Chirurgie Vertiefung 7 Min

Herzerkrankung und Endokarditisprophylaxe

Schritt 1 ·

Was du danach erklären kannst

Eine Prophylaxe, die nur für eine kleine Gruppe gilt — und ein Ausweichmittel, das über Jahrzehnte Standard war und nicht mehr empfohlen wird.

1Wer zur Hochrisikogruppe gehörtUnd wer ausdrücklich nicht.
2Welche Eingriffe betroffen sindNicht alle zahnärztlichen.
3Was sich bei der Substanzwahl geändert hatClindamycin ist raus.
4Was wichtiger ist als die ProphylaxeDer Punkt, der untergeht.
7 MinutenVertiefung3 Selbstcheck-Fragen3 Quellen

„Ich brauche immer eine Spritze vorher“

Vor der Extraktion59 Jahre, mechanischer Aortenklappenersatz vor fünf Jahren, dauerhafte Antikoagulation. Extraktion 25 geplant. „Der Kardiologe hat gesagt, ich brauche immer eine Spritze vorher beim Zahnarzt.“

Er gehört tatsächlich zur Hochrisikogruppe — eine Spritze braucht er allerdings nicht. Die Prophylaxe erfolgt bei ambulanten zahnärztlichen Eingriffen oral.

Der springende PunktDie Prophylaxe ist auf Hochrisikopatienten beschränkt. Bei mittlerem oder geringem Risiko wird sie ausdrücklich nicht empfohlen.

Wer zur Hochrisikogruppe gehört

Prophylaxe empfohlen Prophylaxe nicht empfohlen
Nach überstandener Endokarditis Koronare Herzkrankheit
Klappenprothesen, auch Transkatheterklappen Bluthochdruck
Bestimmte Vitien und Klappenrekonstruktionen mit Fremdmaterial Herzschrittmacher
Linksventrikuläre Unterstützungssysteme Abgeheilte Erkrankung ohne Klappenschaden
Bestimmte angeborene Herzfehler Mitralklappenprolaps ohne Insuffizienz

Die rechte Spalte ist genauso wichtig wie die linke. Bei mittlerem und geringem Risiko spricht die Leitlinie eine Empfehlung gegen die Prophylaxe aus — nicht nur keine dafür. Eine Antibiotikagabe ohne Indikation ist keine harmlose Sicherheitsmaßnahme.

Zahnärztliche Eingriffe, bei denen die Gingiva oder die periapikale Region manipuliert oder die orale Mukosa perforiert wird — also Extraktionen, chirurgische Eingriffe, subgingivale Maßnahmen und die Wurzelkanalbehandlung über den Apex hinaus.

Nicht betroffen sind Eingriffe ohne Blutungsrisiko: die Lokalanästhesie in nicht infiziertem Gewebe, supragingivale Maßnahmen, die Entfernung von Nähten, Röntgenaufnahmen und die Anpassung von Zahnersatz.

Neu in der aktuellen Fassung: Bei Hochrisikopatienten kann eine Prophylaxe auch vor invasiven Eingriffen an Atemwegen, Magen-Darm-Trakt, Urogenitaltrakt, Haut und Bewegungsapparat erwogen werden. Das betrifft nicht die zahnärztliche Praxis unmittelbar, gehört aber zum Bild.

Was sich bei der Substanzwahl geändert hat

Clindamycin wird nicht mehr empfohlen. Es war über Jahrzehnte das Standardausweichmittel bei Penicillinallergie und ist in vielen Praxisunterlagen weiterhin so vermerkt. Der Grund für die Streichung sind die Komplikationen durch Clostridioides difficile.

Situation Substanz
Standard Amoxicillin oder Ampicillin, Einzeldosis
Penicillinallergie Cephalosporin, Azithromycin, Clarithromycin oder Doxycyclin
Nach Anaphylaxie, Angioödem oder Urtikaria auf Penicillin Kein Cephalosporin

Die Gabe erfolgt als Einzeldosis 30 bis 60 Minuten vor dem Eingriff. Die Dosierungen einschließlich der gewichtsbezogenen Angaben für Kinder stehen in der Leitlinie und der Fachinformation.

⚠️ Was wichtiger ist als die Prophylaxe

Die Mundgesundheit selbst. Die Leitlinie betont, dass die Aufrechterhaltung der oralen Gesundheit und die regelmäßige zahnärztliche Kontrolle für Hochrisikopatienten von größerer Bedeutung sind als die einmalige Antibiotikagabe vor einem Eingriff.

Der Grund ist einleuchtend: Bakteriämien entstehen nicht nur bei Eingriffen, sondern täglich beim Kauen und bei der Mundhygiene — und bei entzündetem Zahnfleisch häufiger und stärker. Wer einem Hochrisikopatienten helfen will, sorgt für ein gesundes Parodont. Das ist die eigentliche Prophylaxe.

Drei Fragen

Ein Patient mit mechanischem Klappenersatz benötigt eine Extraktion. Welche Aussage trifft nicht zu?

Die dritte. Clindamycin wird wegen der Komplikationen mit Clostridioides difficile nicht mehr empfohlen — es steht aber noch in vielen Praxisunterlagen.Offene FrageWas kommt stattdessen in Betracht? Cephalosporine, Azithromycin, Clarithromycin oder Doxycyclin — Cephalosporine allerdings nicht nach Anaphylaxie, Angioödem oder Urtikaria auf Penicillin.

Bei welchen Eingriffen ist die Prophylaxe vorgesehen?

Drei. Eingriffe ohne Blutungsrisiko sind nicht betroffen — dazu zählen auch supragingivale Maßnahmen und die Anpassung von Zahnersatz.Offene FrageWas gilt bei mittlerem und geringem Risiko? Die Leitlinie spricht eine Empfehlung gegen die Prophylaxe aus — nicht nur keine dafür.

Was ist für Hochrisikopatienten wichtiger als die Prophylaxe?

Die erste. Bakteriämien entstehen täglich beim Kauen und bei der Mundhygiene — bei entzündetem Zahnfleisch häufiger und stärker.Offene FrageWas folgt daraus? Wer einem Hochrisikopatienten helfen will, sorgt für ein gesundes Parodont und regelmäßige Kontrollen. Das ist die eigentliche Prophylaxe.

Das, was hängenbleiben soll

Nur Hochrisiko, kein Clindamycin mehr — und das gesunde Parodont wirkt stärker als jede Einzeldosis.

Quellen

  • Delgado V, Ajmone Marsan N, de Waha S et al. 2023 ESC Guidelines for the management of endocarditis. European Heart Journal 2023; 44: 3948–4042 — einschließlich der Empfehlungen zur Antibiotikaprophylaxe und zur Auswahl bei Penicillinallergie.Deckt ab: Indikationen der Endokarditisprophylaxe, Auswahl der Substanzen und die Empfehlungen bei Penicillinallergie
  • Deutsche Gesellschaft für Kardiologie: Pocket-Leitlinie und Kommentar zur ESC-Leitlinie Endokarditis 2023 — Einordnung für den deutschsprachigen Raum.Deckt ab: Einordnung für den deutschsprachigen Raum
  • Delgado V, Ajmone Marsan N, de Waha S et al.: 2023 ESC Guidelines for the management of endocarditis. European Heart Journal 2023 — Indikationen der Prophylaxe und der Therapie sowie die Abgrenzung beider. DOIDeckt ab: Abgrenzung der Prophylaxe von der Therapie

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