile. Was tatsächlich hilft, ist die regelmäßige Kontrolle mit dokumentiertem Befund — und die rechtzeitige Weiterleitung, wenn keine Besserung eintritt.

⚠️ Wann weitergeleitet wird

Wenn nach einigen Monaten keine erkennbare Besserung eingetreten ist. Der genaue Zeitpunkt wird unterschiedlich angegeben, aber das Prinzip ist einheitlich: Je länger gewartet wird, desto geringer die Aussicht auf ein Eingreifen.

Und sofort weitergeleitet wird bei Zeichen, die über die reine Gefühlsstörung hinausgehen — insbesondere bei einer schmerzhaften Missempfindung. Sie hat eine andere Bedeutung und einen anderen Behandlungsweg als eine reine Taubheit.

Ehrlich über beides: dass die Prognose in den meisten Fällen günstig ist und dass es Wochen bis Monate dauern kann.

Was dabei hilft: die konkrete Beschreibung des Verlaufs. Die Erholung geschieht nicht plötzlich, sondern allmählich — oft zuerst am Rand des betroffenen Gebiets, dann zur Mitte hin. Ein Patient, der das weiß, deutet ein Kribbeln als gutes Zeichen statt als Verschlechterung.

Was nicht hilft: die Zusage, dass es sicher wieder wird. Sie ist nicht zu halten — und wenn sie sich nicht erfüllt, ist das Vertrauen zusätzlich beschädigt.

Und der praktische Hinweis: Bei Taubheit der Unterlippe besteht Verletzungsgefahr beim Essen und bei heißen Getränken. Das gehört gesagt, weil er es sonst erst merkt, wenn er sich verletzt hat.

Drei Fragen

Einen Tag nach der Extraktion besteht eine Taubheit der Unterlippe. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Sie sind verbreitet, ihr Nutzen ist nicht belegt.Offene FrageWas ist der tragende Teil des Vorgehens? Die strukturierte Kontrolle mit dokumentiertem Befund — und die rechtzeitige Weiterleitung, wenn keine Besserung eintritt.

Was gehört in den Ausgangsbefund?

Drei. Die Untersuchung wird bei jeder Kontrolle mit demselben Vorgehen wiederholt, damit die Befunde vergleichbar sind.Offene FrageWas gehört ergänzend in die Akte? Der präoperative Befund und die Aufklärung über das Risiko — wenn die Kanalnähe erkennbar war und besprochen wurde, ist das später entscheidend.

Wann wird weitergeleitet?

Drei. Eine schmerzhafte Missempfindung hat eine andere Bedeutung und einen anderen Behandlungsweg als eine reine Taubheit.Offene FrageWelcher praktische Hinweis gehört ins Gespräch? Die Verletzungsgefahr beim Essen und bei heißen Getränken — sonst merkt er es erst, wenn er sich verletzt hat.

Das, was hängenbleiben soll

Ausgangsbefund am ersten Tag — ohne ihn ist keine Besserung belegbar.

Quellen

  • Sarikov R, Juodzbalys G: Inferior Alveolar Nerve Injury after Mandibular Third Molar Extraction – a Literature Review. eJournal of Oral & Maxillofacial Research 2014; 5(4): e1 — Einteilung, Erholungswahrscheinlichkeit, Zeitverlauf und der Stellenwert medikamentöser Maßnahmen. DOIDeckt ab: Erholungswahrscheinlichkeit, Zeitverlauf und der Stellenwert medikamentöser Maßnahmen
  • Seddon HJ. Three types of nerve injury. Brain 1943; 66: 237–288 — Einteilung der Nervschädigungen in Neurapraxie, Axonotmesis und Neurotmesis.Deckt ab: Einteilung der Nervschädigungen und die daraus abgeleitete Prognose
  • Bürgerliches Gesetzbuch § 630f und § 630c Absatz 2 — Dokumentationspflicht sowie die Informationspflicht bei erkennbaren Behandlungsfehlern.Deckt ab: Dokumentation des Befunds und des Verlaufs

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